Erfahrungsbericht: Ich war einmal dicker
              Ich war einmal dicker


Erfahrung von Ralf (in Form eines Interviews)

Gab es einen Auslöser, warum Sie Gewicht verlieren wollten? Was war das? (z.B. gesundheitliche Probleme, Sie wollten jemand bestimmten gefallen, jemand hat sie geärgert oder anderes)

Es gab einen Auslöser. Aber Gewicht verlieren wollte ich eigentlich nicht. Zur Person: Ich bin 180 cm groß und nie übermäßig muskulös gewesen. Zur Zeit der Ernährungsumstellung (März 2001) war ich 37 Jahre alt.

Während der zehn Jahre meiner Berufstätigkeit hatte ich mein Gewicht peu à peu auf 87 kg gesteigert. Das ist zwar noch nicht so schrecklich viel (BMI 27), aber die ersten negativen Begleiterscheinungen zeigten sich schon. Beim Bücken oder beim Einsteigen in ein Auto war mir der Bauch rein mechanisch im Weg und beschränkte mich in meiner Beweglichkeit. Außerdem habe ich mich damals ausgesprochen ungern im Spiegel betrachtet. Meine arme Waage wurde des öfteren von mir als Lügner beschimpft – völlig zu Unrecht, wie ich heute weiß!

Was war aber nun der Auslöser? Eine Kombination aus zwei Ereignissen, die zeitlich zusammen fielen. Im Januar wurden bei meiner Frau verengte Herzkranzgefäße festgestellt. Mit einem Herzkathetereingriff wurde das Problem zwar behoben. Aber ein Schock war das für mich schon. Die Ärzte haben ihr damals empfohlen, ihre Ernährung auf cholesterinarm umzustellen.

Im März erfasste mich dann eine ausgewachsene Depression. Die hatte sich die Monate vorher schon aufgebaut, weil damals beruflich bei mir einiges schief lief. Gleichzeitig musste meine Frau noch einmal ins Krankenhaus. Beim ersten Eingriff war eine Koronararterie doch nicht ausreichend versorgt worden. Da saß ich nun daheim, war 14 Tage krankgeschrieben, bekam leichte Antidepressiva und hatte Zeit zum Nachdenken.

Damals beschloß ich, dass ich die Gesundheit meiner Frau nicht durch meine fehlerhafte Ernährung auf dem Gewissen haben wollte. Aus Solidaritätsgründen wollte ich meine Ernährung mit umstellen. In einem Merkblatt, das die Ärzte ihr mitgegeben hatten, blieben noch genügend leckere Speisen übrig, die man guten Gewissens verzehren konnte.

Und ich freute mich darauf, endlich wieder kochen zu dürfen. Diese alte Leidenschaft hatte jahrelang brach gelegen. Als ich nach 14 Tagen wieder zum Arzt ging, hatte ich bereits 3 kg abgenommen und meinen Cholesterinspiegel von 210 mg/l auf 189 mg/l gesenkt. Da habe ich gemerkt, dass die Ernährungsumstellung nicht nur meiner Frau gut tut, sondern auch mir. Also beschloß ich, am Ball zu bleiben.

Mittlerweile bin ich bei 71 (+-1) kg oder BMI 22 angelangt. Damit habe ich mein Ziel erreicht. Ich würde zwar gerne irgendwann mal unter 70 kg kommen. Um das Gefühl mal wieder zu haben. Aber unter 68 kg oder BMI 21 möchte ich möglichst nicht mehr kommen.

Was ging während des Abnehmens in Ihrem Kopf vor, wie motivierten Sie sich kurzfristig, entsprechende Maßnahmen durchzuführen? Hatten Sie beispielsweise abschreckende Visionen, freuten Sie sich auf etwas? An was dachten Sie, was fühlten Sie?

Ein weites Feld. Anfangs war meine Hauptmotivation, meiner Frau etwas Gutes zu tun. Aber schon nach wenigen Wochen ging es mir in erster Linie um mich und meine Gesundheit. Worauf ich mich immer wieder gefreut habe und immer noch freue, ist das Kochen.

Es macht mir unheimlich viel Freude, eine Mahlzeit zu planen, die Zutaten zu beschaffen, das Essen zuzubereiten und nachher das gelungene Werk möglichst gemeinsam zu vernichten. Wichtig war mir dabei immer, dass die Mahlzeit nicht nur gesund, sondern auch schmackhaft sein sollte. Ich glaube, dass ich das mittlerweile gut hinkriege. Mir schmeckt mein Gekochtes, und meine Frau vertilgt es meistens auch mit Behagen. Wir beide geniessen es, von der leichten Kost satt zu werden ohne uns voll zu fühlen.

Heute freue ich mich z.B. auf meinen abendlichen Salat. Hätte mir das irgendjemand vor einem Jahr gesagt, als dickbelegte Wurst- und Käsebrote mein Standard-Abendesssen waren – ich hätte ihn für verrückt erklärt.

In einer Zeit, in der ich beruflich absolut nichts auf die Reihe bekam, konnte ich mich auf kulinarischem Gebiet kreativ entfalten. Und meiner Frau und mir damit auch noch was Gutes tun.

Viel beigetragen hat es wohl auch, dass ich in unserer Umgebung gute Ernährungsfachgeschäfte entdeckte. Bislang hatte ich immer nur im Supermarkt einheitsverpackte Fertigwaren eingekauft. Es tat sich wirklich eine neue Welt auf.

Wichtig war der Umgang mit dem so genannten „kleinen Hunger zwischendurch“. Früher habe ich ihn meistens unterdrückt, was sich dann beim Beladen der Teller für die Haupt-mahl-zeiten auswirkte. Und wenn ich ihm doch widerwillig nachgab, dann meist in Form von Süßigkeiten.

Heute sind die kleinen Zwischenmahlzeiten vor allem am Vormittag geplanter Bestandteil meiner Nahrungsaufnahme. Meistens wähle ich eine Vollkornsemmel pur oder etwas Obst. Und ich esse es auch nicht mehr heimlich. Mittlerweile habe ich entdeckt, dass es an jeder Ecke Bäckereien und Obststände gibt. Da kann man sich eine Vollkornsemmel oder schöne Früchte kaufen. Auch wenn ich „unterwegs“ bin, muss ich also nicht unbedingt zu Süßigkeiten greifen.

Wenn ich doch mal „rückfällig“ werde (Schokolade, Weingummi, fettes Fleisch mit Soße), stelle ich zu meiner Überraschung fest, dass die Speisen gar nicht so gut schmecken wie in meiner Erinnerung. Sehr schnell habe ich das Wegschmeißen gelernt. Wenn ich nach 3 oder 4 Stücken Schokolade genug habe, wandert der Rest der Tafel halt in den Papierkorb.

Für die Ernährung nehme ich mir heute viel mehr Zeit als früher. Ich habe ja am eigenen Leib erlebt, was passiert, wenn man so etwas Elementares delegieren will an Kantinenköche, Restaurants, Fast-Food-Imbisse und die Nahrungsmittelindustrie.

So ab 6-7 kg Gewichtsverlust kamen die ersten anerkennenden Bemerkungen von Kollegen und Freunden. Meine Frau mochte mich mit jedem verlorenen Kilo mehr. Auch so etwas motiviert.

Wie motivieren Sie sich das neue Gewicht zu halten?

Tägliches Wiegen.

Betrachten meines schlanken Körpers im Spiegel.

Freude an der wiedergewonnenen Beweglichkeit.

Kauf schöner Kleidung in Größen, die vor einem Jahr noch unerreichbar schienen.

Spaß am schlanken, gesunden Kochen.

Freude an schmackhaften, selbst bereiteten Speisen, die nicht dick machen.

Wenn Sie sich vorstellen, Sie hätten wieder das alte Gewicht, welche Empfindungen haben Sie dabei?

Da denke ich recht selten dran. Ich freue mich lieber an dem Ist-Zustand. Aber wenn, dann bin ich von Abscheu und Ekel erfüllt. Nein, so möchte ich nie wieder sein!

Welche Methoden benutzten Sie zur Gewichtsreduktion (z. B. Ernährungs-um-stellung, Diät, Mentaltraining, Akupunktur, Sport)?

Nahezu ausschließlich Ernährungsumstellung nach den Richtlinien cholesterinarmer Ernährung.

Im einzelnen:

  • Ich achte auf fettarme Nahrung. Insbesondere meide ich tierische und verdeckte Fette. Das heißt: Wurst ist komplett gestrichen, Süßigkeiten gibt es so gut wie keine mehr. Käse sollte weniger als 30 % Fett i. Tr. haben und wird auch nur selten und in geringem Umfang verzehrt.
  • Fleisch gibt es nur noch maximal 3-4 mal die Woche mit Portionsgrößen unter 150g. Und natürlich nur fettarme Sorten (Pute, Hühnerbrust, Filet von Rind/Schwein/Lamm, Strauß etc.). Dafür steht öfter Fisch auf dem Speiseplan. Natürlich auch möglichst fettarme Sorten (also KEIN Aal, Lachs oder Hering).
  • Hauptnahrungsmittel sind Kohlenhydrate und frische pflanzliche Nahrung. Ich versuche, den Großteil meines Energiebedarfs mit Vollkornbrot und –semmeln, Vollkornnudeln, Naturreis und Kartoffeln zu decken. Obst und Gemüse stopfe ich mir in rauhen Mengen rein. Gemüse dämpfe oder schmore ich bevorzugt. Unser Standard-Abendessen ist ein schöner gemischter Salat mit wechselnder Zusammensetzung und wechselnder Würze.
  • Ich trinke mindestens 2 Liter täglich. Mein Hauptgetränk ist Wasser (am liebsten gutes Münchner Leitungswasser, das ich selbst mit wenig Kohlensäure versetze). Kaffee gibt es nur noch morgens. Alkohol trinke ich nach wie vor regelmäßig. Allerdings bin ich vom halben Liter Bier auf ein Glas schönen italienischen Weins umgestiegen.

Das Seltsame daran: Ich habe überhaupt nicht das Gefühl, auf irgendetwas zu verzichten oder mich zu beschränken. Im Gegenteil: Nie habe ich so gut und schmackhaft gegessen wie im letzten Jahr. Und der Speisezettel hat sich enorm bereichert mit vielen leckeren, kalorienarmen Zutaten.

Sport treibe ich immer noch nicht. Zumindest nicht systematisch. Allerdings bewege ich mich schon etwas mehr als früher. Im Sommer habe ich regelmäßig ausgedehnte Spaziergänge in die Umgebung unternommen. 1,5 Stunden waren normal, manchmal wurden auch 3 oder 4 Stunden daraus.

Außerdem steige ich regelmäßig die 5 Stockwerke (ca. 150 Treppenstufen) zu meinem Büro hoch. Mindestens zweimal am Tag, meistens sogar drei- oder viermal. Mittlerweile bin ich sogar schneller als der Aufzug.

Aber den regelmäßigen Besuch im Fitness-Studio oder das tägliche Jogging habe ich mir noch nicht angewöhnen können.

Welche Methoden wenden Sie an, das neue Gewicht zu halten?

Ich halte mich möglichst streng an meine neuen Ernährungsgewohnheiten. Wenn ich mich doch mal weniger gesund ernähre (was z.B. auf Dienstreisen immer wieder vorkommt), dann achte ich an den Tagen danach umso stärker auf eine fettarme und ballaststoffreiche Ernährung. Meist sind dann die ein bis zwei kurzfristig angeeigneten Kilos in zwei bis drei Tagen wieder abgeworfen.

Wie oft wiegen oder messen Sie sich?

Nach Möglichkeit wiege ich mich täglich jeden Morgen nach Aufstehen und Klogang und vor dem Frühstück.

Worin sehen Sie für sich persönlich die Vorteile Ihres geringeren Gewichtes?

Ich bin spürbar beweglicher. Weil der Bauch nicht mehr so oft im Wege steht. Bücken und Einsteigen ins Auto fällt mir wieder leicht. Bei Belastungen ermüde ich auch nicht mehr so schnell wie früher.

Ich fühle mich attraktiver. Ich schaue nicht mehr weg, wenn ich an einem Spiegel oder einer Schaufensterscheibe vorbei gehe. Meine Frau nimmt mich viel lieber wieder in den Arm, weil der Bauch dabei nicht mehr so stört. Außerdem bekomme ich anerkennende Bemerkungen von Freunden und Kollegen. Eins der nettesten Komplimente hörte ich von einer Bekannten, die mich erst kennt, seit ich wieder schlank bin: „... das bißchen Ralf ...“

Mit dem Gewichtsverlust haben sich aber auch noch einige andere überraschende „Nebenwirkungen“ eingestellt, die ich nicht missen möchte:

  • Mein Zahnfleischbluten, früher nahezu täglich vorhanden, ist weitgehend weg.
  • Auch das Sodbrennen, seit Schultagen ein täglicher Begleiter, hat sich total verabschiedet.
  • Der Cholesterinwert ist von 212 mg/dl im Dezember 2000 auf 159 mg/dl im Februar 2002 gesunken.
  • Auch die Purine sind nicht mehr grenzwertig.

Irgendwie hat sich doch gesamt-gesundheitlich was getan bei mir.

Beschreiben Sie das Gefühl, es geschafft zu haben!

Es ist ein tolles Gefühl. Ich bin richtig stolz auf mich. Weil ich mir selbst bewiesen habe, dass eine Änderung schlechter Gewohnheiten möglich ist und gute Erfolge nach sich zieht. Der Gewichtsverlust war einer der wenigen Lichtpunkte im ansonsten trüben Jahr 2001.

Ich habe aber auch bemerkt, dass Abnehmen allein nicht glücklich macht. Nach wie vor knapse ich an den Nachwirkungen der Depression herum. Aber auch hier habe ich jetzt endlich Schritte unternommen, um systematisch dagegen vorzugehen.

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© Eva Schumann,
Freising 2002

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