UN-Gremium für Artenvielfalt: Bestäuber ernsthaft bedroht. Was wir tun können.

Die Natur arbeitet in vielerlei Hinsicht für uns – wenn wir sie lassen: Über Dreiviertel der Weltnahrungsmittel sind ganz oder teilweise auf eine Bestäubung durch Insekten oder andere Tiere angewiesen. Aber die sind zunehmend gefährdet – über 40 Prozent der wirbellosen Bestäuberarten (das sind Insekten, Spinnentiere etc.) sind sogar vom Aussterben bedroht -, so das Ergebnis einer zweijährigen Studie über Bestäuber, Bestäubung und Lebensmittelproduktion eines Gremiums der Vereinten Nationen (United Nations, UN) für Artenvielfalt. „Ohne Bestäuber könnten sich viele von uns nicht mehr an Kaffee, Schokolade, Äpfel und Anderem unseres alltäglichen Lebens erfreuen“, sagt Dr. Simon Potts, einer der beiden Studienleiter und Professor für Artenvielfalt und Dienstleistungen der Natur an der University of Reading (Vereinigtes Königreich).

Sonnenblume-mit-Hummeln

77 Experten aus aller Welt, darunter auch vier deutsche Wissenschaftler, haben zwei Jahre lang 3000 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Bestäuber sowie auch Informationen über einheimische beziehungsweise örtlich übliche Methoden von über 60 Regionen der Welt gesichtet, ausgewertet und gemeinsam einen Bericht über die Bedeutung der Bestäubung und dem Zustand der Bestäuber verfasst. Ende Februar 2016 veröffentlichte eben dieses UN-Gremium mit Namen Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES, zu Deutsch: Internationale Wissenschaft-Strategie-Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen) in Kuala Lumpur (Malaysia) die Ergebnisse als den ersten Biodiversitätsbericht, und der dreht sich speziell um die Lage der Bestäuber. Der Bericht soll Politikern helfen, Entscheidungen auf Basis zuverlässiger Daten zu treffen. Er ist aber auch interessant für alle an der Natur interessierten Menschen einschließlich der Gärtner, Selbstversorger und Hobbygärtner.

Immer mehr Bestäuberarten weltweit sind von der Auslöschung bedroht und das gefährdet die Existenzen von Millionen von Menschen und die Erzeugung von Nahrungsmitteln im Werte von Hunderten von Milliarden Dollar. Doch es gibt noch Wege aus der Krise. So lautet das Ergebnis der zweijährigen Studie zusammengefasst.

Bestäubung – um was es geht

Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht …. Man sollte das Matthäus-Evangelium nicht so verstehen, dass Vögel oder andere Tiere nicht arbeiten. Tatsächlich erbringen die Natur und ihre Bestandteile sehr wohl Leistungen, die uns zugute kommen und denen man sogar einen monetären Wert zuordnen kann. (Und Vögel säen sehr wohl, wenn sie unverdaute Samen ausscheiden).

Eine sehr wichtige Leistung der Natur ist die Bestäubung. Auf eine Bestäubung durch Tiere sind viele Frucht-, Gemüse-, Samen-, Nüsse und Ölpflanzen angewiesen – viele von ihnen sind übrigens sehr wichtig für die Versorgung von Mensch und Tier mit Vitaminen, Mineralien, sekundären Pflanzenstoffen. Außerdem sind sie eine wichtige Existenzgrundlage vieler Menschen in Entwicklungsländern.

Zu den Bestäubern gehören beispielsweise

  • Insekten (Wildbienen, Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Fliegen, Wespen, Käfer etc.),
  • Vögel (Kolibris),
  • Säugetiere (Fledermäuse)
  • und andere.

Sie bestäuben Wildpflanzen und Kulturpflanzen – also Nahrungspflanzen, Futterpflanzen, Bioenergiepflanzen, Faserpflanzen, Heilpflanzen und Baumaterialien.

Welchen Wert hat die Arbeit der Bestäuber?

  • Dreiviertel (75 Prozent) der Welt-Nahrungsmittelernte ist ganz oder teilweise von einer Bestäubung abhängig.
  • Zwischen 235 und 577 Milliarden US-Dollar beträgt der Wert der jährlichen Ernte weltweit, die von Bestäubern abhängig ist.
  • In den letzten 50 Jahren ist das Volumen der landwirtschaftliche Produktion, die von der Bestäubung durch tierische Bestäuber abhängig ist, um 300 Prozent gestiegen.
  • Fast 90 Prozent der Wildblumen sind von tierischen Bestäubern in irgendeiner Weise abhängig.
  • Honigbienen produzieren 1,6 Millionen Tonnen Honig pro Jahr.
  • Bestäuber haben neben der ökonomischen, auch eine soziale und kulturelle Bedeutung.

Zahlen und Fakten zur Bedrohung

So ist laut UN-Artenvielfalts-Studie die Lage:

  • 16,5 Prozent der Bestäuberarten aus dem Unterstamm der Wirbeltiere (Vögel, Säugetiere) sind vom Aussterben bedroht. Bei räumlich isolierten Arten sind es bis zu 30 Prozent.
  • Bis über 40 Prozent der Bestäuberarten aus dem Unterstamm der wirbellosen Tiere (Insekten, Spinnentiere) – besonders Bienen und Schmetterlinge – stehen vor dem Aussterben – das ergeben regionale und nationale Erhebungen, es gibt keine global flächendeckenden Daten.

Ursachen der Bedrohung von wilden Bestäubern

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Das sind laut UN-Artenvielfalts-Studie die Ursachen:

  • Umwandlung der Landnutzung (Ergänzung:Verlust an natürlichen Lebensräumen durch Straßenbau, Städtebau etc.),
  • intensive Landbewirtschaftung (Ergänzung: Monokulturen lassen kaum Platz für Feldraine mit Saumbiotopen/Lebensräume für Nützlinge aller Art, die Pflege der Bodenfruchtbarkeit und der Bodenlebewesen wird meist vernachlässigt),
  • Pestizideinsatz,
  • Verdrängung durch fremde Arten,
  • Krankheiten und Schädlinge sowie der
  • Klimawandel (der Klimawandel führt zu Veränderungen in der Verteilung der natürlichen Bestäuber und der Pflanzen, die von ihnen abhängen).

Was sagt die UN-Artenvielfalts-Studie zu Pestiziden, gentechnisch veränderten Pflanzen (GMO), Agrarsysteme?

Die Erhebung fand heraus, dass Pestizide, einschließlich der Neonicotinoide, die Bestäuber weltweit bedrohen, auch wenn der Langzeiteffekt immer noch unklar ist. Eine Pionierstudie im Feldanbau zeigte, dass das geprüfte Neonicotioid einen negativen Effekt auf Wildbienen hatte, doch die Wirkung auf Honigbienen aus Bienenhaltung war weniger eindeutig.

Genetisch veränderte Feldpflanzen, die gegen Unkräuter tolerant sind, werden eher negativ bewertet: Gräser und Wildkräuter, die Nahrung für die Bestäuber bieten, werden wegen ihnen weggespritzt (Ergänzung: statt alternativer Maßnahmen wie mechanische Unkrautbekämpfung, Abflammen, Mischkultur etc.).

Umgekehrt könnten gegen Schädlinge resistente, gentechnisch veränderte Feldpflanzen laut der Studie theoretisch den Druck auf die Bestäuber verringern, wenn dann weniger gespritzt wird. Allerdings weiß man über die subletalen (Wirkungen unterhalb der tödlichen Dosis) und indirekten Auswirkungen auf die Bestäuber wenig.

Die Bestäuber sind auch dadurch gefährdet, dass so viele Praktiken, die auf indigenem oder lokalem Wissen basierten, verloren gehen. Dazu gehören traditionelle Pflanzenbaumethoden, Landschafts- und Gartenpflege und kulturelle Beziehungen.

„Obwohl wir noch nicht alles über Bestäuber wissen, gibt es doch genug Hinweise, dass wir etwas tun müssen“, sagt Prof. Dr. Vera Lucia Imperatriz-Fonseca, ebenfalls Studienleiterin und Senior Professor an der University of São Paulo (Brasilien).

Handlungsempfehlungen zur Förderung der Bestäubervielfalt

Die von der Studie empfohlenen und unten aufgelisteten Maßnahmen lassen sich auch gut im Garten, im Urban Gardening und überall sonst umsetzen.

  • Förderung der nachhaltigen Landwirtschaft, die zu einer Diversifizierung der landwirtschaftlich genutzten Fläche führt und die ökologische Prozesse in die Nahrungsmittelproduktion integriert:
    • Artenvielfalt fördern durch Bewahrung oder Schaffung von entsprechenden Lebensräumen in der landwirtschaftlichen und der städtischen Landschaft,
    • Bewährte Anbaumethoden nutzen (Ergänzung: Hobbygärtner könnte diesbezüglich interessieren: Mischkultur, Gründüngung, Was nach Tomaten anbauen, Pflanzen für Nützlinge im Garten),
    • Austausch und Zusammenwirken von Wissenschaft und einheimischen bzw. lokalen Wissensträgern,
    • Weitergabe und Austausch von Wissen zwischen Anbauern, Wissenschaftlern, Industrie, Gemeinden und Öffentlichkeit,
    • Reduzierung der Pestizide durch bessere Ausbringung (Reduzierung der Abdrift) und Anwendung alternativer Maßnahmen.
  • Verbesserungen bei der Bienenhaltung (frühere und bessere Krankheits- bzw. Befallsdiagnosen und Behandlungen) und Auflagen beim Bienenhandel und der Standortveränderungen von Bienenvölkern.

Weitere Erkenntnisse aus der Bestäuberstudie

Eine stabile Befruchtung ist dann am besten gewährleistet, wenn es viele verschiedene Bestäuberarten gibt – selbst dann, wenn es einen gezielten Einsatz von Imker-Honigbienen gibt, denn die wilden Bestäuber veranlassen die Honigbienen, schneller zum nächsten Baum zu wechseln, wodurch die Bestäubung besonders gut wird.

Für die Ernte am besten ist also Bestäuber-Multikulti: wilde Bestäuberarten und domestizierte Bienen. Übrigens, ist laut Studie global zwar die Zahl der Bienenstöcke in den letzten 50 Jahren gestiegen, aber in Europa und Nordamerika sind sie weniger geworden.

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Was ist die IPBES eigentlich?

Im April 2012 wurde ein unabhängiges internationales Gremium mit Namen Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), zu Deutsch: Internationale Wissenschaft-Strategie-Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen, geschaffen, welches den weltweiten Zustand der Biodiversität (Artenvielfalt), der Ökosysteme und die Dienstleistungen, die diese erbringen, feststellen soll – ähnlich wie es das Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC, in Deutschland bekannt als Weltklimarat, für das Klima tut. IPBES ist für alle Mitgliedstaaten der UN offen.

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Über Eva Schumann

Werbefinanzierte Online-Publikationen: www.tinto.de. Journalistin, Bloggerin, Autorin, Texterin und Technische Redakteurin: www.evaschumann.biz.
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