Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen. (Buchvorstellung**)

Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen - Werbelink zu AmazonWer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert nicht nur die Züchtungs- und die Anbausysteme, sondern bestimmt auch, was bei den Menschen zum Essen auf den Tisch kommt. Anja Banzhaf beleuchtet in dem beim oekom verlag erschienenen Buch „Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen.“ die Geschichte der Züchtung und die Auswirkungen. Und sie lässt die Menschen zu Wort kommen, die sich gegen die Entmündigung durch die Saatgutzüchtung – sowohl in den Industrieländern, als auch in den sich entwickelnden Ländern – auflehnen. Ein wichtiges Thema  interessant aufbereitet – absolut lesenswert!

Jahrtausende lang wurde das Saatgut von den Anbauern kontrolliert und weitergegeben. In vielen Ländern ist das bis heute so, aber in den Industrieländern wurden vor etwa 200 Jahren immer mehr kommerzielle Saatgutunternehmen gegründet und eine Arbeitsteilung zwischen Züchtung, Saatgutvermehrung und Anbau in Gang gesetzt. Weil man eine standardisierte Landwirtschaft mit großen Anbauflächen wollte, wurde 1934 in Deutschland eine Saatgutbereinigung per Verordnung durchgeführt – mit der Folge, dass 90 % der alten Sorten verschwanden und nur noch zugelassene Sorten von Saatgutunternehmen verkauft werden durften.

Den Sortenschutz, den deutsche Züchter durch Gesetze und Verordnungen des nationalsozialistischen Regimes erhielten, holten sich Züchter in anderen Ländern beispielsweise durch Hybridzüchtung, Gentechnik und/oder Anmeldung von Patenten – sogar auf Sorten, die sie sich über Biopiraterie angeeignet hatten.

Viele der ursprünglich mal familiären Saatgutzüchter expandierten im Laufe der Jahrzehnte oder wurden von Agrarchemiekonzernen übernommen (Wie praktisch: Sie können nun [gebeiztes] Saatgut gleich im Paket mit Düngern und Pestiziden anbieten. In dieses Geschäftsmodell kann man wohl auch genetisch verändertes Saatgut, das gegen das eigene Unkrautvernichtungsmittel resistent ist, einordnen. Anmerk. d. Redaktion). Auch die Agrarchemiekonzerne bzw. Agrarmischkonzerne fusionier(t)en oder übernahmen und übernehmen sich gegenseitig. Die Folge ist, dass nun einige wenige Konzerne den gesamten Agrarmarkt einschließlich der Züchtung dominieren. Fünf der sechs größten Pflanzenschutzmittelhersteller gehören heute gleichzeitig zu den zehn größten Saatgutkonzernen! Zu den Big Playern am Saatgutmarkt gehören Monsanto, Limagrain, DuPont Pioneer, Syngenta, Winfield, KWS, Dow, Bayer und Sakata. Während Monsanto global führt, liegt das Unternehmen in Europa laut der Quellen von Banzhaf nur auf dem dritten Platz. Man findet  viele interessante Zahlen, Namen und Verbindungen im Buch.

Vom Staat geschützt und mittels Handelsabkommen wird dieses System auch in die sich entwickelnden Länder in Afrika, Südamerika, Asien etc. exportiert, wo dann die Anbauer ebenfalls entmündigt und oft genug kriminalisiert werden. Das ist nicht nur ungerecht und eine neue Art des Kolonialismus, sondern es gehen (genetische) Ressourcen verloren: Regionale bäuerliche Sorten sind oft besser an die örtlichen Gegebenheiten angepasst, gegen die dortigen Risiken widerstandsfähiger und sie haben einen Mehrfachnutzen (Beispiel Reis: die Reiskorn-Ernte zur Ernährung und das Reisstroh für das Hausdach). Die neuen hochentwickelten Sorten aber haben oft einen hohen Nährstoff- und Wasserbedarf und sind vom Saatgut bis zur Ernte in jeder Hinsicht teuerer.

Die vereinheitlichende Agrarindustrie/-politik macht die Taschen weniger Konzerne voll. Wie beim Goldrausch sind es vor allem die Ausstatter, die reich werden. Und nicht nur die Menschen vor Ort, auch die Weltgemeinschaft bezahlt den Preis dafür, beispielsweise durch

  • weniger Kulturpflanzenvielfalt,
  • Verlust genetischer Ressourcen,
  • weniger Anpassungsfähigkeit/höheres Ausfallrisiko durch weniger Vielfalt (weniger Genvielfalt innerhalb einer Sorte, geringere Anzahl der Kulturpflanzenarten und -sorten),
  • Schädigung der Umwelt und Vernichtung von Ökosystemen und Ressourcen durch die Förderung des Monokulturanbaus,
  • den höheren Bedarf an Pestiziden und Düngern, weil nützliche Organismen oberhalb und in der Erde reduziert werden,
  • für den hohen Ressourcen- und Energieeinsatz bzw. deren Vernichtung (zwar hoher Flächenertrag, aber ineffizient hinsichtlich Ressourcen- und Energie-Input/-Output)
  • Klimabelastung

Die Vielfalt bäuerlicher Anbausysteme, die nach Öko- und Nachhaltigkeitskriterien anbaut (Schlagwort „Agrarökologie“), und deren Pflanzenzüchtung würde (wenigstens als gewichtige Ergänzung) das Ganze krisensicherer, gerechter und ökologischer machen. Die Konzerne wollen aber genau das Gegenteil, sie wollen den ganzen Markt für sich und sie schicken ihre Lobbyisten überall hin, wo Gesetze aufkeimen könnten, die ihren Interessen entgegenstehen.

Als Mittel gegen die Abnahme der Kulturpflanzenvielfalt helfen die Genbanken übrigens nur bedingt, weil – wie ich neben vielem anderen durch das Buch gelernt habe – sich die ewig lang gelagerten Samen nicht weiter anpassen können, wie es bei Erhalt in Form des Anbaus lebender Pflanzen der Fall wäre. Außerdem haben selten die Anbauer aus der Ursprungsregion, sondern nur die Biotechnologen der Agrarkonzerne der Industrieländer Zugriff auf die einzelnen Sorten.

Die Saatgutkonzerne benutzen das Argument Ernährungssicherheit, um von oben den anderen ihren Weg aufzuzwingen. Die Bauern der bäuerlichen Landwirtschaft und mitkämpfende Bürger wollen emanzipatorische Ernährungssouveränität von unten nach oben.

Die kleinbäuerliche ökologische Landwirtschaft hat andere Ansprüche an die Sortenentwicklung. Sie braucht beispielsweise Sorten, die

  • gegen bodenbürtige Krankheiten resistent sind,
  • sich gegen Beikräuter selbst durchsetzen können (beispielsweise durch schnelle Bodenbedeckung nach der Aussaat),
  • mit weniger Wasser und Dünger zurechtkommen (nicht die HR-Sorten [Hochreaktionssorten] aus der Agrarindustrie),
  • lokal erprobt sind und
  • mit dem örtlichen Bodenleben in Symbiose den Boden und die Nährstoffe aufschließen,
  • einen breiten Genpool beinhalten und
  • dadurch flexibler sind und die außerdem
  • samenfest sind.

Allerdings steht auch der Ökoanbau immer stärker unter dem Leistungsdruck, vor allem die Gärtner, die über den Großhandel oder ähnliche Verteilungssysteme verkaufen, müssen heute genauso standardisiert liefern und brauchen hohe Erträge, um ein Einkommen zu haben. Im Ökoanbau wird viel diskutiert: Will/muss man tatsächlich den Weg der Intensivierung immer weiter mitgehen?

Von manchen Gemüsearten gibt es heute schon keine samenfesten Sorten mehr. Die Ökoanbauer wollen aber keine CMS-Hybriden, wie sie zunehmend üblich sind (Cytoplasmatic Male Sterility, CMS, steht für zytoplasmatisch-kerngenetische Pollensterilität). Da die Wünsche der Ökobauern den großen Agrarkonzernen egal sind, bleibt denen nichts anderes übrig, als selbst zu züchten. Das ist aber auch eine Frage des Geldes, das dafür investiert werden kann.

So ging es mir beim Lesen:

Ich habe mich zuerst innerlich gegen einige Fakten und Argumente gesträubt, musste deshalb das Buch nach einem Drittel noch einmal ganz von vorne anfangen. An einigen wenigen Stellen fand ich die Aussagen beim ersten Lesen etwas verkürzt bis populistisch, doch lösten sich meine Bedenken beim erneuten Lesen und Weiterlesen auf. Das Buch zeigt viele Argumente auf – auch die der Saatgutzüchterseite.

Ich erinnere mich: Ich habe vor dreißig Jahren kurz nach meinem Gartenbaustudium geglaubt, es sei vor allem eine Arbeitsteilung, wenn die Sortenzüchtung, Saatgutvermehrung und der Anbau von Pflanzen in verschiedenen Händen liegen. Vielleicht war es das zu dem Zeitpunkt auch noch bzw. ist es bei uns auch in manchen Sparten so. Von den Gärtnern, die ich kenne oder kannte, hat kaum einer eine eigene Sortenzüchtung oder Saatgutvermehrung betrieben bzw. nur für einzelne „Familiensorten“, mit denen man sich beim Feinkost-Kunden profilieren konnte. Ich bin zwar der Meinung, dass Arbeit – also auch die Saatgutzüchtung – angemessen bezahlt werden muss, doch ist es richtig, dass der Staat seit der Nazizeit die Geschäftsmodelle der Saatgutzüchter durch sehr strenge Vorgaben schützt? Erst recht, nachdem die Saatgutzüchter immer mehr in die Hände von Chemiegiganten gegangen sind und der Markt von wenigen beherrscht wird?

Wieso schützen die Industriestaaten diese Unternehmen immer noch in so einem Ausmaß, sichern ihre Geschäftsmodelle ab, obwohl diese auf Kosten der bäuerlichen Landwirtschaft, der Umwelt, der Ernährungspflanzenvielfalt, der Anpassungsfähigkeit an Veränderungen gehen und sie Standardisierung und Monokulturen propagieren? Dabei weiß man doch seit Jahrzehnten, dass das kontraproduktiv ist. Warum fördert man sie sogar durch entsprechende internationale Abkommen und vernichtet jegliche Konkurrenz? Weil sie mit Argumenten aufwarten, die Politiker fachlich oft nicht durchschauen? Weil diese Unternehmen wahnsinnig viel Geld haben, mit denen sie Politiker auf ihrer Linie fördern? Weil ihre Lobbyisten direkten Einfluss bei der Gesetzesgebung haben?

Mich erinnerte dieses Diktat der Sortenbereinigung und der Zertifizierung übrigens an die frühen Zeiten von Flussbegradigungen und Flurbereinigungen, als man alles auf ordentlich trimmte und die wichtigen Funktionen von „Unordentlichkeit“ (Biegungen, die die Geschwindigkeit verringern, und Soll-Überschwemmungsflächen) und „Komplexität“ (wie die Reduzierung der Windgeschwindigkeit durch Hecken, die ökologische Bedeutung von Feldrandbewuchs und ihren Bewohnern) übersah. Bei der Flurbereinigung hat man inzwischen ein bisschen dazugelernt. Wird man es auch beim Sortenschutz- und Saatgutverkehrsgesetz lernen, bevor es zu spät ist?

Die Autorin Anja Banzhaf hat Geografie, Ressourcenökonomik und Botanik studiert und Erfahrungen in einer Samengärtnerei gesammelt. Sie ist Garten- und Saatgutaktivistin und sie setzt sich für eine kleinbäuerliche und solidarische Landwirtschaft ein. Mit dem Buch will sie Denkanstöße geben und aufrütteln, genauer hinzuschauen – vor allem angesichts der aktuellen Überarbeitungen des EU-Saatgutrechts und der eigentlich nicht erlaubten Patentierungsversuche einiger Saatgutzüchter.

In dem Buch geht es um mehr als nur um das Saatgut und Sortenvielfalt.
Es geht um Selbstbestimmung der Menschen und um die Begrenzung der Macht der Agrarindustrie. Die Ernährungssouveränit muss bei den Menschen liegen, sie müssen entscheiden dürfen, welches Essen und welches Pflanzenzüchtungs- und Anbausystem sie möchten. Vielfalt sollte gefördert werden.

Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel. Die ersten beiden beschreiben überwiegend die Geschichte der Saatgutzüchtung und der Anbausysteme. Das dritte Kapitel lässt Menschen aus allen Teilen der Welt zu Wort kommen und beschreiben, wie sie sich die Ernährungssouveränität nicht wegnehmen lassen oder sie zurückholen wollen.

Die Schwierigkeit bei diesem Thema ist, die ganze Welt unter einen Hut zu bringen. Es gibt Unterschiede zwischen den Ländern der verschiedenen Erdteile, zwischen Industrieländern und sich entwickelnden Ländern, zwischen ehemaligen Kolonien und ehemaligen Kolonialherrschern usw. Tatsächlich gibt es große Unterschiede von Land zu Land selbst innerhalb Europas, was die Geschichte und den heutigen Stand der Unterwerfung unter die Interessen der Agrarindustrie betrifft.

Eine faire Lösungsmöglichkeit für die Problematik, die auch im Buch vorgestellt wird, könnte sein, neben dem regulierten Saatgutmarkt auch einen unregulierten zuzulassen. Wer zertifiziertes Saatgut kaufen möchte, kann das tun. Alle Sorten, auf denen kein Sortenschutz liegt, dürften aber von jedem vermehrt und auch (als nicht-zertifiziertes Saatgut) verkauft werden – natürlich klar als solches deklariert. Der Käufer (Hobbygärtner oder Erwerbsgärtner) entscheidet selbst, wann und ob er zertifiziertes Saatgut (klar unterscheidbar, einheitlich, stabil über Generationen) kaufen möchte oder eben nicht.

Mein persönliches Fazit:
Das Buch ist sehr empfehlenswert für Anbauer aller Art und alle Menschen, die bei den Themen Saatgut, Agrarindustrie, ökologischer Anbau, Entwicklungszusammenarbeit und angrenzenden Themengebieten mitreden möchten.

Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen*
Anja Banzhaf
oekom verlag** 2016
ISBN: 978-3-86581-781-5

* Werbelink zu Amazon
** Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten

Über Eva Schumann

Werbefinanzierte Online-Publikationen: www.tinto.de. Journalistin, Bloggerin, Autorin, Texterin und Technische Redakteurin: www.evaschumann.biz.
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Garten und Pflanzen, Mitreden, Öko-/Bio-Themen abgelegt und mit , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen. (Buchvorstellung**)

  1. Pingback: Monsanto in meinem Garten? | tinto bloggt

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *