Warum die EU so wichtig für uns ist (Kommentar)

Wir sind nicht in der Europäischen Union (EU), wir sind die EU! Wir, die Mitgliedstaaten, haben die EU geformt, wie sie jetzt ist. Und wenn uns etwas daran nicht gefällt, sollten wir nicht weglaufen, sondern daran arbeiten, sie zu verbessern.

Gestartet ist die EU, um die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu fördern und dadurch Kriege zu verhindern, doch inzwischen ist sie eine Wertegemeinschaft und politische Macht, von der wir EU-Bürger profitieren.

Die Europaflagge ist das offizielle Symbol der Europäischen Union.

Die Europaflagge ist das Symbol der Europäischen Union.

Die EU ist noch lange nicht perfekt, aber sie bringt uns viele Vorteile, beispielsweise:

  • Mehr als 70 Jahre Frieden auch dank der EU
  • EU-weit unkompliziertes Urlaubmachen (Einheitswährung, selten Passkontrollen, Zollfreiheit innerhalb der EU)
  • Als EU-Bürger darf man auch in anderen EU-Ländern arbeiten.
  • Es gibt internationale Programme für Schüler, Studenten und Wissenschaftler.
  • Als EU-Bürger kann man seine Rente auch in anderen EU-Ländern genießen.
  • Dank der EU haben wir eine starke Stimme in der Welt, denn die EU umfasst derzeit 510 Millionen Menschen.
  • Der EU-Binnenmarkt ist der größte gemeinsame Wirtschaftsraum der Welt und für Investoren interessant.
  • Der zunehmende Binnenhandel zwischen den Staaten schafft mehr Wirtschaftswachstum und Arbeitsplätze.
  • Die EU hat eine starke Position auf dem Weltmarkt – deshalb ist sie Trump ein Dorn im Auge und er versucht uns gegeneinander auszuspielen, um dann jeweils am längeren Hebel zu sitzen. (Er kapiert erst dieser Tage, dass nur eine starke EU auch mehr zur eigenen Verteidigung tun kann, wie es schon seit Jahren von den USA gefordert wird und von uns auch zugesagt wurde.)
  • Durch die EU gibt es eine bessere Zusammenarbeit der Polizei der verschiedenen Länder im Kampf gegen länderüberschreitende Kriminalität.
  • Dank EU haben auch unsere jeweiligen Nachbarländer höhere Umweltschutzstandards und modernere Arbeitsstätten – Umweltverschmutzung macht vor Grenzen nicht halt.
  • Demnächst Abschaffung der Roaminggebühren innerhalb der EU

Das sind nur Beispiele, von denen unser Leben und unser Alltag direkt und positiv betroffen sind.

Ein stärkeres wirtschaftliches Wachstum und ein höherer Einkommensdurchschnitt, heißt nicht, dass es allen besser geht

Einer der Nachteile für Arbeitnehmer in EU-Ländern mit höheren Lebenshaltungskosten ist, dass sie mit Arbeitnehmern aus Ländern konkurrieren, wo das Leben billiger ist und die Lohnerwartungen deshalb ebenfalls niedriger sind. Das ist ungerecht gegenüber den betroffenen Arbeitnehmern und Selbstständigen, die teilweise keinen Job finden oder nun mehrere Jobs annehmen müssen, um in ihrem teuren Land überhaupt überleben zu können. Diese Menschen fühlen sich oft von der Politik vergessen und sind dann für Nationalismus, Rassismus und Populismus empfänglich. Sie fragen sich, warum die Politiker von positiven Wirtschaftsentwicklungen reden, aber bei ihnen nichts ankommt. Wo bleibt da die soziale Gerechtigkeit?

Nationalismus und Abschottung würden nicht helfen

Man sollte nicht glauben, dass man Unternehmen auf Dauer dazu zwingen kann, in einem Land mit hohem Lebensstandard zu produzieren, wenn es dort keine günstigen Arbeitskräfte (eingewanderten Arbeiter aus anderen Ländern) mehr gibt und die einheimischen viel höhere Lohnerwartungen haben – wie sich das die Briten, die für den Brexit gestimmt haben, um ausländische Arbeitnehmer loszuwerden, vorstellen. Nein: Ausländische Unternehmen werden abwandern und damit gehen nicht nur die schlecht bezahlten, sondern alle Arbeitsplätze des jeweiligen Unternehmens weg – und sie können den Verlust des kleinen britischen Marktes (65 Millionen Einwohner) vergleichsweise leicht verschmerzen, falls sie dann mit Einfuhrzöllen bestraft werden – den riesigen gemeinsamen europäischen Markt kann man viel eher als Druckmittel gegenüber Unternehmen einsetzen, als den Markt eines einzelnen Landes. Viele inländische Unternehmen dagegen werden mit der Zeit kaputtgehen, weil sie mit den günstigeren Waren aus anderen Ländern weder im eigenen Land noch beim Export konkurrieren können. Zwar kann man die Importe ins Land dann mit Zöllen bestrafen, wie Trump das für die USA vorhat – aber wen bestraft so ein System denn am meisten: die eigenen Konsumenten und Arbeiter – sie müssen teurer einkaufen (die teurer produzierten Waren aus dem Inland oder den zusätzlichen Zoll bei importierten Waren). Man wird vermutlich versuchen, die einheimischen Arbeiter unter Druck zu setzen, damit sie für weniger Geld arbeiten, damit die einheimischen Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben – mit der Folge, dass die Schere zwischen Arm und Reich vermutlich noch größer wird. Außerdem wird diese nationale Abschottung zu einer noch schnelleren Rationalisierung und Digitalisierung führen – weil die Unternehmen damit teure einheimische Arbeitskräfte ersetzen und billiger produzieren können, sie müssen schließlich auf dem Weltmarkt bestehen.

Ich glaube, sich aus der EU zu lösen oder – wie im Fall der USA – sich abzuschotten, wird die Situation für die Unzufriedenen nicht verbessern, langfristig eher verschlechtern.

Andere Lösungen müssen her

Wir können den Lauf der Dinge nicht anhalten oder gar zurückdrehen, die Welt verändert sich, seit es sie gibt. Der Fortschritt, von der industriellen Fertigung über die zunehmende Mobilität bis zur Digitalisierung, ist immer auch mit Nebenwirkungen verbunden, unter denen manche Berufsgruppen und/oder Regionen besonders stark zu leiden haben. Wir in Deutschland versuchen zwar unsere durchschnittlich höheren Löhne und den Mindestlohn durch Qualität, Technologie und Erfahrung zu kompensieren, um insgesamt wettbewerbsfähig zu bleiben. Trotzdem gibt es auch bei uns die vom Wandel direkt und hart betroffenen Arbeitnehmer und Selbstständigen und das ist ungerecht. Um solche Situationen zu vermeiden, müsste meiner Meinung nach proaktiver vorgegangen werden, beispielsweise: Wenn eine Industrie nicht mehr zeitgemäß ist und ausläuft, dann sollten neue Unternehmen für betroffene Regionen angeworben und für die Arbeitnehmer Umschulungen, Jobmessen und so weiter organisiert werden. Wir brauchen vielleicht (bessere) Institutionen, die Entwicklungen und ihre Auswirkungen frühzeitiger aufspüren – solche Prognosen zu erstellen, sollte doch mit moderner Informatik möglich sein – und sie sollten die Politik, Kommunen und betroffene Branchen/Unternehmen nicht nur beraten, sondern auch unter Druck setzen können, Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Die Konkurrenz um Arbeitsplätze ist nur eine Ursache für Härtefälle und betrifft unter anderem uns Deutsche. Und vergleicht man die Situation in Deutschland mit den süd- und osteuropäischen Ländern jammern wir auf hohem Niveau. Aber an den schwierigen Situationen ist selten die EU schuld, sondern dass Regierungen auf nationale und internationale Krisen und Entwicklungen nicht schnell genug oder nicht ausreichend reagiert haben. Leider schieben nationale Politiker die Schuld für Fehlentwicklungen gerne auf die EU, während sie Verbesserungen dank der EU als ihre eigenen Leistungen verkaufen. Das ist insofern ärgerlich, dass eine gute Sache nicht nur nicht gewürdigt, sondern schlecht gemacht wird.

In vielerlei Hinsicht ist sowohl innerhalb der einzelnen Länder als auch auf der gemeinsamen EU-Ebene noch viel zu verbessern. Wir Bürger müssen einfordern, dass man uns zuhört. Nicht nur in der Nationalpolitik, sondern auch auf der EU-Ebene müssen wir die Politiker dazu bringen, nicht nur für Unternehmenslobbyisten der DAX- oder Euro-Stoxx-Unternehmen die Ohren aufzusperren, sondern genauso auch für kleine Unternehmer, Selbstständige, Gewerkschaften, Angestellte, Arbeiter, Studenten, Schüler, Kinder und Interessensgruppen. Aber auch wir Bürger müssen uns stärker einbringen, beispielsweise fordern, dass unsere jeweiligen Länder ihre kompetentesten Politiker nach Brüssel schicken, um uns zu vertreten, nicht solche, die man bei uns loswerden oder ins Gnadenbrot schicken will. Nicht nur beste Fachkenntnisse, sondern auch Sprachkenntnisse und internationale Kommunikationgepflogenheiten müssen solche Politiker beherrschen. Wir Bürger wiederum müssen uns auf dem Laufenden halten, welche Entscheidungen in Brüssel anstehen, und auf unsere Vertreter einwirken.

Die EU als große europäische Familie

Die EU ist keine in Brüssel verortete lästige Institution, der man die Schuld für alles von Arbeitslosigeit bis Fußpilz geben kann, sondern wir Bürger der EU-Länder sollten uns als die EU begreifen. Sie erweitert unser jeweiliges Land, die engere Familie, um viele Cousins und Cousinen und macht uns zu einer großen europäischen Familie. Wie in jeder Familie wird auch in der europäischen Familie gestritten, aber man versucht auch, sich zusammenzuraufen. Wie in jeder Familie möchte auch jeder seine Individualität, soweit wie möglich, behalten dürfen, aber man hält trotzdem zusammen und steht zueinander, wenn es um etwas geht. Und es geht um was: das Überleben Europas in der globalisierten Welt mit den vielen aufstrebenden Ländern wie China, Indien etc.

Auch wenn jetzt noch nicht alles perfekt und gerecht ist: Wir brauchen die EU, um eine gut wahrnehmbare Stimme in der Welt zu bleiben, um eine starke Position in Handelsvereinbarungen zu haben, um Frieden und Wohlstand für uns zu erhalten. Gemeinsam sind wir stärker als jedes einzelne Land. Arbeiten wir doch gemeinsam an einer noch besseren EU.

Weitere Informationen

Über Eva Schumann

Werbefinanzierte Online-Publikationen: www.tinto.de. Journalistin, Bloggerin, Autorin, Texterin und Technische Redakteurin: www.evaschumann.biz.
Dieser Beitrag wurde unter Mitreden, Politik abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.