Landraub – über Geschäfte, Gier und Schuld

Rezension von „Landraub – Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus“ von Stefano Liberti, erschienen im Rotbuch-Verlag

Kleinbauern und Ureinwohnern auf der Südhalbkugel wird das Land weggenommen („Land Grabbing“), das sie seit Jahren bewohnen und bewirtschaften, damit dort ausländische Unternehmen Lebensmittel – zum großen Teil für den Export – oder Pflanzen für die Bioenergie-Erzeugung produzieren können. Es handelt sich bei diesen Anbauflächen nicht um minderwertiges Brachland, sondern oft um die fruchtbarsten Anbauflächen des jeweiligen Landes. Durch die neue industrielle Landwirtschaft werden nicht nur Landschaften zerstört, sondern Traditionen und gewachsene Strukturen ausgelöscht. Menschen werden ihrer Heimat, Lebensgrundlage und der Zukunft ihrer Kinder beraubt. Manche der Vertriebenen wehren sich, andere resignieren und fügen sich in ein Leben als billige Landarbeiter oder als Tagelöhner in den Städten. Das alles läuft unter dem Deckmantel ab, die Welternährung und die Weltenergieversorgung sichern zu müssen.

Mais ist eine Starkzehrerpflanze und wird als Nahrungsmittel, Futtermittel und Energiepflanze angebautUrsache für das Leid der Vertriebenen ist ein internationaler Wettlauf um fruchtbare Ackerflächen, der sich seit ein paar Jahren verstärkt. Opfer sind die beraubten Kleinbauern und Dorfgemeinschaften, die kleinteilige Landwirtschaft, der Natur-, Umwelt- und Klimaschutz. Gewinner sind die Agroindustrie, der Agrarhandel, die Investmentfonds und andere Investoren, die Regierungen der Landgeberländer, die die Rechte ihrer Bürger verletzten und Land zu einem Spottpreis verschachern, um an Devisen zu kommen, und die Regierungen von Ländern ohne eigenes fruchtbares Anbauland aber mit viel Geld, die die Ernährung ihrer Bevölkerung sichern wollen. Weitere Beteiligte sind u. a. die Weltbank, die Händler an der Warenterminbörse in Chicago und sogar die Bauern in den USA, die dadurch, dass sie Bioenergie-Pflanzen anbauen, die Fläche für den Lebensmittelanbau verringern, was wiederum die Lebensmittelpreise erhöht und die Anbauflächen in Afrika, Brasilien und anderen Regionen für Investoren interessanter macht. Aber wer hat wirklich Schuld? Und in wessen Sinne ist es, wenn gewachsene bäuerliche Strukturen zerstört und industrielle Landwirtschaft mit Gentechnik und Monokulturen, soweit das Auge reicht, protegiert werden?

Stefano Liberti, ein italienischer Investigativjournalist, der u. a. für die Tageszeitung il manifesto, aber auch für Geo schreibt, lässt in seiner spannend zu lesenden Reportage „Landraub – Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus“ alle Protagonisten und ihre Motive zu Wort kommen und gibt so ein umfassendes Bild der Lage. Er ist um die Welt gereist und hat Menschen in Äthiopien, Saudi-Arabien, der Schweiz, USA, Brasilien und Tansania interviewt, darunter Regierungsvertreter, Landwirte, Börsenhändler, Opfervertreterorganisationen und viele mehr. Wen die Hauptschuld trifft, wird klar, doch auch, dass dies die anderen Protagonisten nicht von ihrer Verantwortung freispricht.

Fazit: Unbedingt lesenswert! (5 Sterne)

„Landraub – Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus“ von Stefano Liberti ist ein Buch über Gier, Geschäfte und Schuld. Die aufwendige und interessant geschriebene Reportage beleuchtet das Geschehen von allen Seiten. Auch wenn der Autor keine fertige Lösung präsentiert, möchte man ihm am Ende doch persönlich danken, dass er sich die Mühe gemacht hat, die Vielschichtigkeit dieser Entwicklung deutlich zu machen, statt sich auf das populistsche Anprangern der üblichen Verdächtigen zu beschränken. Man kann nur hoffen, dass das Buch viele Menschen erreicht und dazu beiträgt die Kommunikationsmauern zwischen den verschiedenen Lagern niederzubrechen. Es muss gemeinsam nach einer gerechteren und besseren Lösung gesucht werden. Entscheidungsträger und andere Verantwortliche müssen aufhören, schönen Reden von korrupten Regierungen zu glauben und einseitig industrielle Landwirtschaft zu fördern. Es geht nicht nur um vertriebene Bauern und indigene Völker – obwohl das schon Grund genug sein müsste -, es geht um die Zukunft der Erde.

Landraub: Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus*
Stefano Liberti
Rotbuch-Verlag
ISBN 978-3-86789-155-4
256 Seiten, gebunden, Preis 19,95 € (D)
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Über Eva Schumann

Werbefinanzierte Online-Publikationen: www.tinto.de. Journalistin, Bloggerin, Autorin, Texterin und Technische Redakteurin: www.evaschumann.biz.
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Eine Antwort auf Landraub – über Geschäfte, Gier und Schuld

  1. Eva Schumann sagt:

    Zum Thema Sinn und Unsinn der Bioenergie ist auch das hier interessant
    Nobelpreisträger über Bioenergie

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