Freiwilligenarbeit im Öko-Landbau in Bolivien

vgwort-bolivienInterview mit einer Teilnehmerin am Freiwilligendienst

Viele junge Erwachsene möchten nach der Berufsausbildung oder dem Abitur die Luft der großen weiten Welt schnuppern – und viele entschließen sich, dies nicht als Touristen zu tun, sondern als Freiwillige für eine befristete Zeit in der Entwicklungszusammenarbeit bzw. in Hilfsprojekten tatkräftig mitzuhelfen.

Freude am Gärtnern entdeckt

FreiwilligendienstAnna Maria Störiko aus Emden arbeitet seit Ende August 2011 in Bolivien in der Nähe von La Paz in einem Öko-Landbau-Projekt der „Fundación Walter-Berta“. Das Projekt fand sie über den Bundesfreiwilligendienst Weltwärts. In sieben Gewächshäusern und im Freiland wird Gemüse biologisch für ein vegetarisches Restaurant angebaut. Die Anbauweise soll an die Traditionen der Quechua und Aymara, indigene Völker Südamerikas, anknüpfen und ohne Maschineneinsatz oder Chemie auskommen. Ein wichtiger Bestandteil des Projektes ist es, das Gemüsesaatgut selbst zu produzieren, um unabhängig von Samenankäufen zu werden. Außerdem wird nach Methoden gesucht, die Produktion unter Berücksichtigung der Grundsätze ökologischer Landwirtschaft zu verbessern – zum Beispiel werden der Einsatz von Würmern zur Herstellung fruchtbaren Humusbodens und biologische Schädlingsbekämpfungsmittel getestet.

Frau Störiko, welche Aufgaben haben Sie persönlich bei diesem Projekt?
Meine Aufgabe besteht zum einen darin, meine KollegInnen bei den täglich anfallenden Arbeiten zu unterstützen. Also Pflanzen gießen, Unkraut jäten, Boden aufbereiten, Beete neu bepflanzen, ernten und so weiter. Zum anderen soll ich mich speziell darum bemühen, wirksame Mittel gegen Pflanzenschädlinge zu finden. Ein großes Problem in den Gemüsegärten sind Blattläuse, die fast alle Gemüsesorten befallen können und die wir bisher kaum kontrollieren können. Unterstützt von meinen KollegInnen führe ich deshalb Versuche mit verschiedenen Mitteln durch und dokumentiere ihre Wirkung. Mit meinen Ergebnissen werde ich dann ein „minilibro“ schreiben, also eine Art kleines Handbuch, das dann unter anderem in der Buchhandlung der Stiftung „Walter-Berta“ vertrieben und so der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Außerdem dokumentiere ich auch Erfolge und Misserfolge in der Produktion eigener Samen, z. B. vergleiche ich Pflanzen aus gekauften und aus selbst produziertem Saatgut.

Wie verläuft Ihr typischer Arbeitstag?
Um acht Uhr morgens beginnt die Arbeit. Montags, mittwochs und freitags werden zunächst alle Gewächshäuser bewässert und – wenn es länger nicht geregnet hat – auch die Kulturen im Freiland. Danach wird geschaut, was es in jedem Garten zu tun gibt. Wenn zum Beispiel Beete abgeerntet wurden, muss der Boden gehackt und gedüngt und das Beet neu bepflanzt oder besät werden. Für die Jungpflanzenanzucht werden Ansaatkisten neu befüllt und das Verzeichnis über die Pflanzenbestände muss geführt werden. Außerdem werden die Beete instand gehalten, zum Beispiel Erde um die Pflanzen herum aufgehäuft oder alte Blätter von den Pflanzen entfernt. Darüber hinaus stellen wir die organischen Schädlingsbekämpfungsmittel, die wir testen wollen, selbst her und bringen sie auf die Pflanzen auf. Um die Mittagszeit herum ist es dann in den Gewächshäusern meist zu heiß, um darin zu arbeiten. Deshalb werden dann die Arbeiten erledigt, die draußen anfallen. Von zwölf bis eins habe ich Mittagspause – da esse ich und ruhe mich im Schatten aus. Jeden Montag wird nachmittags geerntet und das Gemüse anschließend gewaschen, damit es am Dienstag ins Restaurant geliefert werden kann.

Warum haben Sie sich für dieses Projekt entschieden?
Bei meiner Entscheidung, einen Freiwilligendienst im Ausland zu machen, war für mich besonders der Gedanke des interkulturellen Austausches wichtig und spannend. Ich interessiere mich für Menschen sowie für andere Länder und wollte mehr darüber lernen. Ich glaube außerdem, dass man durch interkulturellen Austausch in kleinen Schritten mehr Toleranz und eine bessere internationale Verständigung erreichen kann. Außerdem kann ich persönlich natürlich viel lernen und wertvolle Erfahrungen sammeln. Durch den Freiwilligendienst möchte ich auch internationale Zusammenhänge, besonders auch die Entwicklungszusammenarbeit, besser verstehen lernen.

Werden Ihre Erwartungen erfüllt?
Ich habe mir vor meiner Ausreise eigentlich nicht allzu viele Erwartungen gemacht, um nicht enttäuscht zu werden. Lieber habe ich alles auf mich zukommen lassen und kann so ganz zufrieden sein. Sowohl in meinem Projekt als auch in meiner Gastfamilie bin ich sehr lieb und offen aufgenommen worden und habe bei Problemen oder Fragen immer einen Ansprechpartner. Worauf ich mich ein bisschen einstellen musste, ist die große Eigenverantwortlichkeit, mit der ich in meinem Projekt arbeiten muss. Ich habe zwar immer zu tun, aber wenn ich mein Projekt mit den biologischen Schädlingsmitteln wirklich voranbringen möchte, muss ich doch viele Dinge selber in die Hand nehmen. Das war zunächst ungewohnt, weil ich von der Schule gewohnt war, dass mir jemand zumindest immer die Richtung vorgibt, aber jetzt habe ich das für mich angenommen und werde die Dinge entsprechend angehen.

Was macht Ihnen am meisten Freude an Ihrer Tätigkeit?
Das Schönste an meiner Arbeit ist zu sehen, wie die Pflanzen wachsen und sich entwickeln. Es ist schon ein Wunder, wie aus so einem winzigen und tot erscheinenden Samenkorn in bisweilen wenigen Wochen so große und schöne Pflanzen wachsen können. Ich bin begeistert, wenn ich an einer Pflanze die ersten Früchte entdecken kann, die oft schon, auch wenn sie noch winzig klein sind, ihre spätere Form haben. Außerdem gefällt mir Ernte. Es ist ein gutes Gefühl, wenn man dann im wahrsten Sinne des Wortes die Früchte seiner Arbeit in der Hand halten kann. Und ich bin jedes Mal wieder fasziniert, wenn ich einen besonders schönen Blumenkohl, großen Salatkopf oder eine riesige Tomate ernten konnte.

Gibt es etwas, das vielleicht ein wenig schwierig ist?
Es fällt mir noch etwas schwer, meinen Alltag auch außerhalb der Arbeit zu organisieren. In Deutschland habe ich unter der Woche an zahlreichen sportlichen und musikalischen Tätigkeiten teilgenommen, das ist mir hier aus zeitlichen Gründen bisher nicht möglich gewesen. Ich arbeite bis um fünf Uhr und durch die langen Fahrtzeiten zu meiner Arbeit bin ich nie vor halb sieben zu Hause und außerdem meist recht müde. Ich möchte aber in Zukunft noch einen Aymara-Kurs belegen – Aymara ist eine Sprache, die mich sehr interessiert und die hier von vielen Leuten gesprochen wird.
Ansonsten hatte ich keine größeren Probleme. Weil ich in der Schule drei Jahre Spanisch gelernt habe, konnte ich mich von Beginn an eigentlich gut verständigen. Natürlich hat es anfangs, vor allem beim Sprechen, immer mal wieder ein bisschen gehakt und mir fehlten die Worte, aber ich bin immer zurechtgekommen und lerne schnell.

Vielen Dank für das nette Interview und weiterhin alles Gute!


Weitere Informationen

  • Weltwärts
    Weltwärts ist der entwicklungspolitische Freiwilligendienst des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Weltwärts unterstützt junge Erwachsene, die die Welt kennen lernen und ehrenamtlich in Entwicklungsländern arbeiten möchten. Dafür hat Weltwärts im Internet eine Projektbörse eingerichtet, über die man Entsendeorganisationen mit Projekten in Afrika, Asien, Europa Lateinamerika und Ozeanien finden kann. Die Projekte sind ganz unterschiedlicher Art – von der Arbeit mit Kindern, Senioren oder Obdachlosen bis zur Arbeit in der Landwirtschaft oder im Umweltschutz.
  • Helfen
    Entwicklungshilfe, Katastrophenhilfe, soziales Engagement, Spenden etc.
  • Biologischer Pflanzenschutz
    Vorbeugen, Nützlinge einsetzen, umweltverträgliche Pflanzenschutzmaßnahmen
  • Beruf
    Beruf, Karriere, Weiterbildung

Über Eva Schumann

Werbefinanzierte Online-Publikationen: www.tinto.de. Journalistin, Bloggerin, Autorin, Texterin und Technische Redakteurin: www.evaschumann.biz.
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