Neue Viruskrankheit an Tomaten, Paprika & Chili

Das Tomato Brown Rugose Fruit Virus (ToBRFV), auch als Jordanvirus bezeichnet, ist eine neue Krankheit an Tomaten, Paprika & Chili. Diese Viruskrankheit ist für den Tomaten- und Paprikaanbau sehr gefährlich, kann ganze Bestände dahinraffen, weshalb es EU-Notmaßnahmen gibt. Das sollten GärtnerInnen und Hobbygärtnernde wissen.

Symptome des  Tomato Brown Rugose Fruit Virus (ToBRFV) alias Jordanvirus (Foto: Aviv Dombrovsky and Elisheva Smith, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0>, via Wikimedia Commons)
Symptome des Tomato Brown Rugose Fruit Virus (ToBRFV) alias Jordanvirus an Tomaten (Foto von Aviv Dombrovsky and Elisheva Smith unter CC BY 3.0 via Wikimedia Commons)

So erkennt man den Virusbefall mit ToBRFV

  • An den Blättern zeigen sich mosaikartige Verfärbungen und Aufhellungen, teilweise wirken die Blätter blasig aufgewölbt und wie gerafft. Die Pflanzen haben wenig Blattmasse und kaum Zuwachs im oberen Pflanzenbereich.
  • Die Früchte färben sich nicht gleichmäßig und oft nicht bis zur sortentypischen Reifefarbe. Sie haben gelbe, manchmal mosaikartige Verfärbungen, manche (Sorten) färben sich fleckig grün-gelb oder braun. In einigen anderen Ländern wurden befallene Früchte teilweise schrumpelig, was bei uns noch nicht beobachtet wurde.
  • Bei manchen Sorten sterben die Kelchblätter fleckenweise ab (Nekrosen).
  • Die Pflanzen welken, vergilben und sterben ab.
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Die Symptome sind sortenabhängig verschieden und unterschiedlich stark ausgeprägt. Eine sichere Diagnose ist nur mit einem Labortest möglich. Das Problem mit Sorten, die weniger starke Symptome haben, ist, dass diese nicht ernst genommen werden und eine Diagnose und die notwendigen Maßnahmen unterbleiben, wodurch es zu einer unbemerkten Verschleppung und Ausbreitung kommen kann.

Über das Virus

Das Virus ist sehr leicht übertragbar, sehr widerstandsfähig und extrem langlebig. Schon wenige übertragende Viren lassen die Krankheit ausbrechen. Hitze macht ihnen offenbar wenig aus und sogar über 50 Jahre alter eingetrockneter Pflanzensaft kann noch infektiös sein. Tomaten und Paprika sind wegen ihrer langen Kulturdauer und den häufigen Pflege- und Erntearbeiten im Bestand besonders gefährdet.

Entdeckt wurde das Virus 2014 in Israel, beschrieben wurde es 2015 in Jordanien (deshalb „Jordanvirus“). Im Herbst 2018 hat man ToBRFV erstmalig in Deutschland diagnostiziert. Inzwischen ist es in zahlreichen Ländern Vorderasiens, Europas (zuletzt wurde es in Finland in einem kleinen Tomaten-Gewächshaus entdeckt), Nordamerikas sowie in China und anderswo aufgetreten.

In den betroffenen Ländern werden seitdem viele Anstrengungen unternommen, das Virus wieder loszuwerden. In Deutschland wurde es im Oktober 2018 als Quarantäne-Organismus eingestuft und behandelt, was bedeutet, dass alle befallenen Pflanzen in den Betrieben vernichtet wurden.

2019 wurde das Jordanvirus in Deutschland für ausgerottet erklärt. Doch laut National Plant Protection Office (NPPO) Deutschland gab es von Oktober 2020 bis November 2021 wieder drei Ausbrüche in Nordrhein-Westfalen (Saatgutproduktion, Erwerbsanbau, privater Anbau), einen Ausbruch in Rheinland-Pfalz (Erwerbsanbau), einen Ausbruch in Niedersachsen (Erwerbsanbau) und einen in Thüringen (Erwerbsanbau).

Das Virus und seine Wirtspflanzen

Das ToBRFV gehört wie das Tabakmosaikvirus (TMV) und das Tomatenmosaikvirus (ToMV) zur Gattung Tobamo-Virus.

Bei den Gemüsen sind vor allem Tomaten und Paprika gefährdet. Es scheint wissenschaftlich noch nicht zweifelsfrei geklärt, aber doch eher unwahrscheinlich, dass Auberginen und Kartoffeln erkranken oder Überträger sein können.

Unter den Zierpflanzen gehören Petunien und Tabak/Ziertabak zu den Wirten. An folgenden Arten Beikräutern/Wildpflanzen wurde das Virus ebenfalls schon diagnostiziert: Rauhaariger Amaranth (Amaranthus retroflexus), Wilde Rübe (Beta vulgaris subsp. maritima), Mauer-Gänsefuß (Chenopodium murale), Kanadisches Berufkraut (Conyza canadensis), Löwenzahn (Taraxacum officinale), Malve (Malva parviflora), Horn-Sauerklee (Oxalis corniculata), Portulak (Portulaca oleracea), Veronika (Veronica syriaca), Nachtschatten (Solanum elaeagnifolium), Schwarzer Nachtschatten (Solanum nigrum) und  Langkapselige Jute/ Molokhia (Corchorus olitorius) laut Quelle: EPPO Reporting Service.

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Das Jordanvirus kann durch Samen, Jungpflanzen und Früchte von einem Betrieb beziehungsweise einem Garten zum anderen verbreitet werden. Im Bestand wird es oft bei Kontakt (Aneinanderreiben von Pflanzenteilen) sowie durch Dränagewasser übertragen und  durch Werkzeuge, Kisten, Kleidung, Haare und Hände bei den Pflege- und Erntearbeiten verteilt. Auch Bestäuberinsekten wie Hummeln können das Virus übertragen. Pflanzenreste in der Erde, Keimlinge aus den Samen abgefallener kranker Früchten können zudem die Nachfolgekultur infizieren. Selbst erdelose Kulturverfahren sind nicht sicher, da das Virus auch über die Bewässerung verteilt werden kann.

Vorbeugung gegen das Jordan-Virus

Damit sich das Virus nicht ansiedeln und verbreiten kann, sollten alle Erwerbs-und Freizeit-Gärtner und Gärtnerinnen informiert und wachsam sein.

Saatgut und Jungpflanzen
Bei der Anschaffung sollte auf gesundes Saatgut und gesunde Jungpflanzen geachtet werden. In die EU dürfen nur noch Samen oder Jungpflanzen mit einem Pflanzengesundheitszeugnis eingeführt werden, innerhalb der EU brauchen Unternehmer einen Pflanzenpass. Freizeitgärtnernde, die Samen oder Jungpflanzen kaufen oder tauschen, sollten nur bekannten Quellen mit gesunden Beständen vertrauen.

Sorten
Sortenresistenzen gegen verwandte Viren wie das Tabakmosaikvirus oder das Tomatenmosaikvirus helfen bei Tomaten nicht, wohl aber teilweise bei Paprika (und zwar scheinen Sorten/Unterlagen mit den Resistenzgenen TM0, TM2 und TM3 nicht von ToBRFV befallen zu werden). Allerdings ist auch die Resistenzzüchtung gegen ToBRFV im Gange, da man in Wildtomaten Resistenzgene gefunden hat. Möglicherweise gibt es in ein paar Jahren gegen ToBRFV resistente Sorten.

Hygiene
Nicht nur dieses Virus, auch viele andere Krankheitserreger können in/an Blattresten, Samen und verseuchter Erde/Kompost, Haltestäben, Scheren und anderen Werkzeugen überdauern. Spätestens, wenn man Probleme hatte, muss man auch als Hobbygärtner oder Hobbygärtnerin auf Hygiene achten: Kranke Pflanzen von Beeten immer sauber abräumen, Haltestäbe, Bindematerial, Werkzeuge und ähnliches vor Gebrauch (und zwischendrin) desinfizieren.

Gartenbaubetrieben und den Mitarbeitern werden deshalb darüber hinaus konsequente Hygienemaßnahmen empfohlen: Händewaschen, Handdesinfektionsmittel auf Basis von Benzoesäure, Handschuhe, Desinfektionsmatten, Arbeitskleidung, die am Standort bleibt, Reinigung und Desinfektion auch von Transportkisten und Wägen, Wasserdesinfektion, Verbot fremde Tomaten und Paprika in den Betrieb zu bringen sowie das Einhalten einer Arbeitsrichtung (Einbahnstraßenprinzip) und die Einrichtung von Hygieneschleusen. Größere und gefährdete Betriebe sollten zusammen mit Beratern ein individuelles Hygienekonzept entwickeln.

Nachtrag: Hoffnung für den Erwerbsgartenbau
Es zeichnet sich ab, dass eine wirkungsvolle Desinfektion des aufgefangenen Brauchwasser vor der Wiederverwendung mit Ozon oder Ultraschall möglich ist.

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Bestandskontrollen
Regelmäßige Bestandskontrollen sollte man auch wegen anderer Erreger und Schädlinge durchführen, aber jetzt eben auch auf die oben beschriebenen neuen Symptome achten.

Nicht jede auffällige Erscheinung ist eine Krankheit, bei manchen Sorten ist eine ungewöhnliche Zeichnung sortentypisch (beispielsweise die Zeichnung bei ‚Tigerella‘) und Pflegefehler können Symptome wie Grünkragen oder Blütenendfäule hervorrufen (beim ersten bleibt der Kragen um den Stielansatz grün, beim zweiten bleibt das andere Ende der Tomate grünlich oder wird braun).

Nicht jede „Unregelmäßigkeit“ bei der Fruchtausfärbung ist auf eine Krankheit zurückzuführen. Beispiel: Bei der Tomatensorte ‚Tigerella‘* ist eine Musterung sortentypisch.

Quarantäne-Schadorganismus

ToBRFV ist ein Quarantäne-Schadorganismus und damit meldepflichtig! Schon der Verdachtsfall muss dem zuständigen Pflanzenschutzdienst gemeldet werden. Das ist beispielsweise in Bayern die

Bayerische Landesanstalt für Landwirtschaft
Institut für Pflanzenschutz
Lange Point 10
85354 Freising
E-Mail: pflanzengesundheit@lfl.bayern.de

Wird man zur Probenahme und Einsendung an ein Labor aufgefordert, geht man mit der Plastiktüte zur Pflanze, nimmt die Probe und verschließt die Tüte. Keinesfalls sollte man verdächtige Pflanzen/Pflanzenteile offen quer durch die Kleingartenanlage oder den Gemüsegarten tragen oder sie gar auf den Komposthaufen geben.

Mit dem Ergebnis der Untersuchung wird man über die eventuell notwendigen Maßnahmen und wie sie durchzuführen sind, informiert.

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Über Eva Schumann

Garten(bau) und Gärtnern sind meine Therapie und Leidenschaft und sie waren viele Jahre mein Beruf. Zu meinem Gartenbau-Studium kam ich über den zweiten Bildungsweg, denn da lernte ich den Spaß am Lernen und lebenslanges Lernen wurde zu meinem Lebensmotto. Ich wurde Fachfrau auf sehr unterschiedlichen Gebieten - von der Einzelhandelskauffrau Parfümerie, über die Diplom-Ingenieurin Gartenbau (FH) mit Berufserfahrung im biologischen Pflanzenschutz und der Beratung von Hobbygärtnern, zur zertifizierten Netzwerk- und Internetmanagerin, technischen Redakteurin und anderem mehr. Bisher finanzierte ich meine Online-Veröffentlichungen über Werbung, was seit der zunehmenden mobilen Nutzung und den Werbeblockern immer schlechter funktioniert. Deshalb kann man mich jetzt auch per Paypal ("Kaffeekasse") unterstützen: paypalme/eva4tinto. Danke!
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