Wie „bio“ kann Hydroponik sein?

Im Urban Gardening/Urban Farming, aber auch im normalen Gewächshausanbau wird es zunehmend üblich, in Hydroponik-Systemen ohne Erde in einer Nährlösung anzubauen. In den USA, aber auch bei uns gibt es eine Debatte, ob Gemüse, das in einem Hydroponik-System angebaut wurde, biologisch („organic“) sein kann.

Gärtnerische Erzeugnisse wie Gemüse, Kräuter oder Obst erhalten bei uns nur dann eine Bio-Zertifizierung, wenn ihr Anbau bestimmte Kriterien des Bio-Anbaus erfüllt. Dazu gehört, dass die Produkte in Erde angebaut wurden. Tatsächlich spielt die Pflege des Bodens und die Kreislaufwirtschaft beim Bio-Anbau eine große Rolle – da gibt es Mischkultur und Gründüngung, und über die Kompostierung der Pflanzenabfälle und die Rückführung des fertigen Komposts als Dünger wird der Stoffkreislauf geschlossen – auch eine Frage der Nachhaltigkeit und des ganzheitlichen Denkens. Außerdem dürfen nur Dünger, die als Biodünger zertifiziert sind, sowie spezielle Pflanzenschutzmittel genutzt werden.

Prinzip Hydroponik


How its Made: Hydroponic Lettuce

Bei hydroponischen Systemen gibt es keinen gewachsenen Boden und auch kein „erdiges“ Substrat, sondern die Pflanzen stehen mit ihren Wurzeln in Steinwollwürfeln oder einem ähnlichen Material und diese in einer Kunststoffrinne oder einer Kunststoffwanne. Die Pflanzen werden über eine  Nährstofflösung (zirkulierend beim Nutrient-Film-Technik – NFT, sonst Ebbe-/Flutsystem, Tropfsysteme o. Ä.) mit Wasser und Nährstoffen versorgt. Auf Profi-Ebene ist dieses Anbausystem sehr kapitalintensiv, weil es hohe Investitionskosten für die (technische) Ausstattung erfordert. Um diese Kosten wieder hereinzuholen, muss (und kann) eine besonders hohe Produktivität erreicht werden. Diese hohe Produktivität wiederum erfordert oft hohe Arbeits- und Betriebskosten – letztere für die Zusatzbeleuchtung beim vertikalem Anbau (Vertical Farming) oder beim Ganzjahresanbau im Gewächshaus, für die Klimatisierung, für beste Produktionsmittel und so weiter.


Sonderfall Aquaponik

Ein Spezialfall der Hydroponik ist die Aquaponik, eine Kombination von Fisch-Aquakultur und Pflanzenanbau in Hydroponik. Zwar stehen auch hier die Pflanzen ohne Erde in Rinnen oder Wannen, aber als Nährlösung wird das nährstoffreiche Abwasser der Fischzucht verwendet. Es gibt also zumindest teilweise einen Nährstoff-Kreislauf: Die Ausscheidungen der Fische dienen den Pflanzen als Dünger, nachdem sie von zugeführten Mikroorganismen pflanzenverfügbar gemacht wurden. Allerdings: Was ist mit den Pflanzenabfällen? Und was passiert mit den erdelosen Würfeln, in denen die Pflanzenwurzeln standen? Eine Kompost-Wiederverwendung im gleichen System gehört (meines Wissens bisher) zu diesem Kreislauf nicht dazu – der Kompost müsste woanders eingesetzt werden.

„Organic-Hydroponic“-Diskussion in den USA

In den USA wurde jetzt vom U. S. National Organic Program (NOP) eine Task Force gebildet, die die Nutzung der Hydroponik-Systeme in der Praxis analysiert und abklären soll, ob Hydroponik mit den US-Bestimmungen zum organischen Anbau unter bestimmten Bedingungen zusammenpassen kann. Bis jetzt war es nach dem U.S. Landwirtschaftsministerium erlaubt, Ware aus Hydroponikanbau als biozertifiziert („labeled as organic“) zu vermarkten, wenn die sonstigen „Organic-Regularien“ beachtet wurden – übrigens entgegen der Empfehlung des National Organic Standards Board (NOSB) vom Jahr 2010! In den USA gibt es organisch zertifizierte Flüssigdünger für Organic Hydroponic, beispielsweise von Kimitec.

Bio-Hydroponik (Bioponik) bei uns

Manche Hydroponik-Anbauer bei uns möchten dem Bioanbau möglichst nahekommen, auch wenn sie ihre Bioponik-Erzeugnisse nach unseren Gesetzen nicht mit einem Biosiegel auszeichnen dürfen. Sie verwenden für den Bio-Anbau zugelassene und für Bio-Hydroponik geeignete organische Dünger, wie Biosevia. Diese Dünger benötigen (zusätzlich) Mikroorganismen, damit die organischen Verbindungen des organischen Düngers überhaupt pflanzenverfügbar gemacht werden – diese Mikroorganismen sind sonst in der Erde. Das entsprechende Produkt heißt BM und enthält den Bodenpilz Trichoderma harzianum.

Dass dieser Umsetzungsprozess mit Hilfe von Lebewesen nötig ist, macht die Vorhersage der Nährstoffverfügbarkeit bei Bioponik schwieriger als bei Hydroponik – das ist aber auch beim Bio-Anbau im Vergleich zum konventionellen Anbau mit chemisch erzeugten, mineralischen Düngemitteln so, wenn auch nicht ganz so ausgeprägt. Eine positive Nebenwirkung dieser zersetzenden Mikroorganismen ist: Sie können pflanzenschädliche Organismen verdrängen. Ihr Nachteil: Sie verbrauchen Sauerstoff und führen möglicherweise zu Ablagerungen und Verstopfungen im technischen System. Auch ist die Steuerung des pH-Wertes bei Verwendung von organischem Dünger schwieriger als bei mineralischen Nährstofflösungen .

Zusammengefasst

Bei uns erhalten Produkte aus Hydroponik, Aquaponik oder Bioponik grundsätzlich kein Biosiegel. Bei den Amerikanern ist das anders, wird aber möglicherweise demnächst neu entschieden.

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Über Eva Schumann

Werbefinanzierte Online-Publikationen: www.tinto.de. Journalistin, Bloggerin, Autorin, Texterin und Technische Redakteurin: www.evaschumann.biz.
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3 Antworten auf Wie „bio“ kann Hydroponik sein?

  1. Pingback: Vertical Farming – was ist das eigentlich? | tinto bloggt

  2. Hallo,

    Danke für den aufschlussreichen Artikel.

    Aquaponik ist, meines Erachtens, der Schlüssel zur „Bionahrung“ der Zukunft. Die Nutzung der erdlosen, anorganischen Würfeln kann umgangen werden in dem man organisches Material nimmt (z. B. Zellulose zersetzt sich nach einer Weile und wird dann von den Würmern vertilgt). Die Pflanzenabfälle können auch mit Hilfe von Zerkleinerung als Fischfutter wiederverwertet werden.
    Sicher bedarf es noch einer Weiterentwicklung. Aber das ist alles machbar.

    Der große Clou der Hydroponiksysteme ist jedoch, dass Gemüsepflanzen bei Jeder/Jedem Zuhause angebaut werden können. Die Nahrung der Zukunft muss unabhängig und unter eigener Kontrolle angebaut werden dürfen.
    Das ist die eigentliche Revolution.

    Mit feundlichem Gruß,
    Harry Pilawski
    (http://hydroponik.eu)

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