Hydroponik

Beim Anbau im Boden hängt der Erfolg des Gärtners stark von der Qualität seines Bodens ab. Nicht nur die Pflanzen, auch der Boden braucht Pflege und Unterstützung durch die richtige Anbaustrategie (Förderung des Bodenlebens, Einbringung organischer Substanz, Mischkultur, Fruchtwechsel, Gründüngung und so weiter), damit er die Pflanzen gut versorgt und fruchtbar bleibt. Nicht so bei Hydroponik – da spielt der Boden keine Rolle. Was ist Hydroponik und wie nachhaltig ist das?

Hydroponik und Hydrokultur sind Pflanzenanbauverfahren ohne Boden und auch ohne Pflanzenerde (bzw. Mischungen aus Torf, Grüngutkompost, Rindenkompost und anderen Materialien). Die Pflanzenwurzeln befinden sich bei der Hydroponik/Hydrokultur statt dessen in Steinwolle, Blähton oder ähnlichem unbelebten Material oder sind ganz ohne Substrat. Die Nährstoffe werden von den Wurzeln aus einer Nährlösung bezogen.

Hydroponik und Hydrokultur

Laut Wikipedia sind Hydroponik und Hydrokultur Synonyme, aber meist wird bei der Zimmerpflanzenhaltung ohne Erde von Hydrokultur gesprochen und bei der Kultur von Gemüse ohne Erde, beispielsweise beim Tomatenanbau im großen Stil im Gewächshaus, beim Urban Gardening auf Dächern oder beim Anbausystem Pflanzenfabrik von Hydroponik.

Zimmerpflanze in Hydrokultur mit Kulturtopf, Übertopf und Wasserstandsanzeiger

Zimmerpflanze in Hydrokultur mit Blähton im Kulturtopf, Übertopf und Wasserstandsanzeiger

Bei der Hydrokultur von Zimmerpflanzen finden die Wurzeln in Töpfen mit Blähton Halt – diese Kulturtöpfe wiederum stehen in wasserdichten Übertöpfen (beim Endverbraucher) oder in einem Tischbecken (Verkaufsräume beim Gärtner, Gartencenter, Baumarkt) in wenige Zentimeter hohem Wasser. Ein Wasserstandsanzeiger zeigt an, wann wieder Wasser nachgefüllt werden muss (erst wenn der Zeiger bei Minimum steht) und wie viel. Gedüngt wird mit einem speziellen Hydrokulturdünger, meist ein Ionenaustauscher-Granulat. Auch während der Anzucht beim Gärtner stehen die Zimmerpflanzen mit ihren Kulturtöpfen in einem Tischbecken. Bewässert wird dort meist per Anstaubewässerungsverfahren/Ebbe-Flut-Verfahren: Die Wannen werden mehrmals pro Tag für eine bestimmte Zeit und in bestimmter Höhe – abhängig von der Topfgröße – geflutet, dann wird das Wasser abgelassen, aufgefangen und wieder aufbereitet bis zur nächsten Flut.

Bei Hydroponik befinden sich die Wurzeln von Salat, Tomaten oder anderen Pflanzen in Steinwollwürfeln oder Ähnlichem oder sind nackt ganz ohne Substrat und stehen/hängen in Rinnen mit zirkulierender Nährstofflösung. Die Nährstofflösung besteht aus Wasser, pflanzenverfügbaren, leicht löslichen mineralischen Nährstoffen und Sauerstoff. Damit die Pflanzen optimal wachsen, wird die Nährstofflösung ständig auf ihren Gehalt an Nährstoffen und Sauerstoff geprüft und entsprechend eingestellt. Die häufigst Art der Hydroponik-Rinnenkultur ist die Nährlösungsfilm-Technik (Nutrient Film Technique, NFT), bei der die Nährlösung in niedriger Höhe ständig zirkuliert.

Vorteile von Hydroponik/Hydrokultur

Der Pflanzenanbau in Hydroponik ist unabhängig vom Boden. Das ist hilfreich, wenn kein Boden vorhanden ist (Dächer, Pflanzenfabriken) oder wenn der vorhandene Boden nicht genutzt werden kann (z. B. wegen Krankheiten im Boden, Bodenversalzung und Ähnlichem).

Man kann die Düngung dank mineralischem Dünger und mehr oder weniger hohem Technikaufwand genau regulieren und dem Entwicklungsstadium der Pflanze anpassen (Wachstumphase: stickstoffbetonte Düngung; ab Blüte: mehr Phosphor, Kalium und Magnesium). Die Nährlösung bleibt im Kreislauf („geschlossenes System“), Nährstoffe gelangen nicht in den Boden und somit auch nicht in das Trinkwasser.

Beispiel für einen selbst gebastelten platzsparenden Hydroponik-Turm: DIY Hydroponic Garden Tower (FoodAbundance bei YouTube)

 

Hydroponik/Hydrokultur lässt sich auch mit einer Fischzucht (Fisch-Aquakultur: Tilapia-Buntbarsche, Bachforelle, Regenbogenforelle) kombinieren. Diese Kombination nennt sich Aquaponik. In dem Fall wird die Nährlösung nicht aus Wasser und künstlichem Mineraldünger hergestellt, sondern das Wasser aus dem Fischtank mit den Ausscheidungen der Fische wird als Nährlösung verwendet und Bakterien, die am Blähton oder anderem Substrat sowie auch im Fischtank sitzen, wandeln die Ausscheidungen in pflanzenverfügbaren Dünger um. Dies ist dann im Prinzip eine Form von „organischer-“ Hydroponik (organic hydroponics). An der wird auch in Japan geforscht: Verwendung von organischem Dünger für die Hydroponik unter Zuhilfename von Mikroorganismen, die die organisch-gebundenen Nährstoffe in die pflanzenaufnehmbare Mineralform überführen.

Aquaponics (Purdue University bei YouTube)

 

Nachteile von Hydroponik/Hydrokultur

Gedüngt wird bei der normalen Hydroponik mit teurem, künstlich unter Energieaufwand hergestelltem mineralischen Dünger (Ausnahme Aquaponik bzw. die meines Wissens noch nicht ausgereifte organische Hydroponik). Deshalb gibt es auch kein Biosiegel, denn zum biologischen Anbau gehört laut
EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau (BMEL) der Verzicht auf mineralische Stickstoffdünger.

Auch die Steinwolle für die Steinwollwürfel oder die Trays (Tabletts aus Kunststoff) mit Steinwollwürfeln/Steinwollzylindern werden mit hohem Energieeinsatz erzeugt und nach einmaligem Gebrauch entsorgt.

Bei der normalen Hydroponik/Hydrokultur gibt keinen Stoffkreislauf wie im normalen organischen Anbau, wo Pflanzenabfälle kompostiert und dann als fertiger Kompost (= organischer Dünger und Bodenverbesserungsmittel) zurück in den Pflanzenanbau-Kreislauf gebracht werden.

Da kein Boden da ist, gibt es auch (fast) keinen Puffer, der einen Fehler wie Überdüngung oder Unterdüngung mit einem oder allen Nährstoffen, einen falschen pH-Wert oder eine zu hohe Nährstoffkonzentration ausgleicht.

Nachteilig ist auch der hohe Material- und Technikaufwand: Bewässerungsrinnen, Kontrolle und Automatisierung der Nährlösungszusammensetzung.

 

 

 

Meine Meinung

Wo die Erschließung verbrauchernaher Anbauflächen auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten (Berechnung des CO2-Fussabdrucks der gesamten Wertschöpfungskette von der Rinnen-, Steinwoll- und Düngerproduktion bis zum Produkt beim Verbraucher) sinnvoll ist, finde ich Hydroponik eine gute Sache. Was mir allerdings Magendrücken verursacht, ist die allgemeine Umstellung von Tomaten-, Gurken- und Paprikaanbau in Gewächshäusern – auch auf dem Land – auf Hydroponik: Der Boden, den ich als wertvolles Gut zu achten gelernt habe, wird unter Beton und Planen vergraben, darüber kilometerweit Tomaten in Rinnen mit Nährstofflösung. Ich finde zwar gut, dass in diesen Gewächshäusern meist mit biologischem Pflanzenschutz (Nützlingseinsatz) Schädlinge wie Blattläuse, Weiße Fliege und Spinnmilbe bekämpft werden, aber trotzdem – was ist mit dem Bodenleben und dem Humus als CO2-Speicher? Und wie ist die innere Qualität der geernteten Tomaten (Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe etc.) im Vergleich zu Tomaten, die in einem guten Boden angebaut wurden? Darauf habe ich noch keine zufriedenstellenden Antworten gefunden.

Wie ist Ihre/eure Meinung zu dem Thema Hydroponik? Wer kennt End-to-End-Nachhaltigkeitsberechnungen und Untersuchungen zu den Inhaltsstoffen im Endprodukt im Vergleich zu erdeloser Kultur?

Über Eva Schumann

Werbefinanzierte Online-Publikationen: www.tinto.de. Journalistin, Bloggerin, Autorin, Texterin und Technische Redakteurin: www.evaschumann.biz.
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Eine Antwort auf Hydroponik

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