Vom Gärtnern in der Stadt – Buchrezension (4,5 Sterne)

Keine Ahnung, was Urban Gardening, Permakultur oder Community-Supported Agriculture ist? Hier werden Sie schlaugemacht und mitgerissen – na ja, eigentlich nicht hier, sondern im neuen Buch vom Martin Rasper, „Vom Gärtnern in der Stadt. Die neue Landlust zwischen Beton und Asphalt“ aus dem Verlag oekom.

Wenn ein Buch, das ich gelesen habe, hinterher mit vielen gelben Klebezetteln gespickt ist, dann ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass ich Meinungen und Ideen gefunden habe, die ich vielleicht nicht in jedem Fall teile, aber mit denen ich mich auseinandersetzen will oder die mich inspirieren. Das Buch von Martin Rasper, „Vom Gärtnern in der Stadt. Die neue Landlust zwischen Beton und Asphalt“ aus dem Verlag oekom ist so ein Buch. [Da ging’s mir wie Petra A. Bauer, die das Buch im Video auf ihrem Blog bespricht.] Das Buch führt durch die urbane Gartenszene – vom Berliner Prinzessinnengarten, über Selbsterntegärten, Gemeinschaftsgärten und interkulturelle Gärten bis zur Verbraucher-Erzeuger-Gemeinschaft in Bayern. Es erklärt die dazugehörenden Initiativen, die Hintergründe, Philosophien und die politische Aussage des Trends. Darüber hinaus enthält es Praxistipps, ein Verzeichnis urbaner Gartenprojekte in Deutschland und eine kommentierte Literaturliste.

Der Autor
Martin Rasper hat Geologie, Philosophie und Journalismus studiert. Als Wissenschaftsautor schreibt er für „natur & kosmos“, die „Süddeutsche Zeitung“, „Merian“, „PM“ und andere. Gärtnern ist für ihn nicht nur ein nettes Hobby, das er in vielen Formen schon selbst praktiziert hat, oder ein „normaler“ Beruf, sondern eine politische Haltung.

Das Buch
Vom Gärtnern in der Stadt*
Die neue Landlust zwischen Beton und Asphalt
Martin Rasper
oekom
206 Seiten
broschiert

* Werbepartnerlink zu Amazon.de

Das Buch ist ansprechend aufgemacht und bebildert. Schlägt man es auf, fällt auf, dass es zwei parallel laufende Inhaltsverzeichnisse gibt. Das eine besteht aus Prolog, vier Hauptkapiteln und einem Ausblick – in diesem Strang stellt Rasper die neuen Trends vor, beleuchtet die Hintergründe und geschichtliche Entwicklung, ordnet ein, bewertet und wagt einen Blick in die Zukunft. Das zweite Verzeichnis listet 27 „Praxistipps & Hintergründe“, die – je eine oder zwei Seiten lang -, über das ganze Buch verteilt sind.

Diese zwei Aspekte des Themas – das Philosophische/Politische auf der einen Seite, die praktischen Kenntnisse auf der anderen Seite – in einem Buch zu vermitteln ist natürlich eine Herausforderung. Es ist meiner Meinung nach gelungen – mit kleinen Abstrichen.

„Vom Gärtnern in der Stadt“ ist sehr fesselnd geschrieben. Man merkt, hier schreibt kein Wissenschaftler bemüht sachlich über seine Arbeit, sondern ein von der Sache begeisterter Mensch, der Sprache auch noch einzusetzen weiß. Das Buch ist persönlich – es ist eher wie ein Blog als wie ein Ratgeber oder Sachbuch geschrieben – und sehr packend: Man möchte zwischendurch rausrennen und in der Erde wühlen und irgendwie „da mitmachen“.

Wer sich über die neue „Szene“ und Trends wie Urban Gardening, Permakultur, Community-Supported Agriculture, Guerilla Gardening usw. informieren und von der Begeisterung und damit auch Zuversicht, was die Zukunft des (urbanen) Lebens anbetrifft, anstecken lassen möchte, der liegt mit diesem Buch richtig.

Auch die „Praxistipps & Hintergründe“ sind gut gewählt, doch reichen sie meiner Meinung nach nicht aus, um aus einem Städter schon einen urbanen Gärtner zu machen – aber er sieht, was auf ihn zukommt: Bodenleben, Umgraben oder nicht, Hochbeete, Kartoffeln in Säcken anbauen, Saatgut gewinnen, Sortenvielfalt, Mischkultur, Kompost usw. Und bei den kommentierten Buchtipps im Anhang findet man gute Bücher zum Herantasten an die Praxis. Aber, wie Rasper ja schreibt, ist urbanes Gärtnern auch Kommunikation – bei vielen der Initiativen lernt und experimentiert man zusammen. Das ist mindestens der halbe Spaß – und von gesellschaftlicher Bedeutung.

Sowohl der Hauptstrang als auch die „Praxistipps & Hintergründe“ enthalten die Botschaft, dass man für die Arten- und Sortenvielfalt und den Erhalt lokaler Sorten kämpfen muss und dass kleinteilige landwirtschaftliche Systeme unter direkter Einbeziehung der Konsumenten aufgebaut werden sollen, damit man die landwirtschaftliche Erzeugung nicht ganz an die Monopole der Agrarkonzerne verliert, die mit ihren Patenten und nicht standortgerechten Hochleistungssorten Abhängigkeiten erzeugen und Zusatzprodukte verkaufen – alles auf Kosten der jeweiligen regionalen Landwirte und Bevölkerung – und natürlich auf Kosten der Nachhaltigkeit.

Kleine Kritikpunkte
Stellenweise ist mir persönlich das Buch ein wenig zu sehr vom eigenen Thema berauscht. Auch bin ich der Schwarz-Weiß-Malerei – hier die geschmacklose Supermarktware und die Agrarkonzerne, da das putzige gärtnernde Stadtvölkchen – inzwischen etwas überdrüssig. Die Supermarktware ist nicht das Maß aller Dinge – es gibt seit Jahrzehnten und länger Gemüsemärkte, Verkauf vom Öko-Bauernhof, Gemüsefachgeschäfte etc., die nur leider dem Durchschnittsbürger zu teuer waren, weil er lieber einen größeren Fernseher kaufen oder zweimal im Jahr Urlaub machen wollte. Überhaupt fehlen mir bei der Beleuchtung der jüngsten Geschichte die Rolle des Verbrauchers, der vom Handel immer perfektere Ware immer billiger haben wollte, und die Rolle der Politik, die aus Unkenntnis der Materie immer nur auf die Lobbyisten der großen Agrarkonzerne hört. Und wie viel Schuld hat die Hochschulpolitik und die zunehmend fehlende unabhängige Forschung an der ganzen Entwicklung? Es sind noch so viele Fragen offen – auch, wie dieser neue Trend mit anderen Trends, z. B. dem aktuellen Konsumverhalten vieler in Bezug auf die schöne neue Technikwelt (jedes Jahr das neueste Smartphone, Tablet, Spielkonsole, TV etc.), zusammenpasst.

Eine weitere kleine Anmerkung: Ich hätte es noch besser gefunden, wenn die Bilder durchgehend beschriftet gewesen wären – das hätte besonders Anfängern noch mehr praktisches Wissen vermitteln können. An manchen Stellen hätte ein zusätzliches Bild (Beispiel Felsenbirne) oder eine Zeichnung (Beispiel Kräuterbeet) gut getan.

Fazit: packendes Buch über den neuen Trend des Gärtnerns in der Stadt – sehr empfehlenswert (4,5 Sterne)
Vom Gärtnern in der Stadt* von Martin Rasper informiert auf packende Art und Weise über die Trends, die meist unter dem Begriff „Urban Gardening“ zusammengefasst werden. Es ist ein geeigneter Lesestoff für Interessierte, die wissen wollen, was da gerade in unseren Städten passiert. Es unterstützt den frischgebackenen Urban Gardener dabei, sich zurechtzufinden, und liefert dem alten Hasen noch einmal einen kleinen Motivationsschub, Anregungen und Argumentationshilfen.
* Werbepartnerlink zu Amazon.de

Über Eva Schumann

Werbefinanzierte Online-Publikationen: www.tinto.de. Journalistin, Bloggerin, Autorin, Texterin und Technische Redakteurin: www.evaschumann.biz.
Dieser Beitrag wurde unter Bücher, Garten und Pflanzen, Mitreden, Öko-/Bio-Themen, Selbstverwirklichung, Urban Gardening abgelegt und mit , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Vom Gärtnern in der Stadt – Buchrezension (4,5 Sterne)

  1. Pingback: Gemüse vom Balkon | tinto bloggt

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *