Urban Gardening/Urban Farming – Städter entwickeln sich zu Ackerbauern und Viehzüchtern

Urban Gardening - Gärtnern in der Stadt - Salat im Topf anbauen

Gärtnern in der Stadt: Wer wenig Platz hat, baut seinen
Salat eben im Topf oder Blumenkasten an.

Das Gärtnern in der Stadt, der Bienenstock auf dem Dach oder ein Kaninchenstall im Hinterhof sind nicht neu, aber aus isolierten „Einzelkämpfern“ ist weltweit eine über das Internet vernetzte Bewegung des Urban Gardening/Urban Farming geworden.

Vorbei die Zeiten, als sich deutsche Städter mit dem Jagen nach Aufträgen bzw. Jobs und dem Sammeln von Konsumgütern und Bonusmeilen zufriedengaben. Das Jagen und Sammeln alleine machte auf Dauer nicht glücklich. Auch Städter wollen sich mit der Natur verbunden fühlen, wollen den Nahrungsmitteln trauen können, die sie essen, wollen durch Säen und Pflanzen Raum und Nahrungsangebot gestalten, wollen pflegen und ernten und wollen auch ihren Kindern eben dieses mitgeben. Und wie geht das besser, als selbst zum Ackerbauern auf der eigenen Scholle, und sei diese nur ein Blumenkasten, und Viehzüchter, z. B. eines Bienenvölkchens, zu werden.

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Urban Gardening und Urban Farming als Heilmittel moderner Großstädte

Die Idee des urbanen Gärtnerns ist nicht neu. Oft wurde und wird sie aus der Not der Armenviertel der großen Städte der Welt heraus geboren – weil Menschen dort anders keinen Zugang zu frischen Lebensmitteln haben oder um verkommene Stadtteile und vermüllte Parks in Orte der Begegnung, Nahrungserzeugung und Therapie zu verwandeln.

Video: Grüne Therapie-Gärten in den Slums von New York 1981 (YouTube)

Aber auch in Deutschland gab es schon immer Städter (und genauso Mieter auf dem Lande mit beschränktem Raum), die auf ihrer Fensterbank Kräuter, auf dem Balkon Tomaten und Salat, im vom Vermieter überlassenen Beet Erdbeeren und Spinat anbauten oder die auf dem Dach eines städtischen Wohnhauses einen Bienenstock oder hinterm Haus einen Kaninchenstall aufstellten. Genauso haben auch Kleingartenanlagen und die Bahn-Landwirtschaft – auch in den Städten – eine lange Tradition.

Urban Gardening ist also im Prinzip nicht neu, aber wurde kürzlich aus der Mottenkiste geholt, sorgfältig entstaubt und in einen neuen Kontext gesetzt, nämlich zusätzlich zu dem der Selbstversorgung, Therapie, Lebensqualität, Ökologie und Nachhaltigkeit zu dem von Klimawandel, (Multikultur-) Gesellschaft und Politik. Für viele Urban Gardener ist ihre gärtnerische Betätigung ein politisches Statement, mit welchem sie sich – beispielsweise mit Saatguttausch und Sortenerhaltungsaktionen – gegen Großkonzerne der Lebensmittelindustrie und der Züchtung, und was sie verkörpern, positionieren.

Gärtnern in der Stadt zwischen Kreativität und Kommerz

Urban Gardening Produkte Topfregal

Urban Gardening: Oft muss der wenige Platz zum Gärtnern in der Horizontalen und der Vertikalen bestmöglich genutzt werden.

Während in den Armenvierteln der Mega-Cities in Industrie- und Entwicklungsländern, aber auch zu den Anfangszeiten des aufpolierten Trends bei den weniger Armen viel Improvisation und Kreativität nötig (oder ein Teil des Spaßes) waren, ist Urban Gardening heute ein Trend, der vom Gartenfachhandel tatkräftig bedient wird. Die Gartenmessen, Gartencenter und Baumärkte online wie offline sind voll von mobilen Hochbeeten, Wandbefestigungen für vertikale Gärten, Kompostbehältern für den Balkon und was sonst für städtische Freizeitgärtner oder andere, die mit wenigem bzw. nur vorübergehend verfügbarem gärtnerischen Betätigungsraum auskommen müssen, interessant sein könnte.

Urban Gardener und Urban Farmer

Das Gärtnern in der Stadt wird jedoch nicht ausschließlich von Freizeitgärtnern betrieben, auch professioneller Gartenbau findet schon lange auch in der Stadt statt – oft, weil die seit Generationen betriebene Gärtnerei irgendwann von der nächstgelegenen Stadt umzingelt wurde.

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Ich selbst habe schon 1979/80 ein Praktikumssemester lang in einer solchen Familiengärtnerei in der Stadt gearbeitet, wo verbrauchernah Salat, Rettich, Radieschen, Feldsalat, Spinat, Tomaten, Sellerie, Schnittlauch, Petersilie, Sauerampfer und alles, was sonst an Kräutern und Gemüse die frische Küche bereichert, angebaut wurden.

Doch mit den immer größer werdenden Städten und dem immer weniger werdenden verfügbaren Platz sowie den neuen Trends wie Permakultur (früher als Bio-Gartenbau oder Öko-Landwirtschaft bezeichnet) wird nach neuen Orten auch für den professionellen Gartenbau gesucht und diese auch gefunden: auf den Dächern, in der Vertikalen (Fassaden und andere Wände) und in alten Schächten, wo (notfalls mit Hilfe von Zusatzlicht) verbrauchernah produziert wird.

Bemerkenswert sind auch CSA-Initiativen wie die Backyard Farms in New York, gegründet von Stacey Murphy. CSA steht für Community Supported Agriculture. Besitzer ungenutzter Flächen (Gärten, Hinterhöfe, ungenutzte Flächen der Gemeinde oder auch von Schulen) überlassen dieses Land und Wasser den Backyard-Farmern für den Gemüseanbau und erhalten dafür im Gegenzug frisches Gemüse. Unterstützt wird das Projekt außerdem von Spendern, die wiederum Gutscheine für knackfrische Gartenerzeugnisse erhalten. Darüber hinaus geben die Backyards-Farmer ihr Wissen zu Gemüseanbau, Hühnerhaltung und Honigbienen über Newsletter, Veranstaltungen, Freiwilligenprogramme, Praktikumsstellen, Programme speziell für Jugendliche, Beratung und Partnerschaften weiter.

Video: NYC’s Backyard Farms: Growing More than Just Produce (YouTube-Video)

Während Backyards Farms eher auf fremden Hinterhöfen aktiv ist, nutzt Lee Mandel mit Boswyk Farms (Video arte.tv) Dachfläche zur Gemüseproduktion in Hydrokultur.

Urban Gardening – wir stehen erst am Anfang

Ich glaube, man kann davon ausgehen, dass Urban Gardening/Urban Farming nicht nur eine vorübergehende Mode ist, sondern eine Entwicklung, die nicht nur durch private Initiativen immer facettenreicher wird, sondern auch von Stadtplanern und Architekten zunehmend unterstützt und von vorneherein in die Planung miteinbezogen wird, nicht nur, um die neuen städtischen Freizeitfarmer bei einem Hobby oder ihrer Weltanschauung zu unterstützen, auch nicht nur, weil Gemeinschafts- und kulturelle Gartenprojekte Anonymität und Isolation überwinden und Integration fördern helfen, sondern weil Luft und Klima der wachsenden Städte ohne stärkere Begrünung unerträglich schlecht werden würden (Stichworte sind „Smog“ und „Hitzeinseln“) sowie um die Ernährung der Stadtbevölkerung zu einem großen Anteil aus „regionaler Produktion“ zu sichern.

Video: Abgehoben: Dächer als Gemüsegärten (Quer)

Weitere Informationen

 

Über Eva Schumann

Werbefinanzierte Online-Publikationen: www.tinto.de. Journalistin, Bloggerin, Autorin, Texterin und Technische Redakteurin: www.evaschumann.biz.
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