Avantgardening: Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern (Buchvorstellung**)

Avantgardening: Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern* von Torsten Matschiess ist dieses Jahr neu im Ulmer Verlag erschienen. Matschiess propagiert eine authentische Gartengestaltung, die zum jeweiligen Standort und seinen Gegebenheiten passt statt des Kopierens eines gerade angesagten Stils. Wie wundervoll solche authentischen Gärten aussehen können, zeigen die Fotos von Spitzenfotograf Jürgen Becker im Buch. Sehr inspirierend.

Avantgardening Buchcover mit Werbelink zu Amazon.de

Als ich den Titel Avantgardening: Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern* las, wurde ich neugierig. Gab es einen neuen Gartentrend, von dem ich noch nicht gehört hatte? Dass es nicht um eine neue Variation von Schotter- oder Gummimulchflächen ging (Letztere habe ich bisher zum Glück nur in einer amerikanischen Gartengestaltungsdoku gesehen), war schon am Coverbild zu erkennen: Das Foto zeigt einen Garten, in dem großzügig mit Pflanzen – ihren Formen, Farben und Strukturen – in die Fläche, nein: in den Raum (!) gestaltet wurde. Und der doch wie Natur wirkt. Ich wollte mehr wissen.

Als das Buch ein paar Tage später bei mir eintraf und ich es öffnete, konnte ich es gar nicht mehr beiseitelegen. Es ist unterhaltsam geschrieben, Torsten Matschiess‘ Freude am Experimentieren und Beobachten, am Entwickeln von Gärten und Pflanzengemeinschaften dem Standort und seinen Besonderheiten entsprechend, aber auch am Hinterfragen eingefahrener Regeln und Systeme wirkte auf mich ansteckend. Dass sich diese „authentische“ Gartengestaltung lohnt, beweisen die vielen wunderschönen und stimmungsvollen Bilder von Jürgen Becker.

Um es gleich zu sagen: Das Buch enthält keine Anleitungen, wie man was am besten gestaltet oder welche Pflanzen man wie miteinander kombiniert, sondern es will – meinem Eindruck nach – dazu inspirieren, dem eigenen Gelände mit seinen Möglichkeiten nachzuspüren und mit diesem Wissen einen individuellen, authentischen Garten zu entwickeln.

In Kapitel 1 geht es um das erste Jahr mit einem neu erworbenen Garten. Oft passen die Vorstellungen von einem schönen Garten und die Standortgegebenheiten nicht zusammen, was zu Problemen wie Pflanzenausfällen und nicht eingeplanten Kosten führen kann. Manche Gartenbesitzer und Gartengestalter wollen möglichst schnell einen (scheinbar) fertigen Garten vorweisen und kaufen große Gehölze – die dann aber weniger an den Standort angepasst sind als Gehölze, die von Klein auf dort gewachsen sind. Andererseits verändern Gehölze, die jung gepflanzt oder gesät werden, mit ihrem Wachstum die Standortbedingungen in ihrer Umgebung, sodass die ursprünglichen Begleiter in unmittelbarer Nähe bald nicht mehr dorthin passen.
Der Autor ging bei seinem eigenen Garten weiter als die meisten Gartenbesitzer und auch als viele Gartengestalter – er hat nicht nur darauf geachtet, welche Pflanzen ihm gefallen und auch nicht einfach Pflanzen aus einer Datenbank herausgefiltert, die in etwa dem örtlichen Klima und der Region entsprechen könnten (was immerhin schon ein Schritt Richtung Nachhaltigkeit ist), sondern seinen Standort mit jeder kleinen, örtlich begrenzten Besonderheit, anhand der Ruderalflora zu begreifen versucht. In eine Senke, wo sich Wasser und Nährstoffe sammeln, gehören eben andere Pflanzengemeinschaften als auf eine trockene Erhebung, auf einem verdichteten Teilstück andere als auf dem ansonsten durchlässigen Boden. Außerdem legte er Sortenvergleichs- und andere Testpflanzungen an und führte eigene Selektionen durch. Ein Gartenflüsterer in dem Sinne, dass er versucht, aus einem gegebenen Gelände und seinen Gegebenheiten das Beste und Einzigartige herauszuholen.

In Kapitel 2 efährt man mehr über die Motivation des Autors und seine persönlichen Gartenphilosophien – da geht es um Ökologie und Ökonomie – Rasenflächen sind arbeitsaufwändiger und teuerer als authentische Gehölz- und Staudenpflanzungen, und auch um Diversifikation und Invasion – wenn die Hummeln den Neuling mögen, warum soll man ihn dann verteufeln, wenn es doch um die Förderung der Vielfalt geht?

Um Gestaltung im engeren Sinne geht es im dritten Kapitel. Matschiess zeigt so simpel wie beeindruckend, dass es raffiniertere Möglichkeiten der Sichtverstellung und Raumgestaltung gibt als Vertikalschotter, Mauern und Hecken – Möglichkeiten, die gleichzeitig den Blick von drinnen nach draußen neu öffnen und aufwerten können. Wie auch schon in den Kapiteln vorher stellt der Autor gerne mal alte Regeln in Frage.

Das 4. Kapitel, Lieblingspflanzen, ist Pflanzen gewidmet, die entweder mehr Aufmerksamkeit verdienen, oder die der Autor in einen neuen Zusammenhang setzt. Außerdem legt er offen, worüber die meisten Fachleute gerne schweigen: das Scheitern – vor dem selbst ein Gartenflüsterer nicht hundertprozentig sicher ist.

Über den Autor
Torsten Matschiess kam als Quereinsteiger zur Gartenentwicklung und Staudenverwendung, aber er hat sich an den Besten orientiert und von ihnen gelernt und er hat sich vor allem selbst tief in die Praxis gekniet und reichlich Erfahrungen gesammelt. Sein Garten Alst ist vielen Garten- und Pflanzenliebhabern bekannt. Längst setzt er eigene Akzente in der Branche, gestaltet Gärten, berät und ist ein gefragter Fachautor und Referent. Siehe auch Studio Torsten Matschiess.

Über den Fotografen
Jürgen Becker gehört zu den weltweit erfolgreichsten Gartenfotografen und erhielt schon viele Preise für seine Arbeit. Er setzt auch Matschiess authentische Gärten wunderbar fotografisch in Szene.

Mein Fazit: Ein anregendes Buch für Gartenbesitzer und Gartengestalter, die sich von einem Gartenflüsterer dazu inspirieren lassen möchten, eine individuelle und authentische Gartengestaltung für ihr Gelände (oder das eines Kunden) zu entwickeln und auch bereit sind, manche Regel zu hinterfragen und sich eine eigene Meinung zu bilden. Der flexible Einband bei einem Buch dieser Größe (ca. 24,5 x 24,5 x 2 cm) war im ersten Moment ungewohnt, aber ich kam damit dann sehr gut zurecht. Das Layout des Buches ist eher klassisch schlicht, hält sich im Hintergrund und lässt den Autor und die Bilder des Fotografen für sich sprechen.

Das Buch gehört zur neuen „Edition Gartenpraxis“ und ist 2017 beim Ulmer Verlag erschienen, von dem auch das Pflanzenmagazin Gartenpraxis herausgegeben wird.

Avantgardening: Plädoyer für gegenwärtiges Gärtnern*
von Torsten Matschiess (Autor) und Jürgen Becker (Fotograf)
Ulmer Verlag**, Stuttgart 2017
192 S., 228 Farbfotos, Flexcover
ISBN 978-3-8001-0872-5

* Werbelink
** Ich habe vom Verlag ein kostenloses Rezensionsexemplar erhalten.

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US-Farmer: Bessere Tomatenernte mit Künstlicher Intelligenz (Landwirtschaft 4.0)

So wie es die Industrie 4.0 gibt, gibt es eine Landwirtschaft 4.0 – eine Landwirtschaft, die die Digitalisierung und ihre Möglichkeiten, beispielsweise den Einsatz von Künstlicher Intelligenz, nutzt. Ziel ist es, die Effizienz zu erhöhen sowie Ressourcen und/oder Kosten zu sparen. Ein Beispiel aus der Praxis: Das texanische Unternehmen NatureSweet Tomatoes erprobt den Einsatz von Künstlicher Intelligenz zur Überwachung der Pflanzengesundheit.

Um Künstliche Intelligenz ranken sich viele Mythen. Die einen denken an außer Kontrolle geratene Killerdrohnen, andere an menschenähnliche Roboter, die aus sich selbst heraus immer intelligenter werden, bis sie am Ende die Weltherrschaft übernehmen. Doch so geheimnisvoll ist Künstliche Intelligenz nicht (immer). Sie ist auch keine Sache, die sich in der Zukunft oder in einem Zukunftsroman abspielt, sondern breitet sich gerade aus, auch im Gartenbau.

Industrie 4.0

    Unter Industrie 4.0 wird die vierte Stufe der Industrialisierung verstanden.

  • Stufe 1: Mechanisierung mit Energie aus Dampf und Wasserkraft
  • Stufe 2: Massenproduktion, Fließbänder, Fabrikationsstraßen mit elektrischer Energie
  • Stufe 3: Erste Phase der Digitalisierung: Computer und Informationstechnologie (IT) zur Automatisierung der Produktion
  • Stufe 4: Zweite Phase der Digitalisierung: Dazu gehören beispielsweise
    • die Entwicklung cyber-physischer-Systeme (verteilte, komplexe Systeme, deren Komponenten Daten über eine Infrastruktur austauschen und sich anpassen können, z. B. Intelligente Stromnetze),
    • das Internet der Dinge (Internet of Things, IoT),
    • Cloud Computing (Bereitstellung von IT-Infrastruktur – Speicherplatz, Anwendungsprogramme etc. – als Dienstleistung über das Internet),
    • Künstliche Intelligenz

 
Künstliche Intelligenz (KI) oder Artificial Intelligence(AI) ist als Forschungsgebiet ein Teil der Informatik. Im Grunde ist die Nutzung von AI eine Kombination aus unglaublich vielen gesammelten Daten sowie Software, die diese auf einem (Hochleistungs-)Rechner sehr schnell und möglichst zeitnah auslesen, daraus Vorhersagen ableiten und Handlungen oder Handlungsabfolgen in Gang setzen kann. Manches, was früher unter die KI-Forschung fiel, wie beispielsweise Texterkennung, ist heute Alltagstechnologie. Heute wird beispielsweise am inhaltlichen Verstehen von Sprache und der selbstständigen Suche nach Antworten, an selbstfahrenden Autos und anderen autonomen Dingen (Internet of Autonomous Things, IoAT – selbst navigierende Drohnen, Haushaltsroboter etc.) sowie an der Auswertung komplexer Daten gearbeitet.




 

Künstliche Intelligenz zur Überwachung der Pflanzengesundheit

Je größer eine Anbaufläche ist, desto schwieriger ist es, den gesamten Pflanzenbestand zu überwachen und Krankheiten, Schädlinge oder andere Schadursachen frühzeitig zu entdecken. Besonders die Bestände der Fruchtgemüseproduktion unter Glas sind wertvoll, da sie viel kosten und eine lange Erntezeit haben, und müssen überwacht werden, damit nicht ein Kulturfehler, eine Krankheit und/oder Schädlinge alle vorherigen Anstrengungen und Investitionen zunichte machen. Bisher gehen entsprechend geschulte Menschen in regelmäßigen Abständen durch den Bestand, begutachten die Pflanzen sorgfältig, drehen Blätter um, achten auf auffliegende Schädlinge etc. und notieren eventuelle Befunde mit Zeit- und Ortsangabe in irgendeiner Weise, um dann später Gegenmaßnahmen einleiten zu können – beispielsweise Nützlinge bestellen, die gegen die Schädlinge vorgehen oder bei manchen Krankheiten den Befallsherd entfernen und entsorgen lassen.

Phytophtora infestans an Tomatenblättern

Künstliche Intelligenz soll bei der frühzeitigen Entdeckung von Krankheiten und Schädlingen in einem Pflanzenbestand helfen. Im Bild: Phytophtora infestans an Tomatenblättern.

Ein Beispiel für den Einsatz Künstlicher Intelligenz im Gartenbau ist die Nutzung von Kameras (fest installierte oder an Drohnen befestigte), die den Pflanzenbestand beobachten (d. h. in vorgegebenen Abständen Fotos machen), diese Bilder und andere Daten an ein Auswertungssystem weitergeben, das etwaige „ungesunde“ Veränderungen verursacht durch Kulturfehler, Schädlings- oder Krankheitsbefall an den Pflanzen bemerken kann. Dazu muss das System schnell sehr große Mengen an Daten verarbeiten können und gleichzeitig muss es auch auf eine große Menge von Daten zurückgreifen können, um zu wissen, wie eine gesunde Pflanze wächst, beziehungsweise zu identifizieren, welche Ursache eine bestimmte Abweichung vom optimalen Zustand hat. Je nachdem, was das KI-System findet und abhängig davon, wie weit die Automatisierung fortgeschritten ist, würde das KI-System den zuständigen Gärtner informieren und/oder vielleicht selbst Maßnahmen in Gang setzen (beispielsweise die Lüftung anders steuern, Nützlinge bestellen etc.).

KI in der Tomatenanbau-Praxis

NatureSweet, ein Tomatenanbauer mit Hauptsitz in Texas, erprobt derzeit KI zur Überwachung der Pflanzengesundheit in seinen Tomatengewächshäusern. Mit einer Verringerung des Ernteausfalls durch eine verbesserte Überwachung und schnellere Gegenmaßnahmen will man den Ertrag steigern und zu mehr Nachhaltigkeit beitragen. Tatsächlich hofft Adrian Almeida, der Abteilungsleiter für Innovation bei NatureSweet, die Tomatenerträge auf längere Sicht um 20 % steigern zu können, sagte er CNN tech. Bisher sind es allerdings nur zwischen 2 und 4 %, die erreicht werden, was aber bei großen Produktionsmengen beziehungsweise Umsätzen durchaus von Bedeutung ist.

Die Informationen über den Pflanzenzustand werden bei NatureSweet mit fest installierten Kameras gewonnen, die im Gewächshaus angebracht wurden und die nun ununterbrochen Fotos vom Pflanzenbestand machen. Die Bilder werden mithilfe eines KI-Programmes von Prospera, einem israelischen Start-up-Unternehmen, das auf Datenanalyse und Digital Farming (digitalisierte Landwirtschaft, Landwirtschaft 4.0) spezialisiert ist, sofort ausgewertet. Mithilfe der Software können problematische Veränderungen im Pflanzenbestand, beispielsweise ein Schädlingsbefall, Blattveränderungen oder Welkeerscheinungen, früh erkannt werden.

Almeida schätzt, dass er ohne die Kameras und die Nutzung von KI den Personalbestand um 4 % erhöhen müsste.

Prospera hat jedenfalls bereits eine dicke Ernte von 15 Millionen US-Dollar an Investitionsgeldern für eine Expansion des Unternehmens eingefahren, unter anderem von Firmen wie Qualcomm Ventures (Qualcomm ist selbst im Bereich Halbleiter und IP-Lösungen tätig) and Cisco Investments (Cisco ist praktisch gleichbedeutend mit Internet-Infrastruktur).

Fazit

Mit der Landwirtschaft 4.0 will man laut Fachgruppe Agtech den Zielkonflikt zwischen Ökologie und Versorgungssicherheit auflösen. Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz ermöglicht Unternehmen ein effizienteres Arbeiten und Wachstum. Aber so spannend die neuen Technologien sind, fehlt noch eine Antwort der Politik auf die Frage, was mit den eingesparten Arbeitskräften passieren soll und wovon die in Zukunft leben.




 

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Bio-Zierpflanzen sind gut für alle

Kräuter und Gemüse gibt es schon lange in Bio-Qualität zu kaufen – als Jungpflanzen beim Biogärtner oder in der Bio-Abteilung im Gartencenter, als Lebensmittel sogar im Supermarkt. Langsam wächst auch das Bio-Zierpflanzen-Angebot. Was meiner Meinung nach für Bio-Zierpflanzen spricht und wo man sie kaufen kann.

Biene an Blüten

Bio-Zierpflanzen tun nicht nur den Bienen gut, sondern uns allen.

Zierpflanzen dürfen oft anders oder mit anderen Pflanzenschutzmitteln behandelt werden als Obst, Gemüse und Kräuter. Beispielsweise darf im konventionellen Zierpflanzenbau gegen Weiße Fliege, Blattläuse, Minierfliegen etc. laut Datenbank des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit dem Wirkstoff Imidacloprid, einem Neonicotinoid, enthalten beispielsweise in Confidor WG 70 von Bayer CropScience, vorgegangen werden.

Confidor ist laut BVL Datenblatt ein umweltgefährliches, gesundheitsschädliches Granulat, für das es natürlich strengere Anwendungsbestimmungen und Auflagen gibt als gewöhnlich bei einem weniger gefährlichen Mittel. Es darf beispielsweise wegen der Gefahr für Bienen nicht auf blühenden Pflanzen oder bei blühenden Unkräutern angewendet werden. Aber: Der Wirkstoff ist auch schädlich für Marienkäfer, Florfliegen und viele andere Nützlinge.

Zwar dürfen auch Tabak, Hopfen, Wein und Pfirsiche im Profi-Gartenbau damit behandelt werden, aber im Gemüsebau nur wenige Salatarten, sonst nichts, und diese nur kurz vor der Entfaltung des 3. Laubblattes, also vor dem Auspflanzen – bis zur Ernte dauert es dann noch einige Wochen, so dass man anscheinend davon ausgeht, dass eine Wartezeit, bevor der Salat verzehrt werden darf, überflüssig ist. Weil Salat im Produktionsanbau nicht blüht, sieht man da auch keine Gefahr für Bienen. Im Haus- und Kleingarten hat das Mittel übrigens grundsätzlich keine Zulassung.

Was aber passiert, wenn ein konventioneller Gärtner seine Zierpflanzen im Gewächshaus damit gespritzt hat und die Ware dann beim Endverbraucher landet? Eine Wartezeit gibt es nicht, weil davon ausgegangen wird, dass man Zierpflanzen nicht isst. Die Anwendungsbestimmung NB504 lautet zwar: Eine Behandlung vor der Blüte ist nur zulässig, wenn danach im Jahr der Behandlung keine Verwendung der Pflanzen im Freiland vorgesehen ist. Aber woher weiß der Gärtner, was der Endverbraucher mit seinen neuen Lieblingspflanzen macht, ob er sie auf die Terrasse stellt, wo er gleichzeitig Bienen mit bienenfreundlichen Blumenkasten-Blumenmischungen anlockt, oder ob er damit eine Beetumrandung ums Gemüsebeet anlegen will. Und umgekehrt weiß der Blumenkäufer in der Regel nicht, wie der Produktionsbetrieb die Pflanzen behandelt hat.

Da stellen sich viele Fragen: Kann der Wirkstoff aus dem Pflanzenschutzmittel über den Boden in das Gemüse gelangen? Kann er sich im Kompost anreichern? Hat er Auswirkungen auf die Bodenlebewesen? Etc.

Laut Wikipedia wird der Wirkstoff Imidacloprid (und viele andere) nur langsam abgebaut, im schnellsten Fall halbiert sich die aktive Wirkstoffmenge nach 48 Tagen. Frühestens in weiteren 48 Tagen ist sie dann auf ein Viertel reduziert etc. Sicher ist das schneller als sich Radioaktivität nach einem Atomkraftwerkskunfall wie Tschernobyl verringert, aber ist es schnell genug?

Meiner persönlichen Meinung nach ist es in der heutigen Zeit eine Zumutung für den zunehmend umweltbewussten Verbraucher/Verbraucherin, sich über die Giftigkeit von Pflanzen nicht aufgrund ihrer natürlichen Inhaltsstoffe, sondern auch noch wegen möglicher gärtnerischer Praxis Gedanken machen zu müssen.

Es ist zwar schon ein Fortschritt, dass manche Discounter von ihren Zulieferern verlangen, auch bei Zierpflanzen keine Nicotinoide einzusetzen, aber reicht das? Am Ende des Lebens von Zierpflanzen aus konventionellem Anbau stehen Endverbraucher immer dumm da mit der Frage, wie sie diese Pflanzen und deren Pflanzenerde entsorgen sollen, da man nie weiß, womit die Pflanze vielleicht behandelt wurden – Pflanzenschutzmittel, Stauchungsmittel, was noch? Der eigene Kompost, der dann später auch im Obstgarten und Gemüsebeet verteilt werden soll, ist dann nicht der richtige Ort, vor allem, wenn man Obst, Gemüse und Kräuter biologisch anbauen möchte. Als Endlager kann man mit gutem Gewissen am ehesten die Restmülltonne empfehlen. Aber für einen ökologisch denkenden Menschen, der Pflanzen liebt, ist das eine Zumutung.

Da gibt es nur einen Ausweg: Bio-Zierpflanzen.

Alle Pflanzen sind (vor der Natur) gleich

Die Natur trennt nicht zwischen Nutzpflanzen und Zierpflanzen, schließlich hat jede Pflanze für irgendwelche andere Lebewesen eine Bedeutung und ist damit ein wichtiger Bestandteil des großen Ganzen. So wie es Bienen egal ist, ob sie sich an der Blüte eines Zierstrauches oder eines Gewürzes laben, Hauptsache, sie bekommen, was sie brauchen, macht die Trennung von Nutzpflanzen und Zierpflanzen im Garten, auf dem Balkon oder im Urban Gardening auch für viele Gärtner und Hobbygärtner keinen Sinn mehr: Auch Gemüse können eine Augenweide sein – man denke an Essbare-Gärten-Projekte auf öffentlichen Flächen oder andere Gemeinschaftsgärten –, auch Blüten von so genannten Zierpflanzen sind oft essbar (oder könnten es sein, wenn ihr Schutz vor Krankheiten und Schädlingen entsprechend ökologisch durchgeführt werden würde) und Blüten und Blätter einiger Arten haben sogar eine Heilwirkung.

Wir machen uns Sorgen um die Natur draußen auf dem Land angesichts der Meldungen über den Rückgang der Wildkräuter, Insekten und in Folge auch der Vögel und anderer Tierarten wegen der industriellen Landwirtschaft und ihrer Probleme dort. Wer wenigstens sein Heim, die Terrasse, Balkon, den eigenen Garten uneingeschränkt als Wohlfühloase erleben möchte, wer Gemüse, Kräuter und Blumen bunt zusammenpflanzen können möchte und auch bei der Verwendung von Blüten und Blättern so genannter Zierpflanzen nicht durch Pflanzenschutzrückstände eingeschränkt sein möchte, der legt auch beim Kauf von Zierpflanzen Wert darauf, dass sie umweltgerecht herangezogen und behandelt wurden.

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TOM-GARTEN.de

Bio-Zierpflanzen

Worin sich Bio-Zierpflanzen von herkömmlichen Zierpflanzen unterscheiden: Bio-Zierpflanzen stammen aus einer Gärtnerei, die eine offizielle Bio-Zertifizierung hat. Sie baut Pflanzen grundsätzlich nach der EU-Öko-Verordnung oder den noch strengeren Richtlinien der Anbauverbände Demeter, Naturland etc. an.

Bio-Zierpflanzen werden

  • umwelt- und resourcenschonend produziert, beispielsweise bei geringem Torfanteil im Substrat und nach Möglichkeit mit kurzen Wegen zum Verbraucher,
  • sind frei von Unkrautvernichtungsmitteln (Herbiziden), chemischen Pflanzenschutzmitteln gegen Krankheiten und Schädlinge, Hemmstoffen oder anderen Präparaten, die im Ökolandbau nicht zugelassen sind (und hoffentlich nicht ein konventionell anbauender Nachbar bei Wind im Freien spritzt).
  • Und selbstverständlich sind sie nicht gentechnisch verändert worden.

Wer Bio-Zierpflanzen kauft, tut etwas für unser aller Umwelt und unterstützt Anbauer, die sich für den ökologischen Weg entschieden haben.

Eine Karte mit Gärtnereien, Hofläden und Bioläden, die Zierpflanzen in Bio-Qualität anbieten, findet man bei Bio-Zierpflanzen (bio-zierpflanzen.de – Informationen für Endverbraucher und Produzenten).
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Weitere Informationen

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Tomatenbestäubung durch Hummeln – demnächst auch auf dem Mars?

Die US-Raumfahrtbehörde NASA will untersuchen, ob Hummeln auch außerhalb der Erdatmosphäre zur Bestäubung von Tomaten, Melonen und anderen Pflanzen eingesetzt werden können. Wenn ja, dann könnten Raumfahrer und Besiedler neuer Welten dank dieser natürlichen Bestäuber möglicherweise frische pflanzliche Nahrungsmittel genießen.

Tomatenblüten

Tomatenblüten – nur wenn Bestäubung und Befruchtung klappen, kann man später Tomaten ernten.

Erste Tests weisen darauf hin, dass die fleißigen Helfer auch mit schwierigen Bedingungen wie niedrigerem Luftdruck zurechtkommen. Doch sind noch viele wissenschaftliche Untersuchungen auf Weltraumtauglichkeit notwendig. Auf Reisen gehen soll die beige-schwarze Hummel Bombus impatiens, die aus dem östlichen Nordamerika stammt und dort von Biobest Canada für den Einsatz zur Bestäubung in Gewächshäusern gezüchtet wird.
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Bestäubung von Tomaten durch Hummeln

Wie gut die Tomatenernte ausfällt, ist von einer gelungenen Bestäubung und Befruchtung abhängig. Die Blüten der Tomate sind zwittrig und selbstbestäubend – der Pollen ist sogar schon vor dem Aufblühen bestäubungsfähig. Bei Erschütterung der Blüten – beispielsweise bei Wind – oder bei Besuch von geeigneten Bestäuberinsekten wird er auf die Narbe der Blüte übertragen und die Befruchtung kann stattfinden. Da im Gewächshaus bei geschlossener Lüftung kein Wind die Pflanzen bewegt und sich abhängig von Jahreszeit und Witterung auch nur wenige Bestäuberinsektkken einfinden, wurden die Tomatenpflanzen im Gewächshaus jahrzehntelang von Gärtnern von Hand gerüttelt oder mit einem Vibrationsgerät „getrillert“. Seit etwa Ende der 1980er Jahre werden die menschlichen Bestäubungshelfer zunehmend durch Hummeln ersetzt – sie sind die billigeren Arbeitskräfte.

Hummeln, die zum Bestäuben verkauft werden, sind natürlich nicht der Natur entnommen, sondern eigens dafür vermehrt worden. Sie werden jeweils als komplettes Volk mit Arbeiterinnen und Brut samt Reiseproviant im Karton zum Gärtner verschickt.

Ein Problem, das beim Einsatz von Hummeln zur Bestäubung im Gewächshaus auftreten kann: Werden regionsfremde Hummeln ausgesetzt und entkommen diese aus dem Gewächshaus, können sie als invasive Art heimische Hummelarten verdrängen – das passierte in Chile mit der Dunklen Erdhummel Bombus terristis, die dort ausgebüxt ist und sich nun über Südamerika ausbreiten soll, während die dort heimischen Hummelarten aussterben.

Bei uns in Deutschland wird im Tomatenanbau unter Glas ebenfalls die Hummel Bombus terrestis eingesetzt. Allerdings ist diese schwarze Hummel mit den zwei gelben Querstreifen und dem hellen Hinterleib in Europa heimisch und sowieso die am häufigsten vorkommende Art.

Hummel Bombus terrestis


Die Hummelart Bombus terrestis kann man bei uns überall beobachten – im Garten, auf dem Balkon und in öffentlichen Grünanlagen. Ihre Artgenossen aus der professionellen Hummelvermehrung werden zur Bestäubung im kommerziellen Tomatenanbau im Gewächshaus genutzt.

Der Einsatz tierischer Bestäuber hat einen positiven Nebeneffekt: Er zwingt die Gärtner zum nützlingsverträglichen Pflanzenschutz – weswegen Hummelbestäubung und biologischer Pflanzenschutz (mit Nützlingen/Nutzorganismen) meist Hand in Hand gehen.
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Angst vor Stichen muss man meiner persönlichen Erfahrung nach nicht haben. Ich bin jahrelang in Gewächshäusern mit Hummeln ein- und ausgegangen und wurde weder dort, noch im Garten jemals von einer Hummel gestochen. Die Tiere scheinen mir friedlich und ausschließlich auf ihre Blütenbesuche konzentriert. Auf dem „Beipackzettel“ der Bestäuberhummeln wird empfohlen, auf blaue Kleidung sowie Parfum und Rasierwasser zu verzichten, aber ich habe auch frisch geduscht und nach Hautreinigungs- und pflegemitteln riechend nie aggressives Verhalten erlebt.

Hummelzucht und -vertrieb

Das belgische Unternehmen Biobest, das die Hummeln für die NASA liefert, wurde 1987 gegründet und ist inzwischen weltweit in der Hummelzucht und im biologischen Pflanzenschutz (Nützlinge, Nutzorganismen) aktiv. Ein weiterer bekannter Bestäuber- und Nützlingszüchter ist das ebenfalls international tätige, holländische Unternehmen Koppert Biological Systems. Viele deutsche Nützlingsanbieter wie Sautter & Stepper arbeiten bei den Bestäuberhummeln mit Koppert zusammen.

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