Gewächshaus: Befruchtung mit Hummeln bei Kunstlicht

Wärmeliebende Pflanzen wie Auberginen, Tomaten, Chili und Paprika benötigen in den Wintermonaten nicht nur ein Gewächshaus mit Heizung, sondern auch Zusatzlicht. Aber reicht dieses Licht auch den Hummeln, die zur Bestäubung eingesetzt werden?

Fruchtgemüse wie Tomaten, Chili und Paprika können bei uns außerhalb der frostfreien Zeit nur im Gewächshaus angebaut werden. Dieses sollte beheizbar und – um Heizkosten zu sparen und der Umwelt zuliebe – gut isoliert sein. Allerdings fliegen im Herbst und Winter wegen der geschlossenen Lüftungsöffnungen keine Insekten zu und es ist windstill. Dadurch tritt ein Problem auf: Es findet kaum Befruchtung statt, weil der Pollen nicht in Bewegung und damit nicht auf die Narbe kommt. Ohne gute Bestäubung und infolge Befruchtung sind jedoch die Fruchtbildung, -ausbildung und die Ernte insgesamt schlecht.

Erdhummel

Die dunkle Erdhummel Bombus terrestris ist in Europa, Nordafrika und Kleinasien natürlich verbreitet. Man kann sie auch bei Nützlingszüchtern kaufen und die Kästen mit den Hummelnestern im Gewächshaus aufstellen.

Die fehlende „natürliche“ Befruchtung im Gewächshaus kann man manuell ausgleichen, indem man die Blütenstände mit einem speziellen Vibrierstab „trillert“ oder im Hobbybereich mit einer Schüttelbewegung in Schwingung versetzt. Allerdings sind damit im Erwerbsgemüsebau hohe Arbeitskosten verbunden, da diese Arbeit mehrmals wöchentlich wiederholt werden muss. In den 1990er-Jahren fing man daher an, im Gewächshaus Kästen mit eigens dafür vermehrten Hummelvölkern aufzustellen und die Hummeln die Arbeit machen zu lassen. Und sie erwiesen sich als sehr fleißige Helfer.

Bestäubung
Zwar sind Auberginen, Tomaten und Paprika Selbstbefruchter – aber dafür muss der Pollen durch Wind oder Bestäuber erst einmal in Bewegung gesetzt werden und dann auf der Narbe haften bleiben. Eine gute Befruchtung hängt daher nicht nur von der Blüten- beziehungsweise Pollenqualität sowie vom Vorhandensein von Luftbewegung oder Bestäubern ab, sondern auch von der Luftfeuchtigkeit im Gewächshaus: Bei zu hoher Luftfeuchtigkeit verklebt der Pollen und kommt erst gar nicht zur Narbe, weil er nicht fliegt, bei zu niedriger Luftfeuchtigkeit haftet er nicht an der Narbe und es findet ebenfalls keine Befruchtung statt.

Gegen die „Winterdepression“ von Pflanzen, Menschen und Hummeln hilft Licht

Allerdings ist es bei uns im Herbst und Winter nicht nur kalt, sondern die Tage sind kurz und oft sehr trüb. Eine gute Pflanzenentwicklung ist in dieser Zeit nur mit Zusatzlicht möglich – und auch manche Menschen überstehen den Winter nur mit Zusatzlicht („Wohlfühllicht“) ohne depressive Verstimmungen.

Auch die Hummeln benötigen Licht, um ihr Hummelnest nach der Arbeit wiederzufinden – mindestens 28 Watt/m2 PAR-Licht beziehungsweise 56 Watt/m2 Sonnenlicht sollten es sein (Quelle Koppert, siehe unten). Wenn das natürliche Licht draußen unter 60-70 Watt/m2 sinkt, reicht das Licht im Gewächshaus nicht mehr.

Es sollte jedoch auch bedacht werden, dass der Einsatz von Pflanzenlicht das Klima im Gewächshaus verändern kann. Manche Pflanzenleuchten wie Hochdrucknatriumdampflampen (beispielsweise SON-T) erzeugen neben Licht auch Abwärme und können dadurch auch die Luftfeuchtigkeit verändern.

Hummeln sehen auch in einem anderen Spektralbereich als wir Menschen und sie haben auch andere Ansprüche als Pflanzen an das Licht. Mit dem Rotanteil im Licht/Kunstlicht können sie im Gegensatz zu Menschen und Pflanzen nichts anfangen. Der niederländische Spezialist für Nützlingseinsatz Koppert B.V. hat die Hummelkästen-Einflugslöcher aufgrund dieser Erkenntnisse farblich so gestaltet, dass die Insekten nach Hause finden. Trotzdem sollte man die Kästen vor allem von der 40. bis zur 6. Woche hoch über dem Pflanzenbestand direkt ins Licht hängen und nicht etwa hinter eine Schattierung (Licht-Einfallswinkel zur relevanten Tageszeit beachten).

Smart Home für Hummeln?
Koppert hat eine Anleitung zum Einsatz von Hummeln bei künstlichem Licht zum Download ins Netz gestellt (siehe unten). Darin wird das Wireless BeeHome und andere Systeme vorgestellt, bei denen die Hummelkästen zu vorgegebenen Zeiten automatisch geöffnet und geschlossen werden können. Außerdem gibt es Angaben zu den optimalen Uhrzeiten für das Öffnen und Schließen der Einflugsluken zu verschiedenen Jahreszeiten am Beispiel Niederlande. Gesteuert werden kann das automatische Öffnen und Schließen über eine Zeitschaltuhr oder per Klima-Computer. Ein Zugriff per Smartphone-App, wie bei Smart- Garten- und Smart-Home-Lösungen für Menschen ist zwar noch nicht erwähnt, aber vermutlich nur eine Frage der Zeit oder des „DIY“ (selbst eine Anbindung über den Klimacomputer oder zur Zeitschaltuhr schaffen).

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Quellen und mehr Informationen

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Abwärme der Blockchain-Technologie im Garten/Gartenbau nutzen (aktuelles Projekt)

Die Blockchain-Technologie wird für die Erzeugung von Kryptowährungen wie Bitcoin und Ethereum sowie auch anderes genutzt. Sie verbraucht sehr viel Strom. Das ist nicht nur teuer, sondern kostet auch Resourcen und belastet je nach Art der Stromerzeugung des Input-Stroms mehr oder weniger stark die Umwelt. Verbessern kann man die Nachhaltigkeit, indem man die Abwärme sinnvoll nutzt, beispielsweise für die Gewächshausheizung und andere landwirtschaftliche Anwendungen. Vorstellung eines Projektes von United American Corporation.

Im Blogartikel Gewächshäuser oder Aquaponiksysteme in Räumen mit Bitcoin Mining heizen habe ich Anfang des Jahres das Pilotprojekt von Bruce Hardy beschrieben, der in Kanada mit günstigem, regional erzeugtem Strom aus Wasserkraft und mit der Blockchain-Technologie Bitcoins schürft (Bitcoin Mining), also digitales Geld schafft, und die dabei entstehende Abwärme für die Beheizung eines Aquaponik-Systems nutzt, mit dem er Salat und Fisch produziert.

Was Bruce Hardy aus Kanada im Kleinen vorführt, hat die United American Corporation („United Corp“, Sitz in Miami/Florida (USA)) im Großen Stil ebenfalls in Kanada, in der Provinz Quebec, umgesetzt: 1.000 leistungsstarke Rechner für das Erzeugen von Kryptowährung (Mining) wurden in einem BlockChainDome™ untergebracht. Mit der beim Mining entstehenden Wärme werden angrenzende Gewächshäuser geheizt.

Der BlockchainDome™ hat einen Strominput von 1,5 Megawatt (um die Kryptowährung zu generieren), produziert dabei 5 Mio. btu/h Wärme (ca. 1,47 Megawatt) und liefert die als 200.000 CFM Warmluft (ca. 340.000 Kubikmeter/Stunde). Die warme Luft muss abgeführt werden, damit die Rechner nicht heißlaufen. Diese Abwärme steht 24 Stunden am Tag zur Verfügung. Damit sie nicht verschwendet und die Umwelt damit belastet wird, wird sie zur Gewächshausheizung u. Ä. genutzt. Die Abwärmeluft ist eine trockene Luft, mit der nicht nur im Winter geheizt, sondern im Sommer die Luftfeuchte im Gewächshaus gesenkt werden kann, was Kondenswasserbildung und Pilzkrankheiten verhindert.

Dieser Tage meldet das Unternehmen, dass ein weiterer BlockChainDome™ für weitere 1.500 Mining-Einheiten fertiggestellt wurde, so dass demnächst mit insgesamt 2.500 Minern (3,8 Megawatt) Kryptowährung generiert und die anfallende Abwärme genutzt werden kann.

BlockchainDome™ – Heat Station Domes (YouTube-Kanal Deuz Zenna)
Das Video stellt das System vor und erklärt, wie mit natürlicher Kühlung (Kamineffekt, Canadian Well Ventilation etc.) die Wärme aus dem BlockchainDome™ ins Gewächshaus gebracht wird.

Wie nachhaltig das Mining ist, hängt nicht nur von der sinnvollen Nutzung der Abwärme, sondern auch von der Nachhaltigkeit der Stromgewinnung des Input-Stromes für den Miner-Betrieb ab.

Frühlingsgemüse im Gewächshaus

Frühlingsgemüse im Gewächshaus

Blockchain-Technologie
Bei der Blockchain-Technologie werden Daten in Blöcken gespeichert, die aneinander gehängt und kryptografisch verknüpft werden. Die Blöcke werden von sogenannten Minern (Hochleistungsrechnern) „geschürft“. Der hohe Stromverbrauch ist dem derzeitigen Mining-Verfahren mit seinem aufwendigen Nachweis „Proof of Work“ geschuldet (wird bei manchen Blockchain-Varianten vermutlich langfristig auf ein weniger energiefressendes Verfahren umgestellt). Die Blockkette wird über ein ganzes Peer-to-Peer-Netzwerk verteilt und ist dadurch vor Manipulation sicher. Die Blockchain-Technologie wird nicht nur zum Schürfen von digitalen Währungen (Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ether/Ethereum) genutzt, sondern wird zunehmend eingesetzt, wenn eine dezentrale Verwaltung zuverlässiger, vertrauenswürdiger – weil nicht manipulierbar – und/oder effizienter ist, beispielsweise für Identitätsmanagement, Crowdworking, Crowdfunding (Crowd-Finanzierung), Datenhaltung einer Wertschöpfungskette und Ähnliches mehr.

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Weitere Informationen

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ASMR verspricht Entspannung und Einschlafen mit wohligem Prickeln

Viele Menschen haben Schwierigkeiten sich nach einem stressigen Tag mit Zeitdruck oder viel Bildschirmarbeit herunterzukühlen, entspannt ihre Freizeit zu genießen und am Ende des Tages ruhig ein- und durchzuschlafen. Andere kämpfen mit Ängsten und depressiven Stimmungen. Viele versuchen, sich mit ASMR-Videos selbst zu therapieren. Aber funktioniert das?

Wenn Gänseblümchen- oder Schafezählen nicht mehr ausreichen, kann ASMR vielleicht gegen Einschlafschwierigkeiten helfen.

Wenn Gänseblümchen- oder Schafezählen nicht mehr ausreichen, kann ASMR vielleicht gegen Einschlafschwierigkeiten helfen.

Autonomous Sensory Meridian Response (ASMR) ist die Reaktion des Körpers auf bestimmte Auslöser (Trigger). Diese Reaktion wird als angenehm entspannend und beruhigend empfunden, manche spüren auch ein Kribbeln oder Prickeln auf der Kopfhaut oder an anderen Körperteilen – die sogenannten Tingles, weswegen auch von Kopfkribbeln und Kopforgasmen gesprochen wird. Sexuelle Stimulation ist aber nicht der Zweck von ASMR, auch wenn einige wenige versuchen, es dazu zu nutzen. Vielmehr geht es darum, Anspannung und vielleicht auch den äußeren Panzer loszulassen, ein Gefühl der Ruhe und des Vertrauens zu empfinden.

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Wissenschaftliche Untersuchungen zu ASMR gibt es noch wenige (siehe unten The Guardian), dafür aber eine richtige ASMR-Community bei YouTube – nicht nur Videos über ASMR, sondern ASMR-Videos mit Triggern, die die gewünschten Empfindungen hervorrufen sollen.

Es gibt viele verschiedene Trigger, die von den ASMR-VideomacherInnen genutzt werden, denn bei jedem Menschen wirken andere Auslöser oder Kombinationen davon besonders gut.

Geräusche-Trigger sind beispielsweise:
langsames Flüstern,
Fingernägeltrommeln auf Glas oder anderen Oberflächen (Tapping),
Haare bürsten,
Kratzen mit einem Schwamm auf einer anderen rauhen Oberflächen,
Sand, der in einer Schale mit einem entsprechend kleinen Sandrechen gefurcht wird,
schwappende Flüssigkeiten in Behältern,
Klicken von Schaltern,
Lippen-, Ess- und Schluckgeräusche,
Fingerreibegeräusche auf der Haut, auf Buchseiten oder anderem Papier,
Seitenblättern von Büchern.

Visuelle Trigger sind beispielsweise:
langsame Bewegungen,
freundlicher Gesichtsausdruck,
Hände oder Finger, die über Oberflächen gleiten,
(als persönlich erlebte) Zuwendung (der zur Kamera ausgestreckte Arm mit direkten Blickkontakt zur Linse, das Streicheln der Kamera mit einem buschigen Pinsel etc. vermitteln diese Illusion).

Beispiel 1
Beidohrig (Binaural Triggers): Brain Melting Sleep Treatment (YouTube-Kanal: Tingting ASMR)

ASMR funktioniert nicht bei allen Menschen – wobei das Problem auch die Messbarkeit ist. Ich beispielsweise fühle bei ASMR selten ein Kribbeln, aber es wirkt auf mich beruhigend und einschlaffördernd.

Beispiel 2
Ein ASMR der anderen Art: Tesla ASMR Experience (YouTube-Kanal: Gentle Whispering ASMR)

Im Grunde ist das Prinzip von ASMR nicht neu: Manche erleben solche Gefühle, wenn sie beim Friseur sind. Ich habe früher dem Maler Bob Ross nachts auf den dritten Fernsehprogrammen mit seiner ruhigen Stimme, den Papier- und Pinselgeräuschen gelauscht, was mir beim Einschlafen half, wenn ich beispielsweise wegen eines beruflichen Projektes am nächsten Tag recht angespannt war (den Fernseher stellte ich auf Abschaltautomatik nach einer bestimmten Zeit). Heute nutze ich manchmal YouTube-Videos – mir reichen Bilder und Fressgeräusche von glücklichen Meerschweinchen, manchmal hilft auch eine langweilige Frisuren- oder Schminkanleitung, ein anderes Mal ein Podcast mit freundlichen Stimmen und nicht zu aufreibendem Thema (findet man auch alles bei YouTube). Und wenn das nicht reicht, dann suche ich nach ASMR!

Beispiel 3
Mein Geheimtipp für die Beruhigung zwischendurch: Guinea Pigs Eating Parsley | Guinea Pig Chewing ASMR (Little Adventures, Meerschweinchen-Kanal von Julia aus Deutschland in englischer Sprache)

Das Selbsttherapieren mit ASMR und anderen Mitteln hat seine Grenzen. Wer anhaltend Probleme mit dem Entspannen, Schlafen und/oder vor allem Depressionen hat, sollte unbedingt zum Arzt gehen.

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Social Media: Sind Beauty-Gurus geldgierig und lügen Influencer für Geld?

Die Beauty-Community ist nicht nur durch die kürzlich öffentlich ausgetragenen Dispute einiger Top-InfluencerInnen in die Schlagzeilen geraten, sondern nun wird ans Licht gebracht, was sich angeblich hinter den Kulissen der Schönheitsindustrie abspielt – und vermutlich nicht nur in dieser Branche. Dazu soll auch Negativwerbung – also Schlechtmachen des Konkurrenten gegen Bezahlung – gehören. (Kommentar)

Beauty-Gurus und andere InfluencerInnen vertrauen


Top oder Flop – viele KonsumentInnen verlassen sich bei Kaufentscheidungen auf die Meinung ihrer Vorbilder in Social Media. Doch die Beauty-Gurus und andere InfluencerInnen stehen derzeit in der Kritik.

Top-Beauty-InfluencerInnen oder deren AgentInnen/ManagerInnen können für inhaltliche Werbung auf ihren Kanälen bei YouTube, Instagram, Snapchat & Co. hohe Preise aushandeln. Wie viel genau das pro „Brand Deal“ ist, hängt von der Zahl ihrer Fans ab, vom Ruf des Beauty-Influencers und mehr. Nun wurden Zahlen lanciert: 25.000 US-Dollar sind angeblich für einen Top-Beauty-Guru dafür drin, ein Produkt zusammen mit anderen in einem Video zu erwähnen (Beispiel: Neuheitenvorstellung), 60.000 und mehr US-Dollar, wenn der ganze Beitrag nur diesem einen Produkt oder der einen Marke gewidmet ist. Zusätzlich gibt es noch Prozente am Verkauf, wenn die Fans einen Werbelink (Affiliate-Link) oder einen Code nutzen.

Nun ist die Empörung einiger groß, die Beauty-Gurus seien unverschämt und geldgierig. Aber ist das wirklich so?

Ein Preis ergibt sich aus Angebot und Nachfrage. Es gibt nur wenige Top-Influencer – englischsprachige Top-Beauty-YouTuber/InstagramerInnen haben ungefähr fünf bis über zehn Millionen Fans – das dürften derzeit kaum mehr als 10 bis 12 Make-up-KünstlerInnen sein. Je nach Persönlichkeit und Ansehen des Beauty-Gurus und wofür die Person steht, der tatsächlichen Reichweite („Views“ pro Beitrag), den durchschnittlichen Reaktionen auf dessen Beiträge (Anzahl „Likes“, Kommentare, ob Aufnahme in YouTube-Trends etc.), dem zu bewerbendem Produkt, dessen Marge, Fan-/Zielgruppenüberschneidung etc. kann sich eine Ausgabe in den oben genannten Dimensionen für größere Marken aus der Beauty-Industrie durchaus lohnen, schließlich erreichen sie über die Top-Beauty-Gurus viele Millionen Fans – oft auch in Nischen, die sonst schwer erreichbar sind -, und diese Fans vertrauen ihren Idolen meist mehr als der Werbung der Marken.

Tatsächlich ist die Zusammenarbeit mit InfluencerInnen für Unternehmen meist viel günstiger als es herkömmliche Medienkampagnen sind. Ein Rechenbeispiel findet man hier im Video mit den Beauty-InfluencerInnen Tati Westbrook und James Charles. Tati Westbrook ist schon lange im Beauty-Geschäft, macht nach eigenen Angaben so gut wie keine Brand Deals, sondern lebt vom Verkauf eigener Produkte. James Charles ist gerade mal 19 Jahre alt, hat einen komentenhaften Aufstieg hinter sich und ist extrem ehrgeizig. Er monetarisiert seinen Kanal unter anderem mit Brand Deals.

Ich verstehe zwar den Frust kleinerer Kosmetikmarken, wenn sie von den (angeblichen) Preisen der Beauty-Gurus hören, weil sie sich solche Werbeaktionen mit ihrem kleineren Budget nicht leisten können, aber es kann sich auch nicht jede kleine Schneiderei eine Anzeige wie Louis Vuitton oder Chanel in der Vogue leisten – kleine Unternehmen müssen auf dem Markt anders punkten, beispielsweise mit Originalität und Witz auffallen oder eben mit kleineren, spezialisierten InfluencerInnen zusammenarbeiten, vielleicht auch junge, aufstrebende Make-up-ArtistInnen, deren Visionen sich mit ihrer Marke decken, fördern.

Und natürlich sind auch die Make-up-KünstlerInnen alter Schule aufgebracht, wenn sie von solchen Forderungen hören, denn die Social-Media-„Emporkömmlinge“ schnappen ihnen möglicherweise lukrative Aufträge als MarkenbotschafterInnen und anderes weg – andererseits habe ich noch nie davon gehört, dass eine Modemarke einen Beauty-Guru aus dem Internet für das Schminken von Models für den realen Laufsteg auf Schauen engagiert hat. Aber vermutlich geht ein Teil von Kampagnen-Budgets nun an Beauty-Gurus und diese bekommen wegen ihrer Bekanntheit spannende Kooperationen angeboten, beispielsweise für die Zusammenstellung von Pinsel- oder Kosmetikprodukte-Sets mit ihrem Gesicht und Namen auf der Packung. Das mag sich für manche ungerecht anfühlen und ist es vielleicht auch – so ungerecht, wie es die Erfindung des Autos oder der Eisenbahn für die Pferdekutschenbetreiber war. Aber die Welt ändert sich nun mal.

Solange mit offenen Karten gegenüber VerbraucherInnen gespielt wird, finde ich persönlich daran nichts Verwerfliches, Werbevereinbarungen nach dem persönlichen Marktwert als InfluencerIn zu treffen. Meist haben diese sehr viel Arbeit, Zeit und Geld investiert, um dorthin zu kommen, wo sie nun sind, und die meisten Top-InfluencerInnen sind 7 Tage in der Woche 24 Stunden lang pro Tag für ihre Fans da. Die Neider sehen nicht den Preis, den diese Leute für ihren Erfolg zahlen. Siehe auch Was machen erfolgreiche YouTuber besser?

Dass ein Beauty-Influencer mit zehn Millionen Fans mehr verlangen kann und es auch tut als jemand mit 10 Fans, finde ich nicht unanständig. Ich finde es eher unanständig, wenn UnternehmerInnen oder ihre Agenturen meinen, andere müssten kostenlos für sie arbeiten, wenn sie ihnen ungefragt ein paar Produkte schicken – wie ich es als Bloggerin ständig erlebe, wie mag das erst bei großen InfluencerInnen sein. Kostenlose Promotion aus Freundschaft oder echter Begeisterung gibt es in der Beauty-Community – und anderswo natürlich auch; aber wenn das jemand tut, dann ist es ein großzügiges Geschenk und nichts, was man erwarten oder gar verlangen kann.

So wie ich mit meinen Blogs, stellen auch viele kleinere Influencer bei YouTube und Instagram fest, dass es Unternehmen gibt, die versuchen, sie auszunutzen. Sie erwarten Promotion, ohne dafür zu bezahlen. Aber viele Blogger und Vlogger müssen von den Werbeeinnahmen ihren Lebensunterhalt bestreiten. Hier unterhalten sich Vic Ramos, Model und Beauty-Influncer, und Kam Leister, vloggt über Lebensthemen und Make-up, über das Thema:

Tatsächlich unterstützen einige Top-InfluencerInnen wie Jeffree Star (Beauty), Lilly Singh (Entertainment), Liza Koshy (Entertainment) oder Shane Dawson (Entertainment) immer wieder den jüngeren, unbekannteren Nachwuchs, indem sie mit ihnen zusammen Videos drehen (oder von diesen ihr Bild oder den Namen als Clickbait nutzen lassen), wodurch die Anfänger ihr Talent einem Millionenpublikum zeigen und so neue Fans für sich finden können. Selbst der erst 19-jährige Beauty-Guru James Charles gibt jüngeren oder neueren Make-up-Talenten und anderen YouTubern öffentlich Aufmerksamkeit und damit Sichtbarkeit weltweit (hier beispielsweise dem Gesangstrainer und YouTuber Tristan Paredes aus Berlin).

(Ex-?) Rockstar und Beauty-Guru Jeffree Star stellt auch oft Indie-Marken in seinen Beauty-Videos vor (Jouer Cosmetics, Beauty Bakery etc.). Jeffree Star arbeitet sogar grundsätzlich nur in Ausnahmefällen und dann zugunsten sozialer Projekte mit anderen Kosmetikmarken gegen Bezahlung zusammen – er hat seine eigenen Unternehmen (beispielsweise Jeffree Star Cosmetics – vegan, ohne Tierversuche) und braucht ihr Geld nicht, seine Glaubwürdigkeit („Jeffree Star Approved“) ist ihm wichtiger. Aber so viel Freiheit kann sich nicht jede/jeder, der selbstständig im Internet arbeitet, leisten – viele benötigen die Brand Deals, um ihre Arbeit zu finanzieren. Man sollte auch nicht vergessen, dass die Top-YouTuberInnen und InfluencerInnen meist ein ganzes Team, bestehend beispielsweise aus Kameramenschen, VideobearbeiterIn, AssistentInnen und andere „miternähren“ und dass auch die eigene Image-und Markenpflege Zeit und Geld kostet.

Man sieht an diesen Beispielen, dass es unfair ist, alle Beauty-Gurus und alle InfluencerInnen über einen Kamm zu scheren und ihnen Gier oder sogar intransparente und illegale Machenschaften (siehe weiter unten) zu unterstellen.
Wahr ist: InfluencerIn sein ist ab einem gewissenen Level ein Beruf und kein Hobby – tatsächlich ein hartes Business. Das Fördern von anderen ist dann auch selten nur idealismusgetrieben oder geschieht aus Freundschaft, sondern oft stecken dahinter auch taktisches Kalkül, um sich beliebt zu machen oder ins Gespräch zu bringen, oder Vorsorge für die eigene Zukunft, wenn der Förderer den geförderten Menschen von da an als dessen Agenten provisionsberechtigt vertritt.

Transparenz muss sein

Was ich persönlich aber wichtig finde: VerbraucherInnen müssen auch auf YouTube, Instagram, bei Snapchat & Co. bei jedem Beitrag klar erkennen können, ob der Influencer oder die Influencerin für das Zeigen, Testen oder „Beschwärmen“ eines Produktes Geld bekommt oder nicht – so wie auch für die Presse und andere Arten der Veröffentlichung das Trennen von redaktionellen Inhalten von Werbung vorgeschrieben ist – und alles was bezahlt wird (egal ob mit Geld, kostenlosen Produkten oder einer geschenkten Ferienreise), fällt unter Werbung und muss gekennzeichnet werden. Siehe zu dem Thema auch Bezahlte Blogartikel. Und auch wenn für die Produktvorstellung selbst kein Geld geflossen ist, muss ein Link oder ein Code in der YouTube-Videobeschreibung, wenn er eine Provision generiert, als Werbelink, Affiliate-Link o. Ä. gekennzeichnet werden.

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Ich kann aus meiner Erfahrung als Bloggerin sagen, dass man von Firmen oder deren Marketing-Agenturen ständig Anfragen nach Werbemöglichkeiten ohne Werbe-Kennzeichnung bekommt, „weil das Gesagte oder Geschriebene dann echter rüberkommt“. Ich persönlich winke sofort ab, denn das wäre Verbrauchertäuschung und illegal. Wird so etwas aufgedeckt, ist der Ruf ruiniert, und jeder Social-Media-Influencer und auch der kleinste Blog leben doch von ihrer Glaubwürdigkeit. Ich glaube daher nicht, dass ein lockerer Umgang mit dem Gesetz bei der Mehrheit der Social-Media-InfluencerInnen die Norm ist. Ich als kleine Bloggerin bin sogar dazu übergegangen, grundsätzlich nur noch Firmen als Werbepartner zu nehmen, die ich mindestens gut finde. Und diesen Weg gehen bestimmt auch viele InfluencerInnen. Aber ich frage mich natürlich auch, wie viel Prozent der InfluencerInnen/BloggerInnen vielleicht bei solchen Angeboten nicht standhaft bleiben – vor allem wenn die sonstige Auftragslage gerade nicht rosig ist.

Bezahlte Negativwerbung bei YouTube, Instagram, Snapchat & Co.?

Die obigen Zahlen haben bereits viele Neider auf den Plan gerufen, obwohl sicherlich nur wenige Top-InfluencerInnen solche Preise verlangen können. Aber nach den Gerüchten, die derzeit umgehen, wird eine Negativwerbung von den beauftragenden Unternehmen sogar noch höher bezahlt: 85.000 US-Dollar sollen für einen Top-Beauty-Guru angeblich drin sein, wenn er/sie das Produkt eines Konkurrenzunternehmens in einer Produktvorführung schlecht darstellt!

Wie bitte? Bezahlte Negativwerbung bei YouTube, Instagram, Snapchat & Co.? Was ich persönlich daran erschütternd finde: So eine Art Vereinbarung können YouTuberInnen beziehungsweise InfluencerInnen gar nicht transparent für die Fans machen und als Werbung kennzeichnen, denn das absichtlich geschädigte Unternehmen würde sie vermutlich vor Gericht zerren. Das heißt, InfluencerInnen, die auf so etwas eingehen oder es sogar von sich aus anbieten, täuschen nicht nur die Fans, sie handeln auch illegal. Und da hört für mich persönlich jeder Spaß auf. Ich glaube aber, dass so etwas äußerst selten geschieht. (Übrigens soll es gekaufte Bewertungen positiver und negativer Art – letztere für Produkte der Konkurrenz – auch bei Amazon und auf anderen Portalen geben. Ebenfalls schwierig zu durchschauen, finde ich die „Inhalte“ mancher Zeitschriften, deren Thema Kosmetik oder Mode ist.)

Fazit

Man kann wohl davon ausgehen, dass es einzelne schwarze Schafe unter den Beauty-Gurus und ebenso einzelne skrupellose Auftraggeber auf Seiten der Beauty-Industrie gibt – und Ähnliches vermutlich auch in anderen Branchen. Illegale Machenschaften gehören aufgedeckt und angezeigt, wenn man konkrete, gerichtsverwertbare Beweise hat, aber gleich allen Beauty-Gurus oder InfluencerInnen aller Branchen Gier oder gar illegales Handeln zu unterstellen, nur weil man neidisch auf den Verdienst einiger weniger ist, finde ich persönlich unangemessen und verleumderisch.

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Menschen in unserer Gesellschaft muss aber von klein auf beigebracht werden, dass

  • in Werbung selten die Realität gezeigt wird – egal, ob im Kino, Fernsehen, YouTube oder sonstwo,
  • es auch unter den InfluencerInnen in den sozialen Medien solche gibt, die ihre Meinung verkaufen,
  • andere versuchen die Objektivität beizubehalten – wie gut das gelingt und wie unvoreingenommen sie trotz Sponsoring bleiben, dürfte unterschiedlich sein,
  • und dass überall einzelne schwarze Schafe auf der Weide sind, die skrupellos gegen Gesetze verstoßen und beispielsweise eine Bezahlung (für Werbung und erst recht für Negativwerbung) auf ihren Kanälen nicht kenntlich machen.

Bleiben Sie daher grundsätzlich kritisch gegenüber allem, was Ihnen weissgemacht werden soll und wählen Sie sowohl die Marken als auch die Social-Media-InfluencerInnen Ihres Vertrauens sorgfältig!

InfluencerInnen, die von Agenturen vertreten werden, die hinter ihrem Rücken Unternehmen Angebote für Werbung ohne Kennzeichnung oder gar Negativwerbung unterbreiten, sollten die Agentur feuern.

Unternehmen, die mit InfluencerInnen zusammenarbeiten wollen, sollten nicht nur auf den Preis und die Anzahl der Fans gucken, sondern auch darauf, ob die Fanzahl organisch gewachsen ist und nicht etwa Fans gekauft wurden, ob die Fans sich mit der eigenen Zielgruppe decken, auf das Image der InfluencerIn oder des Influencers, auf die Abrufzahlen für Beiträge und anderes mehr.

Mehr Informationen

Hinweis:
Auch wenn man derzeit nicht kommentieren kann (bis ich auf HTTPS umgestellt habe siehe EU-DSGV), freue ich mich über Anregungen und Erfahrungen. Schreiben Sie mir per E-Mail (tinto@tinto.de), auf Twitter (https://twitter.com/eva4tinto), Facebook (https://www.facebook.com/evaschumann.text), Google+ (https://plus.google.com/b/116952844595275855722/116952844595275855722) oder Instagram (https://www.instagram.com/evaschumann/).

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