Monsanto in meinem Garten?


Als Hobbygärtner oder Selbstversorger legt man besonders viel Wert auf Qualität – vor allem auf die innere Qualität. Wenn man sich schon die (schöne) Arbeit macht und Gemüse selbst anbaut, dann soll es auch gesund und frisch auf den Tisch kommen. Und beginnend vom Saatgut über die Pflege bis zur Ernte möchte man ein gutes Gefühl haben bei allem, was man tut oder verwendet. Nun fragen sich manche Hobbygärtner, wie sie Gemüsesorten von Monsanto und anderen Agrarmischkonzernen meiden können.

Es gibt viele Gartenfreunde und Saatgutaktivisten, die gegen die Agrarindustrie allgemein und ganz besonders gegen Monsanto sind. Seit einigen Jahren kursieren Gerüchte, dass die bekannten Hobbygärtner-Saatgutmarken wie Sperli, Kiepenkerl, Wyss oder Gärtner Pötschke Saatgut von Monsanto verkaufen. Was steckt dahinter?

Sorten für den Garten

Wie finde ich die richtige Sorte, wenn ich bestimmte Züchter vermeiden will?

Monsanto in meinen Beet?

Tatsächlich ist es so, dass De Ruiter, ein holländisches Unternehmen, das 1945 als Saatgutvermehrer und –händler begann und später sehr erfolgreich Tomaten-, Auberginen- und andere Gemüsesorten selbst züchtete, 2008 von Monsanto gekauft wurde. Ähnliches war ein paar Jahre zuvor mit Seminis passiert. Dadurch stammten plötzlich Sorten, die oft schon lange in den (Hobby-)Gärtnersortimenten enthalten waren, aber auch neue Sorten von einem Monsanto-Tochterunternehmen. Allerdings waren nie alle Sorten eines Hobbygärtner-Saatgutsortiments von De Ruiter, sondern nur ein Teil, denn jede dieser Hobbygärtnermarken sucht (entweder selbst oder lässt von einer Drittfirma suchen) für sein Sortiment bei verschiedenen Züchtern nach besonders guten Sorten, die sie ihren Kunden anbieten wollen. Oft testen Sie diese Sorten auf einem eigenen Testgelände.

Wer also keine Sorten im Garten haben möchte, die von einem Monsanto-Tochterunternehmen (oder von jemand anderem, den man – warum auch immer – boykottieren möchte) stammen, muss in der EU-Sortendatenbank (Plant Variety Database) recherchieren, von wem eine Sorte gezüchtet wurde bzw. wer als Maintainer in die Datenbank eingetragen ist (Anleitung: Wer hat meine Gemüsesorte gezüchtet? So nutzt man die EU-Pflanzensortendatenbank). Als nächstes muss man dann noch herausfinden, ob dieser Züchter zu Monsanto, zu einem anderen ungeliebten Unternehmen oder nur sich selbst gehört – und ob einem dessen Unternehmenspolitik gefällt. Monsanto-Tochterunternehmen, die bei uns Gemüsesaatgut anbieten, sind De Ruiter und Seminis (laut Wikipedia wurde Seminis 2005 von Monsanto für über 1 Milliarde US-Dollar gekauft, De Ruiter 2008 für 546 Millionen).

Ich habe heute die Sorten der beliebten Hobbygärtner-Saatgutmarken wieder stichprobenartig geprüft und nur vereinzelt Sorten von De Ruiter oder Seminis gefunden. Mein persönlicher Eindruck war, dass es weniger sind als 2012, als ich das erste Mal für das Thema recherchierte und darüber schrieb (Monsanto als ungebetener Gast im Garten?). Die Sortimente scheinen mir bunt gemischt mit Sorten verschiedener Saatgutzüchter. Wem es wichtig ist und wer auf Nummer Sicher gehen will, dass ein bestimmter Züchter nicht gerade seine gewünschte Sorte gezüchtet hat, prüft selbst. Schöner wäre es natürlich, wenn der Züchter/Sortenerhalter lt. EU-Datenbank sowie – falls vorhanden – das „Elternunternehmen“ gleich auf der Saatgutpackung aufgedruckt oder online in der Beschreibung enthalten wäre.

Agrarindustrie im Beet?

Zwar ist für viele Garten- und Saatgutaktivisten das amerikanische Unternehmen Monsanto das Feindbild schlechthin und ein Synonym für die Agrarindustrie, und tatsächlich ist das Unternehmen global der größte Player am Saatgutmarkt (vor Limagrain, DuPont Pioneer, Syngenta, Winfield, KWS, Dow, Bayer und Sakata), steht in Europa aber erst an dritter Stelle nach DuPont Pioneer und KWS. (KWS ist ein deutsches Unternehmen aus Magdeburg und in der Kritik wegen seiner Gentechnikaktivitäten. KWS kooperiert mit Monsanto, BASF und anderen [beispielsweise entwickeln sie Zuckerrüben, die gegen Glyphosat/Roundup tolerant sind]. Andererseits entwickelt KWS auch Sorten für den Öko-Landbau.)

Apropos: Fünf der sechs größten Pflanzenschutzmittelhersteller gehören gleichzeitig zu den zehn größten Saatgutkonzernen! (Quelle: Saatgut. Wer das Saatgut hat, hat das Sagen).

Wer also die Agrarindustrie allgemein oder Agrar-Unternehmen, die sowohl chemische Pflanzenschutzmittel als auch (in anderen Ländern genverändertes) Saatgut herstellen und verkaufen, aus dem Garten halten möchte, muss für jede Sorte, die er kauft,

  1. recherchieren, wer der Züchter/Sortenerhalter ist (EU-Datenbank)
  2. und dann (auf der Firmen-Website/Über uns/Geschichte oder bei Wikipedia) versuchen, herauszubekommen, ob dieser Züchter zu einem Konzern gehört, den er/sie warum auch immer boykottieren will.

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Mehr Hintergründe

Zwei Dinge, die immer wieder zu Missverständnissen führen:

  1. Das Wort Zucht bedeutet je nach Zusammenhang etwas anderes, beispielsweise:
    • Sortenzucht: Selektieren und Kreuzen zur Schaffung neuer Sorten (die klassische Methode), genetisch veränderte Gemüsesorten gibt es bei uns nicht im Gartenhandel.
    • Züchten wird oft auch als Synonym für Vermehren verwendet: aus wenig Saatgut über Anbau und Saatguternten viel Saatgut machen,
    • Jungpflanzenanzucht: junge Pflanzen aus Samen oder Pflanzenteilen heranziehen, die man dann selbst auspflanzt oder verkauft,
    • Pflanzenzucht wird oft auch synonym fürs Gärtnern gebraucht etc.
  2. Saatguthändler waren auch in der Vergangenheit selten die Züchter aller Sorten ihres Sortiments
    Zum Vergleich: Ein Käsehändler auf einem Markt verkauft in der Regel nicht nur Käse, den er selbst aus der Milch von eigenen Kühen oder Schafen hergestellt hat. Statt dessen sucht er Käsesorten von verschiedenen Herstellern – dabei ist er wählerisch, denn sein Ruf als Händler hängt davon ab, dass die Kunden seine Käseauswahl mögen. So ist das auch mit Saatgutmarken: Die wenigsten Marken haben ihre Sorten jemals alle selbst gezüchtet, vermehrt, portioniert und in den Handel gebracht. Nein, sie stellen ein Sortiment von ausgewählten Sorten verschiedener Züchter zusammen, von denen sie denken, dass die Gärtner sie gut finden werden. Die Sorten, die nicht aus eigener Zucht stammen, bauen sie oft selbst versuchsweise an, bevor sie die Sorten ins Sortiment aufnehmen. Statt also den Händler zu verdammen, weil man bei ihm einen Käse gesehen hat, den man nicht gut findet, sollte man sich das ganze Sortiment anschauen und dann eine Meinung bilden, vielleicht auch den Händler freundlich darüber informieren, warum man den einen oder anderen Käse nicht mag und welche Arten von Käse man sich wünschen würde.

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Wie Sorten entstehen und wie sie zum Gärtner kommen

Diese Stationen durchläuft eine Sorte von der Entstehung bis zum Platz auf dem Beet vom Gärtner:

  1. Sortenzüchtung (Sortenzüchter: Vision, Selektierung, Kreuzung, Zertifizierung),
  2. Saatgutvermehrung (Vermehrungsbetriebe),
  3. Großhandel und Einzelhandel (Handelsmarkenpflege, Sortimentszusammenstellung, Portionierung, Online-Handel/Versandhandel) und
  4. Anbauer.

Wobei ein Unternehmen und seine regionalen Tochterunternehmen alle Stufen 1 bis 3 übernehmen kann oder jede Stufe von einem anderen Unternehmen übernommen wird. Stufe 3 kann sogar noch weiter aufgesplittet werden (Sortimentszusammenstellung kann man outsourcen, denn es macht viel Arbeit alle neuen Sorten zu sichten und eventuell auch die Qualität durch eigenen Anbau zu überprüfen. Außerdem gibt es Großhandel und Einzelhandel, etc.).

Die eigentliche Sortenzüchtung – das Erschaffen neuer Sorten nach eigenen Visionen (Züchtungszielen) mit den Methoden der Auswahl, Kreuzung etc. – machen die Sortenzüchter. Sie sind meist spezialisiert – der eine Züchter auf bestimmte Blumensorten, der andere auf Fruchtgemüse, wieder ein anderer auf Freiland-Feldgemüsearten usw. Die Sortenzüchtung erfordert Arbeit und jahrelange Geduld. Ist die Sorte so, wie der Züchter sie auf den Markt bringen will, lässt er sie zertifizieren – nur dann darf sie in den Handel.

Hobbygärtnersaatgut wird normalerweise in Tütchen unter einem bestimmten Markennamen in einem Sortiment (Kiepenkerl, Sperli usw.) angeboten. Damit das Sortiment einer Marke alle Gemüsearten von Bohnen bis Zucchini sowie Blumen usw. abdeckt und jede Art mit mehreren Sorten zur Auswahl steht, werden gute Sorten verschiedener Züchter zusammengestellt und unter dem Markennamen mit dem Marken-Design angeboten und beworben. Innerhalb des Markensortiments gibt es möglicherweise Teil-Sortimente mit einem bestimmten Motto (traditionelle Sorten, Bio-Linie, Sorten aus dem Profi-Anbau, Saatgut in Saatgutbändern o. Ä.), deren Sortenauswahl und Zusammenstellung die Handelsmarke manchmal auch von einer externen, darauf spezialisierten Firma machen lässt.

Fazit:
Jede Sorte eines Hobbygärtner-Markensortiments kann von einem anderen Sortenzüchter stammen. Oder andersherum: Eine Sorte kann über verschiedene Wege zum Gärtner kommen, je nachdem ob der Züchter selbst auch der Vermehrer ist oder wem er die Lizenz zum Vermehren gegeben hat und welche Stationen noch da sind, bis das Saatgut zum Anbauer kommt.

Bekannte Hobbygärtnersaatgutmarken/gärtnerische Saatgutmarken

Unsere bekannten Hobbygärtnersaatgutmarken waren zum Teil phasenweise früher selbst Züchter, die (auch) eigene Sorten züchteten und verkauften, oder sie waren nur Händler und haben nur ausgewählte Sorten von anderen Züchtern (vermehrt, Qualitätskontrolle durchgeführt, portioniert und) verkauft.

Die Sortenzüchter hinter den Hobbygärtnermarken sind oft die gleichen, wie hinter dem Profisaatgut.

Früher

In den 1980er-Jahren, als ich Gartenbau studierte und später auch im Gartenbau tätig war, kaufte man Gemüsebausaatgut beispielsweise bei den folgenden Unternehmen, die teilweise selbst gezüchtete Sorten hatten.

Hild
Die Firma HILD wurde 1919 als Familienunternehmen in Marbach am Neckar gegründet.

Walz Samen GmbH
„1932 begannen Ernst Hermann Walz und seine Ehefrau Elisabeth in Stuttgart-Feuerbach, hochwertiges Qualitäts-Saatgut aus der ganzen Welt zu verkaufen. … Als unabhängiges Familienunternehmen mit internationalen guten Verbindungen kaufen wir nach sorgfältiger Prüfung die besten Sorten von Züchtern aus vielen Ländern der Erde.“ (gefunden für die Domain www.walz-samen.de in archive.org 1998)

Bruno Nebelung/Kiepenkerl
Der Kiepenkerl ist das Markenzeichen der Firma Nebelung. „Schon vor der Gründung der Firma Bruno Nebelung (durch Franz Volmary und Bruno Nebelung) im Jahr 1925 zog der Kiepenkerl als Handelsreisender durch das Land“, sagt die Website. Der Kiepenkerl verkaufte Dinge des Alltags einschließlich Saatgut aus einem Korb (Kiepe) heraus. Die Firma Nebelung war zunächst (Saatgut-)Händler, begann 1947 mit eigener Züchtung von Erbsen und Bohnen.

Sperli
Sperli wurde bereits 1788 ursprünglich in Quedlinburg gegründet.

De Ruiter
Die Firma De Ruiter Seeds wurde 1945 in Bleiswijk (Niederlande) gegründet. Sie startete damit, Saatkartoffeln sowie landwirtschaftliches und Gartenbausaatgut zu produzieren (vermehren). Erst mit der Zeit begann De Ruiter damit, Saatgut zu selektieren, zu züchten und zu produzieren: Gurken, Tomaten, Auberginen und Paprika.

Julius Wagner (Juliwa Markensaat)
Julius Wagner wurde 1910 in Heidelberg gegründet. In den 1940er-Jahren wurde die Sortenzucht begonnen, in den 50er-Jahren das JULIWA-Logo eingeführt: Vertrieb von eigenen Züchtungen und Exklusivverträge mit internationalen Züchtern. 1998 wurde die Quedlinburger Saatgut GmbH in den Firmenverbund einbezogen. (Angaben für www.juliwa-markensaat.de/ in archive.org 2001)

Enza Zaden
Enza Zaden wurde 1938 von Jacob Mazereeuw unter dem Namen „De Enkhuizer Zaadwinkel“ in den Niederlanden gegründet. Zuerst verkaufte sie Gemüsesamen, Kartoffeln und Hülsenfrüchte. Ab 1944 konzentrierte sie sich auf die professionelle Züchtung von Gemüsesorten.

Gärtner Pötschke (auf Hobbygärtner speziaisiert)
Gärtner Pötschke ist ein Garten- und Pflanzen-Versandhändler und wurde schon 1912 von Harry Pötschke ursprünglich als Sammelbesteller-Versand gegründet. Sein Sohn Werner Pötschke gab von 1970 bis 1977 bei Radio RTL täglich Gartentipps.

Wie man sieht, waren sie alle eher kleine, oft familiäre Unternehmen.

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Will man wissen, woher eine bestimmte Gemüsesorte heute stammt bzw. wer in der EU-Datenbank als Züchter/Maintainer eingetragen ist, sucht man mit der EU-Datenbank danach, siehe oben. Für die Tomatensorte ‚Philovita F1‘ beispielsweise spuckt die Datenbank „NL 73″ aus, ein Kürzel für De Ruiter Seeds BV, beim Rettich Annabel‘ ist es „DE 2549“, ein Kürzel für Hild Samen, bei der Tomatensorte ‚Harzfeuer F1‘ bekommt man gleich drei Treffer: CZ 56 (Saatzucht Quedlinburg GmbH – 1973 bis 2007), DE 7653 (Gartenland Produktion GmbH Aschersleben – letzte Änderung 2010) und NL 274 (Enza Zaden Deutschland GmbH & Co KG seit 2015). Das sind also überwiegend immer noch die altbekannten Namen. Doch seit den 1980er-Jahren hat sich viel verändert.

Wer steht heute hinter den Hobbygärtner-Saatgutmarken?

Das Familienunternehmen Hild kam 1988 zu Nunhems und gehört damit heute zu Bayer Crop Science. Nachtrag 2019: 2016 wurde Bayer Crop Science wieder in Bayer integriert. Bayer hat inzwischen auch Monsanto übernommen (siehe Wikipedia).

Die Firma Walz wurde im Jahr 2000 durch Fusion mit dem Unternehmen Hamer Teil der Florensis-Gruppe und scheint inzwischen verschwunden zu sein.

Nebelung wird laut Angaben auf der Website inzwischen in der dritten Generation von der Familie Volmary geführt. Das Unternehmen ist – wenn ich die Angaben auf der Website richtig verstehe – heute vor allem Saatguthändler, d. h. wählt die Sorten aus, prüft und portioniert das Saatgut und verkauft sie im Kiepenkerl-Sortiment. Das Saatgutsortiment besteht aus Sorten verschiedener Züchter.

Sperli ist heute die Sperli GmbH, hat die gleiche Postanschrift wie Nebelung und wird von zwei der drei Nebelung-Geschäftsführer geführt – gehört also wohl zu Bruno Nebelung. Das Saatgutsortiment besteht aus Sorten verschiedener Züchter.

De Ruiter war lange ein viel empfohlener Züchter mit beliebten Sorten für Fruchtgemüse. De Ruiter wurde 2008 für 546 Millionen von Monsanto gekauft und gehört nun zu Monsanto Vegetable Seeds. Hauptsächlich wegen dieser Zugehörigkeit wird De Ruiter nun von Monsanto-Gegnern gemieden. Monsanto war ursprünglich ein Chemiekonzern, der inzwischen zum riesigen Agrarmischkonzern herangewachsen ist und der sich u. a. auf gentechnisch verändertes Saatgut und Agrarchemie spezialisiert hat – das und seine Unternehmens- sowie Markenpolitik machen das Unternehmen bei vielen Menschen unbeliebt (man muss bei Facebook nur einmal Millions against eingeben – sofort kommt eine lange Liste von Anti-Monsanto-Gruppen). Nachtrag: Inzwischen will der deutsche DAX-Konzern Bayer den US-Konzern Monsanto übernehmen – Bayer Crop Science und Monsanto sind sich ähnlicher als manchen bewusst ist.

Julius Wagner (Juliwa)
Juliwa und Enza Zaden arbeiteten schon lange zusammen. 2001 übernahm Enza Zaden Juliwa (lt. der Website von Enza Zaden).

Enza Zaden
Enza Zaden ist inzwischen ein großes Züchtungsunternehmen mit Standorten in aller Welt, das auf Gemüsesortenzüchtung spezialisiert ist (keine gentechnisch veränderten Sorten laut Wikipedia) und das auch die Saatgutvermehrung in eigenen Vermehrungsbetrieben weltweit durchführen lässt.

Gärtner Pötschke ist heute eine GmbH. Eine der drei GeschäftsführerInnen und Mitgesellschafterin ist Werner Pötschkes Tochter Cornelia Pötschke-Kirchhartz. Das Saatgutsortiment besteht aus Sorten verschiedener Züchter.

Seminis ist seit 1994 aus vielen, teilweise alten Firmen entstanden, bevor es dann seinerseits 2005 in die Hände von Monsanto ging. Hier einige der Namen: Asgrow Seed Company mit den Marken Bruinsma und Genecorp, Petoseed, Royal Sluis, Horticeres (Teil von Sementes Agreceres SA, Südamerika), Hungnong Seed company und Choong Ang Seed Company (Korea). In die Hände von großen Agrarchemiekonzernen sind von den mir altbekannten Züchtern De Ruiter, Seminis und Hild gegangen. Ich habe aber noch ein bisschen in der EU-Datenbank gestöbert und unter den gefundenen Sortenerhaltern noch einige gefunden, die ich großen Konzernen zuordnen konnte.

Zu welchem Agrarmischkonzern gehört welcher Züchter/Erhalter? (Ergebnis nach Stichproben, Liste nicht vollständig)

Monsanto                 Bayer Crop Science       Limagrain

De Ruiter Seeds           Nunhems                               Vilmorin

Seminis                         Hild                                     HM.Clause

Petoseed

Asgrow

Bruinsma

Royal Sluis

Hungnong

Nachtrag 2019: 2016 wurde Monsanto von Bayer übernommen. Die Übernahme wurde 2018 unter Auflagen von der EU-Kommission abgesegnet.

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Fazit
Wer bestimmte Agrarindustrie-Konzerne aus seinem Garten fernhalten möchte, der kann mithilfe der EU-Sortendatenbank (siehe oben) auf andere Sorten ausweichen. Wer grundsätzlich keine Hybridsorten mag, kann samenechte Sorten wählen (auch die Information, ob Hybridsorte oder nicht, findet man in der EU-Sortendatenbank) und sich für den Sortenerhalt alter/regionaler, samenechter Sorten einsetzen. Am wichtigsten finde ich persönlich aber, dass man chemische Unkrautbekämpfungsmittel wie Roundup von Monsanto (Wirkstoff: Glyphosat), Bayer Garten Langzeit-Unkrautfrei Permaclean oder Bayer Garten Unkrautfrei (beide ebenfalls Wirkstoff: Glyphosat) sowie die Mittel mit dem gleichen Wirkstoff von vielen anderen (wer alles, kann man in der Online-Datenbank Pflanzenschutzmittel recherchieren) weder im Garten, noch auf Einfahrten oder am Zaun benutzt. Das Gleiche gilt für bienenschädliche Neonicotinoide gegen tierische Schädlinge oder sonstige Präparate, die nicht im Bio-Anbau erlaubt sind.

Wenn jemand etwas weiß, was hier noch ergänzt werden könnte – beispielsweise darüber, was aus früheren Saatgutmarken wurde, über Zuordnungen zu Agrarmischkonzernen – ergänzt das doch bitte in den Kommentaren!

Weitere Informationen

  1. Monsanto und Bayer sind nicht so verschieden, wie manche glauben (tinto bloggt)
  2. Wo kauft man samenechte Sorten, alte bewährte und regionale Sorten, Bio-Saatgut – Bezugsquellen (Gartensaison-Gartentipps-Blog)
  3. Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen – Buchvorstellung (tinto bloggt)
  4. Woher kommt mein Saatgut (Blog Landeier)
  5. Monsanto als ungebetener Gast im Garten (tinto bloggt)

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UN-Gremium für Artenvielfalt: Bestäuber ernsthaft bedroht. Was wir tun können.

Die Natur arbeitet in vielerlei Hinsicht für uns – wenn wir sie lassen: Über Dreiviertel der Weltnahrungsmittel sind ganz oder teilweise auf eine Bestäubung durch Insekten oder andere Tiere angewiesen. Aber die sind zunehmend gefährdet – über 40 Prozent der wirbellosen Bestäuberarten (das sind Insekten, Spinnentiere etc.) sind sogar vom Aussterben bedroht -, so das Ergebnis einer zweijährigen Studie über Bestäuber, Bestäubung und Lebensmittelproduktion eines Gremiums der Vereinten Nationen (United Nations, UN) für Artenvielfalt. „Ohne Bestäuber könnten sich viele von uns nicht mehr an Kaffee, Schokolade, Äpfel und Anderem unseres alltäglichen Lebens erfreuen“, sagt Dr. Simon Potts, einer der beiden Studienleiter und Professor für Artenvielfalt und Dienstleistungen der Natur an der University of Reading (Vereinigtes Königreich).

Sonnenblume-mit-Hummeln

77 Experten aus aller Welt, darunter auch vier deutsche Wissenschaftler, haben zwei Jahre lang 3000 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Bestäuber sowie auch Informationen über einheimische beziehungsweise örtlich übliche Methoden von über 60 Regionen der Welt gesichtet, ausgewertet und gemeinsam einen Bericht über die Bedeutung der Bestäubung und dem Zustand der Bestäuber verfasst. Ende Februar 2016 veröffentlichte eben dieses UN-Gremium mit Namen Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES, zu Deutsch: Internationale Wissenschaft-Strategie-Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen) in Kuala Lumpur (Malaysia) die Ergebnisse als den ersten Biodiversitätsbericht, und der dreht sich speziell um die Lage der Bestäuber. Der Bericht soll Politikern helfen, Entscheidungen auf Basis zuverlässiger Daten zu treffen. Er ist aber auch interessant für alle an der Natur interessierten Menschen einschließlich der Gärtner, Selbstversorger und Hobbygärtner.

Immer mehr Bestäuberarten weltweit sind von der Auslöschung bedroht und das gefährdet die Existenzen von Millionen von Menschen und die Erzeugung von Nahrungsmitteln im Werte von Hunderten von Milliarden Dollar. Doch es gibt noch Wege aus der Krise. So lautet das Ergebnis der zweijährigen Studie zusammengefasst.

Bestäubung – um was es geht

Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht …. Man sollte das Matthäus-Evangelium nicht so verstehen, dass Vögel oder andere Tiere nicht arbeiten. Tatsächlich erbringen die Natur und ihre Bestandteile sehr wohl Leistungen, die uns zugute kommen und denen man sogar einen monetären Wert zuordnen kann. (Und Vögel säen sehr wohl, wenn sie unverdaute Samen ausscheiden).

Eine sehr wichtige Leistung der Natur ist die Bestäubung. Auf eine Bestäubung durch Tiere sind viele Frucht-, Gemüse-, Samen-, Nüsse und Ölpflanzen angewiesen – viele von ihnen sind übrigens sehr wichtig für die Versorgung von Mensch und Tier mit Vitaminen, Mineralien, sekundären Pflanzenstoffen. Außerdem sind sie eine wichtige Existenzgrundlage vieler Menschen in Entwicklungsländern.

Zu den Bestäubern gehören beispielsweise

  • Insekten (Wildbienen, Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Fliegen, Wespen, Käfer etc.),
  • Vögel (Kolibris),
  • Säugetiere (Fledermäuse)
  • und andere.

Sie bestäuben Wildpflanzen und Kulturpflanzen – also Nahrungspflanzen, Futterpflanzen, Bioenergiepflanzen, Faserpflanzen, Heilpflanzen und Baumaterialien.

Welchen Wert hat die Arbeit der Bestäuber?

  • Dreiviertel (75 Prozent) der Welt-Nahrungsmittelernte ist ganz oder teilweise von einer Bestäubung abhängig.
  • Zwischen 235 und 577 Milliarden US-Dollar beträgt der Wert der jährlichen Ernte weltweit, die von Bestäubern abhängig ist.
  • In den letzten 50 Jahren ist das Volumen der landwirtschaftliche Produktion, die von der Bestäubung durch tierische Bestäuber abhängig ist, um 300 Prozent gestiegen.
  • Fast 90 Prozent der Wildblumen sind von tierischen Bestäubern in irgendeiner Weise abhängig.
  • Honigbienen produzieren 1,6 Millionen Tonnen Honig pro Jahr.
  • Bestäuber haben neben der ökonomischen, auch eine soziale und kulturelle Bedeutung.

Zahlen und Fakten zur Bedrohung

So ist laut UN-Artenvielfalts-Studie die Lage:

  • 16,5 Prozent der Bestäuberarten aus dem Unterstamm der Wirbeltiere (Vögel, Säugetiere) sind vom Aussterben bedroht. Bei räumlich isolierten Arten sind es bis zu 30 Prozent.
  • Bis über 40 Prozent der Bestäuberarten aus dem Unterstamm der wirbellosen Tiere (Insekten, Spinnentiere) – besonders Bienen und Schmetterlinge – stehen vor dem Aussterben – das ergeben regionale und nationale Erhebungen, es gibt keine global flächendeckenden Daten.

Ursachen der Bedrohung von wilden Bestäubern

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Das sind laut UN-Artenvielfalts-Studie die Ursachen:

  • Umwandlung der Landnutzung (Ergänzung:Verlust an natürlichen Lebensräumen durch Straßenbau, Städtebau etc.),
  • intensive Landbewirtschaftung (Ergänzung: Monokulturen lassen kaum Platz für Feldraine mit Saumbiotopen/Lebensräume für Nützlinge aller Art, die Pflege der Bodenfruchtbarkeit und der Bodenlebewesen wird meist vernachlässigt),
  • Pestizideinsatz,
  • Verdrängung durch fremde Arten,
  • Krankheiten und Schädlinge sowie der
  • Klimawandel (der Klimawandel führt zu Veränderungen in der Verteilung der natürlichen Bestäuber und der Pflanzen, die von ihnen abhängen).

Was sagt die UN-Artenvielfalts-Studie zu Pestiziden, gentechnisch veränderten Pflanzen (GMO), Agrarsysteme?

Die Erhebung fand heraus, dass Pestizide, einschließlich der Neonicotinoide, die Bestäuber weltweit bedrohen, auch wenn der Langzeiteffekt immer noch unklar ist. Eine Pionierstudie im Feldanbau zeigte, dass das geprüfte Neonicotioid einen negativen Effekt auf Wildbienen hatte, doch die Wirkung auf Honigbienen aus Bienenhaltung war weniger eindeutig.

Genetisch veränderte Feldpflanzen, die gegen Unkräuter tolerant sind, werden eher negativ bewertet: Gräser und Wildkräuter, die Nahrung für die Bestäuber bieten, werden wegen ihnen weggespritzt (Ergänzung: statt alternativer Maßnahmen wie mechanische Unkrautbekämpfung, Abflammen, Mischkultur etc.).

Umgekehrt könnten gegen Schädlinge resistente, gentechnisch veränderte Feldpflanzen laut der Studie theoretisch den Druck auf die Bestäuber verringern, wenn dann weniger gespritzt wird. Allerdings weiß man über die subletalen (Wirkungen unterhalb der tödlichen Dosis) und indirekten Auswirkungen auf die Bestäuber wenig.

Die Bestäuber sind auch dadurch gefährdet, dass so viele Praktiken, die auf indigenem oder lokalem Wissen basierten, verloren gehen. Dazu gehören traditionelle Pflanzenbaumethoden, Landschafts- und Gartenpflege und kulturelle Beziehungen.

„Obwohl wir noch nicht alles über Bestäuber wissen, gibt es doch genug Hinweise, dass wir etwas tun müssen“, sagt Prof. Dr. Vera Lucia Imperatriz-Fonseca, ebenfalls Studienleiterin und Senior Professor an der University of São Paulo (Brasilien).

Handlungsempfehlungen zur Förderung der Bestäubervielfalt

Die von der Studie empfohlenen und unten aufgelisteten Maßnahmen lassen sich auch gut im Garten, im Urban Gardening und überall sonst umsetzen.

  • Förderung der nachhaltigen Landwirtschaft, die zu einer Diversifizierung der landwirtschaftlich genutzten Fläche führt und die ökologische Prozesse in die Nahrungsmittelproduktion integriert:
    • Artenvielfalt fördern durch Bewahrung oder Schaffung von entsprechenden Lebensräumen in der landwirtschaftlichen und der städtischen Landschaft,
    • Bewährte Anbaumethoden nutzen (Ergänzung: Hobbygärtner könnte diesbezüglich interessieren: Mischkultur, Gründüngung, Was nach Tomaten anbauen, Pflanzen für Nützlinge im Garten),
    • Austausch und Zusammenwirken von Wissenschaft und einheimischen bzw. lokalen Wissensträgern,
    • Weitergabe und Austausch von Wissen zwischen Anbauern, Wissenschaftlern, Industrie, Gemeinden und Öffentlichkeit,
    • Reduzierung der Pestizide durch bessere Ausbringung (Reduzierung der Abdrift) und Anwendung alternativer Maßnahmen.
  • Verbesserungen bei der Bienenhaltung (frühere und bessere Krankheits- bzw. Befallsdiagnosen und Behandlungen) und Auflagen beim Bienenhandel und der Standortveränderungen von Bienenvölkern.

Weitere Erkenntnisse aus der Bestäuberstudie

Eine stabile Befruchtung ist dann am besten gewährleistet, wenn es viele verschiedene Bestäuberarten gibt – selbst dann, wenn es einen gezielten Einsatz von Imker-Honigbienen gibt, denn die wilden Bestäuber veranlassen die Honigbienen, schneller zum nächsten Baum zu wechseln, wodurch die Bestäubung besonders gut wird.

Für die Ernte am besten ist also Bestäuber-Multikulti: wilde Bestäuberarten und domestizierte Bienen. Übrigens, ist laut Studie global zwar die Zahl der Bienenstöcke in den letzten 50 Jahren gestiegen, aber in Europa und Nordamerika sind sie weniger geworden.

Auch interessant

Global Gardening.
Bioökonomie – neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?
*
Christiane Grefe
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-9561-4060-0

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Was ist die IPBES eigentlich?

Im April 2012 wurde ein unabhängiges internationales Gremium mit Namen Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), zu Deutsch: Internationale Wissenschaft-Strategie-Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen, geschaffen, welches den weltweiten Zustand der Biodiversität (Artenvielfalt), der Ökosysteme und die Dienstleistungen, die diese erbringen, feststellen soll – ähnlich wie es das Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC, in Deutschland bekannt als Weltklimarat, für das Klima tut. IPBES ist für alle Mitgliedstaaten der UN offen.

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Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen. (Buchvorstellung**)

Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen - Buchcover mit Werbelink zu AmazonWer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert nicht nur die Züchtungs- und die Anbausysteme, sondern bestimmt auch, was bei den Menschen zum Essen auf den Tisch kommt. Anja Banzhaf beleuchtet in dem beim oekom verlag erschienenen Buch „Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen.“ die Geschichte der Züchtung und die Auswirkungen. Und sie lässt die Menschen zu Wort kommen, die sich gegen die Entmündigung durch die Saatgutzüchtung – sowohl in den Industrieländern, als auch in den sich entwickelnden Ländern – auflehnen. Ein wichtiges Thema  interessant aufbereitet – absolut lesenswert!

Jahrtausende lang wurde das Saatgut von den Anbauern kontrolliert und weitergegeben. In vielen Ländern ist das bis heute so, aber in den Industrieländern wurden vor etwa 200 Jahren immer mehr kommerzielle Saatgutunternehmen gegründet und eine Arbeitsteilung zwischen Züchtung, Saatgutvermehrung und Anbau in Gang gesetzt. Weil man eine standardisierte Landwirtschaft mit großen Anbauflächen wollte, wurde 1934 in Deutschland eine Saatgutbereinigung per Verordnung durchgeführt – mit der Folge, dass 90 % der alten Sorten verschwanden und nur noch zugelassene Sorten von Saatgutunternehmen verkauft werden durften.

Den Sortenschutz, den deutsche Züchter durch Gesetze und Verordnungen des nationalsozialistischen Regimes erhielten, holten sich Züchter in anderen Ländern beispielsweise durch Hybridzüchtung, Gentechnik und/oder Anmeldung von Patenten – sogar auf Sorten, die sie sich über Biopiraterie angeeignet hatten.

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Viele der ursprünglich mal familiären Saatgutzüchter expandierten im Laufe der Jahrzehnte oder wurden von Agrarchemiekonzernen übernommen (Wie praktisch: Sie können nun [gebeiztes] Saatgut gleich im Paket mit Düngern und Pestiziden anbieten. In dieses Geschäftsmodell kann man wohl auch genetisch verändertes Saatgut, das gegen das eigene Unkrautvernichtungsmittel resistent ist, einordnen. Anmerk. d. Redaktion). Auch die Agrarchemiekonzerne bzw. Agrarmischkonzerne fusionier(t)en oder übernahmen und übernehmen sich gegenseitig. Die Folge ist, dass nun einige wenige Konzerne den gesamten Agrarmarkt einschließlich der Züchtung dominieren. Fünf der sechs größten Pflanzenschutzmittelhersteller gehören heute gleichzeitig zu den zehn größten Saatgutkonzernen! Zu den Big Playern am Saatgutmarkt gehören Monsanto, Limagrain, DuPont Pioneer, Syngenta, Winfield, KWS, Dow, Bayer und Sakata. Während Monsanto global führt, liegt das Unternehmen in Europa laut der Quellen von Banzhaf nur auf dem dritten Platz. Man findet  viele interessante Zahlen, Namen und Verbindungen im Buch.

Vom Staat geschützt und mittels Handelsabkommen wird dieses System auch in die sich entwickelnden Länder in Afrika, Südamerika, Asien etc. exportiert, wo dann die Anbauer ebenfalls entmündigt und oft genug kriminalisiert werden. Das ist nicht nur ungerecht und eine neue Art des Kolonialismus, sondern es gehen (genetische) Ressourcen verloren: Regionale bäuerliche Sorten sind oft besser an die örtlichen Gegebenheiten angepasst, gegen die dortigen Risiken widerstandsfähiger und sie haben einen Mehrfachnutzen (Beispiel Reis: die Reiskorn-Ernte zur Ernährung und das Reisstroh für das Hausdach). Die neuen hochentwickelten Sorten aber haben oft einen hohen Nährstoff- und Wasserbedarf und sind vom Saatgut bis zur Ernte in jeder Hinsicht teuerer.

Die vereinheitlichende Agrarindustrie/-politik macht die Taschen weniger Konzerne voll. Wie beim Goldrausch sind es vor allem die Ausstatter, die reich werden. Und nicht nur die Menschen vor Ort, auch die Weltgemeinschaft bezahlt den Preis dafür, beispielsweise durch

  • weniger Kulturpflanzenvielfalt,
  • Verlust genetischer Ressourcen,
  • weniger Anpassungsfähigkeit/höheres Ausfallrisiko durch weniger Vielfalt (weniger Genvielfalt innerhalb einer Sorte, geringere Anzahl der Kulturpflanzenarten und -sorten),
  • Schädigung der Umwelt und Vernichtung von Ökosystemen und Ressourcen durch die Förderung des Monokulturanbaus,
  • den höheren Bedarf an Pestiziden und Düngern, weil nützliche Organismen oberhalb und in der Erde reduziert werden,
  • für den hohen Ressourcen- und Energieeinsatz bzw. deren Vernichtung (zwar hoher Flächenertrag, aber ineffizient hinsichtlich Ressourcen- und Energie-Input/-Output)
  • Klimabelastung

Die Vielfalt bäuerlicher Anbausysteme, die nach Öko- und Nachhaltigkeitskriterien anbaut (Schlagwort „Agrarökologie“), und deren Pflanzenzüchtung würde (wenigstens als gewichtige Ergänzung) das Ganze krisensicherer, gerechter und ökologischer machen. Die Konzerne wollen aber genau das Gegenteil, sie wollen den ganzen Markt für sich und sie schicken ihre Lobbyisten überall hin, wo Gesetze aufkeimen könnten, die ihren Interessen entgegenstehen.

Als Mittel gegen die Abnahme der Kulturpflanzenvielfalt helfen die Genbanken übrigens nur bedingt, weil – wie ich neben vielem anderen durch das Buch gelernt habe – sich die ewig lang gelagerten Samen nicht weiter anpassen können, wie es bei Erhalt in Form des Anbaus lebender Pflanzen der Fall wäre. Außerdem haben selten die Anbauer aus der Ursprungsregion, sondern nur die Biotechnologen der Agrarkonzerne der Industrieländer Zugriff auf die einzelnen Sorten.

Die Saatgutkonzerne benutzen das Argument Ernährungssicherheit, um von oben den anderen ihren Weg aufzuzwingen. Die Bauern der bäuerlichen Landwirtschaft und mitkämpfende Bürger wollen emanzipatorische Ernährungssouveränität von unten nach oben.

Die kleinbäuerliche ökologische Landwirtschaft hat andere Ansprüche an die Sortenentwicklung. Sie braucht beispielsweise Sorten, die

  • gegen bodenbürtige Krankheiten resistent sind,
  • sich gegen Beikräuter selbst durchsetzen können (beispielsweise durch schnelle Bodenbedeckung nach der Aussaat),
  • mit weniger Wasser und Dünger zurechtkommen (nicht die HR-Sorten [Hochreaktionssorten] aus der Agrarindustrie),
  • lokal erprobt sind und
  • mit dem örtlichen Bodenleben in Symbiose den Boden und die Nährstoffe aufschließen,
  • einen breiten Genpool beinhalten und
  • dadurch flexibler sind und die außerdem
  • samenfest sind.

Allerdings steht auch der Ökoanbau immer stärker unter dem Leistungsdruck, vor allem die Gärtner, die über den Großhandel oder ähnliche Verteilungssysteme verkaufen, müssen heute genauso standardisiert liefern und brauchen hohe Erträge, um ein Einkommen zu haben. Im Ökoanbau wird viel diskutiert: Will/muss man tatsächlich den Weg der Intensivierung immer weiter mitgehen?

Von manchen Gemüsearten gibt es heute schon keine samenfesten Sorten mehr. Die Ökoanbauer wollen aber keine CMS-Hybriden, wie sie zunehmend üblich sind (Cytoplasmatic Male Sterility, CMS, steht für zytoplasmatisch-kerngenetische Pollensterilität). Da die Wünsche der Ökobauern den großen Agrarkonzernen egal sind, bleibt denen nichts anderes übrig, als selbst zu züchten. Das ist aber auch eine Frage des Geldes, das dafür investiert werden kann.

So ging es mir beim Lesen:

Ich habe mich zuerst innerlich gegen einige Fakten und Argumente gesträubt, musste deshalb das Buch nach einem Drittel noch einmal ganz von vorne anfangen. An einigen wenigen Stellen fand ich die Aussagen beim ersten Lesen etwas verkürzt bis populistisch, doch lösten sich meine Bedenken beim erneuten Lesen und Weiterlesen auf. Das Buch zeigt viele Argumente auf – auch die der Saatgutzüchterseite.

Ich erinnere mich: Ich habe vor dreißig Jahren kurz nach meinem Gartenbaustudium geglaubt, es sei vor allem eine Arbeitsteilung, wenn die Sortenzüchtung, Saatgutvermehrung und der Anbau von Pflanzen in verschiedenen Händen liegen. Vielleicht war es das zu dem Zeitpunkt auch noch bzw. ist es bei uns auch in manchen Sparten so. Von den Gärtnern, die ich kenne oder kannte, hat kaum einer eine eigene Sortenzüchtung oder Saatgutvermehrung betrieben bzw. nur für einzelne „Familiensorten“, mit denen man sich beim Feinkost-Kunden profilieren konnte. Ich bin zwar der Meinung, dass Arbeit – also auch die Saatgutzüchtung – angemessen bezahlt werden muss, doch ist es richtig, dass der Staat seit der Nazizeit die Geschäftsmodelle der Saatgutzüchter durch sehr strenge Vorgaben schützt? Erst recht, nachdem die Saatgutzüchter immer mehr in die Hände von Chemiegiganten gegangen sind und der Markt von wenigen beherrscht wird?

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Wieso schützen die Industriestaaten diese Unternehmen immer noch in so einem Ausmaß, sichern ihre Geschäftsmodelle ab, obwohl diese auf Kosten der bäuerlichen Landwirtschaft, der Umwelt, der Ernährungspflanzenvielfalt, der Anpassungsfähigkeit an Veränderungen gehen und sie Standardisierung und Monokulturen propagieren? Dabei weiß man doch seit Jahrzehnten, dass das kontraproduktiv ist. Warum fördert man sie sogar durch entsprechende internationale Abkommen und vernichtet jegliche Konkurrenz? Weil sie mit Argumenten aufwarten, die Politiker fachlich oft nicht durchschauen? Weil diese Unternehmen wahnsinnig viel Geld haben, mit denen sie Politiker auf ihrer Linie fördern? Weil ihre Lobbyisten direkten Einfluss bei der Gesetzesgebung haben?

Mich erinnerte dieses Diktat der Sortenbereinigung und der Zertifizierung übrigens an die frühen Zeiten von Flussbegradigungen und Flurbereinigungen, als man alles auf ordentlich trimmte und die wichtigen Funktionen von „Unordentlichkeit“ (Biegungen, die die Geschwindigkeit verringern, und Soll-Überschwemmungsflächen) und „Komplexität“ (wie die Reduzierung der Windgeschwindigkeit durch Hecken, die ökologische Bedeutung von Feldrandbewuchs und ihren Bewohnern) übersah. Bei der Flurbereinigung hat man inzwischen ein bisschen dazugelernt. Wird man es auch beim Sortenschutz- und Saatgutverkehrsgesetz lernen, bevor es zu spät ist?

Die Autorin Anja Banzhaf hat Geografie, Ressourcenökonomik und Botanik studiert und Erfahrungen in einer Samengärtnerei gesammelt. Sie ist Garten- und Saatgutaktivistin und sie setzt sich für eine kleinbäuerliche und solidarische Landwirtschaft ein. Mit dem Buch will sie Denkanstöße geben und aufrütteln, genauer hinzuschauen – vor allem angesichts der aktuellen Überarbeitungen des EU-Saatgutrechts und der eigentlich nicht erlaubten Patentierungsversuche einiger Saatgutzüchter.

In dem Buch geht es um mehr als nur um das Saatgut und Sortenvielfalt.
Es geht um Selbstbestimmung der Menschen und um die Begrenzung der Macht der Agrarindustrie. Die Ernährungssouveränit muss bei den Menschen liegen, sie müssen entscheiden dürfen, welches Essen und welches Pflanzenzüchtungs- und Anbausystem sie möchten. Vielfalt sollte gefördert werden.

Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel. Die ersten beiden beschreiben überwiegend die Geschichte der Saatgutzüchtung und der Anbausysteme. Das dritte Kapitel lässt Menschen aus allen Teilen der Welt zu Wort kommen und beschreiben, wie sie sich die Ernährungssouveränität nicht wegnehmen lassen oder sie zurückholen wollen.

Die Schwierigkeit bei diesem Thema ist, die ganze Welt unter einen Hut zu bringen. Es gibt Unterschiede zwischen den Ländern der verschiedenen Erdteile, zwischen Industrieländern und sich entwickelnden Ländern, zwischen ehemaligen Kolonien und ehemaligen Kolonialherrschern usw. Tatsächlich gibt es große Unterschiede von Land zu Land selbst innerhalb Europas, was die Geschichte und den heutigen Stand der Unterwerfung unter die Interessen der Agrarindustrie betrifft.

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Eine faire Lösungsmöglichkeit für die Problematik, die auch im Buch vorgestellt wird, könnte sein, neben dem regulierten Saatgutmarkt auch einen unregulierten zuzulassen. Wer zertifiziertes Saatgut kaufen möchte, kann das tun. Alle Sorten, auf denen kein Sortenschutz liegt, dürften aber von jedem vermehrt und auch (als nicht-zertifiziertes Saatgut) verkauft werden – natürlich klar als solches deklariert. Der Käufer (Hobbygärtner oder Erwerbsgärtner) entscheidet selbst, wann und ob er zertifiziertes Saatgut (klar unterscheidbar, einheitlich, stabil über Generationen) kaufen möchte oder eben nicht.

Mein persönliches Fazit:
Das Buch ist sehr empfehlenswert für Anbauer aller Art und alle Menschen, die bei den Themen Saatgut, Agrarindustrie, ökologischer Anbau, Entwicklungszusammenarbeit und angrenzenden Themengebieten mitreden möchten.

Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen*
Anja Banzhaf
oekom verlag** 2016
ISBN: 978-3-86581-781-5

* Werbelink zu Amazon
** Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten

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Heimische Pflanzen für den Garten (Rezension**)

Cover von Heimische Pflanzen für den Garten mit WerbelinkEndlich hat ein Verlag dieses Trendthema aufgegriffen, denn es liegt vielen Gartenbesitzern und Hobbygärtnern am Herzen. Sie möchten die heimische Flora und Fauna fördern und gleichzeitig einen schönen Garten haben. Gerade in kleinen Gärten ist es aber oft schwierig, eine Vielfalt geeigneter mehrjähriger Pflanzen (Stauden und Gehölze) zustande zu bekommen, weil die heimischen Arten oft einfach zu groß sind. Nun ist beim Ulmer Verlag ein Buch von Elke Schwarzer erschienen, das vielen ein hilfreiches Nachschlagewerk sein wird:

Elke Schwarzer
Heimische Pflanzen für den Garten:
100 Blumen, Sträucher und Bäume für mehr Artenvielfalt
*
Verlag Eugen Ulmer 2016
128 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-8001-8455-2

Was mir sehr gut gefällt
Das Buch wird vielen Hobbygärtnern helfen, Stauden und Gehölze für kleine Gärten oder enge Gartenbereiche zu finden, die auch Bienen, Hummeln und Schmetterlingen etwas zu bieten haben.
Man merkt an vielen Stellen deutlich, dass hier jemand eigene Erfahrungen weitergibt. Wie die Autorin in der Einleitung schreibt, kämpft sie selbst seit Jahren mit der Beschränktheit eines kleinen Reihenhausgartens. Mir persönlich gefällt, dass der Ton nicht dogmatisch und die Schreibweise der Autorin auf angenehme Weise unterhaltsam ist.

Kleine Kritikpunkte
Was mir persönlich im Buch ein wenig fehlte, sind

  • Informationen über die Autorin – ich habe aber herausgefunden, dass sie Biologin ist.
  • Mehr Informationen, was mit „heimisch“ normalerweise und hier im Speziellen gemeint ist.
  • Was ist mit Sommerblumen?
  • Da es um geeignete Pflanzen für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge usw. geht, wären mehr Informationen hilfreich, wer von diesen im kleinen Garten überhaupt Einzug halten kann und wer von ihnen was genau braucht (je nach Rüssellänge, Futterpflanzen im Larven- und Erwachsenenstadium, wer braucht welche Art Versteck oder Überwinterungsplatz etc.).

Mein Fazit
Das Buch ist auf jeden Fall empfehlenswert. Es ist unterhaltsam geschrieben und enthält eine schöne Auswahl an langlebigen Pflanzenarten und Sortenempfehlungen für kleine Gärten. Es hätte ruhig noch umfangreicher sein können – siehe meine kleinen Kritikpunkte.

* Werbelink
** Der Ulmer-Verlag hat mir auf meinen Wunsch ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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