UN-Gremium für Artenvielfalt: Bestäuber ernsthaft bedroht. Was wir tun können.

Die Natur arbeitet in vielerlei Hinsicht für uns – wenn wir sie lassen: Über Dreiviertel der Weltnahrungsmittel sind ganz oder teilweise auf eine Bestäubung durch Insekten oder andere Tiere angewiesen. Aber die sind zunehmend gefährdet – über 40 Prozent der wirbellosen Bestäuberarten (das sind Insekten, Spinnentiere etc.) sind sogar vom Aussterben bedroht -, so das Ergebnis einer zweijährigen Studie über Bestäuber, Bestäubung und Lebensmittelproduktion eines Gremiums der Vereinten Nationen (United Nations, UN) für Artenvielfalt. „Ohne Bestäuber könnten sich viele von uns nicht mehr an Kaffee, Schokolade, Äpfel und Anderem unseres alltäglichen Lebens erfreuen“, sagt Dr. Simon Potts, einer der beiden Studienleiter und Professor für Artenvielfalt und Dienstleistungen der Natur an der University of Reading (Vereinigtes Königreich).

Sonnenblume-mit-Hummeln

77 Experten aus aller Welt, darunter auch vier deutsche Wissenschaftler, haben zwei Jahre lang 3000 wissenschaftliche Arbeiten zum Thema Bestäuber sowie auch Informationen über einheimische beziehungsweise örtlich übliche Methoden von über 60 Regionen der Welt gesichtet, ausgewertet und gemeinsam einen Bericht über die Bedeutung der Bestäubung und dem Zustand der Bestäuber verfasst. Ende Februar 2016 veröffentlichte eben dieses UN-Gremium mit Namen Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES, zu Deutsch: Internationale Wissenschaft-Strategie-Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen) in Kuala Lumpur (Malaysia) die Ergebnisse als den ersten Biodiversitätsbericht, und der dreht sich speziell um die Lage der Bestäuber. Der Bericht soll Politikern helfen, Entscheidungen auf Basis zuverlässiger Daten zu treffen. Er ist aber auch interessant für alle an der Natur interessierten Menschen einschließlich der Gärtner, Selbstversorger und Hobbygärtner.

Immer mehr Bestäuberarten weltweit sind von der Auslöschung bedroht und das gefährdet die Existenzen von Millionen von Menschen und die Erzeugung von Nahrungsmitteln im Werte von Hunderten von Milliarden Dollar. Doch es gibt noch Wege aus der Krise. So lautet das Ergebnis der zweijährigen Studie zusammengefasst.

Bestäubung – um was es geht

Sehet die Vögel unter dem Himmel an: Sie säen nicht, sie ernten nicht …. Man sollte das Matthäus-Evangelium nicht so verstehen, dass Vögel oder andere Tiere nicht arbeiten. Tatsächlich erbringen die Natur und ihre Bestandteile sehr wohl Leistungen, die uns zugute kommen und denen man sogar einen monetären Wert zuordnen kann. (Und Vögel säen sehr wohl, wenn sie unverdaute Samen ausscheiden).

Eine sehr wichtige Leistung der Natur ist die Bestäubung. Auf eine Bestäubung durch Tiere sind viele Frucht-, Gemüse-, Samen-, Nüsse und Ölpflanzen angewiesen – viele von ihnen sind übrigens sehr wichtig für die Versorgung von Mensch und Tier mit Vitaminen, Mineralien, sekundären Pflanzenstoffen. Außerdem sind sie eine wichtige Existenzgrundlage vieler Menschen in Entwicklungsländern.

Zu den Bestäubern gehören beispielsweise

  • Insekten (Wildbienen, Bienen, Hummeln, Schmetterlinge, Fliegen, Wespen, Käfer etc.),
  • Vögel (Kolibris),
  • Säugetiere (Fledermäuse)
  • und andere.

Sie bestäuben Wildpflanzen und Kulturpflanzen – also Nahrungspflanzen, Futterpflanzen, Bioenergiepflanzen, Faserpflanzen, Heilpflanzen und Baumaterialien.

Welchen Wert hat die Arbeit der Bestäuber?

  • Dreiviertel (75 Prozent) der Welt-Nahrungsmittelernte ist ganz oder teilweise von einer Bestäubung abhängig.
  • Zwischen 235 und 577 Milliarden US-Dollar beträgt der Wert der jährlichen Ernte weltweit, die von Bestäubern abhängig ist.
  • In den letzten 50 Jahren ist das Volumen der landwirtschaftliche Produktion, die von der Bestäubung durch tierische Bestäuber abhängig ist, um 300 Prozent gestiegen.
  • Fast 90 Prozent der Wildblumen sind von tierischen Bestäubern in irgendeiner Weise abhängig.
  • Honigbienen produzieren 1,6 Millionen Tonnen Honig pro Jahr.
  • Bestäuber haben neben der ökonomischen, auch eine soziale und kulturelle Bedeutung.

Zahlen und Fakten zur Bedrohung

So ist laut UN-Artenvielfalts-Studie die Lage:

  • 16,5 Prozent der Bestäuberarten aus dem Unterstamm der Wirbeltiere (Vögel, Säugetiere) sind vom Aussterben bedroht. Bei räumlich isolierten Arten sind es bis zu 30 Prozent.
  • Bis über 40 Prozent der Bestäuberarten aus dem Unterstamm der wirbellosen Tiere (Insekten, Spinnentiere) – besonders Bienen und Schmetterlinge – stehen vor dem Aussterben – das ergeben regionale und nationale Erhebungen, es gibt keine global flächendeckenden Daten.

Ursachen der Bedrohung von wilden Bestäubern

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Das sind laut UN-Artenvielfalts-Studie die Ursachen:

  • Umwandlung der Landnutzung (Ergänzung:Verlust an natürlichen Lebensräumen durch Straßenbau, Städtebau etc.),
  • intensive Landbewirtschaftung (Ergänzung: Monokulturen lassen kaum Platz für Feldraine mit Saumbiotopen/Lebensräume für Nützlinge aller Art, die Pflege der Bodenfruchtbarkeit und der Bodenlebewesen wird meist vernachlässigt),
  • Pestizideinsatz,
  • Verdrängung durch fremde Arten,
  • Krankheiten und Schädlinge sowie der
  • Klimawandel (der Klimawandel führt zu Veränderungen in der Verteilung der natürlichen Bestäuber und der Pflanzen, die von ihnen abhängen).

Was sagt die UN-Artenvielfalts-Studie zu Pestiziden, gentechnisch veränderten Pflanzen (GMO), Agrarsysteme?

Die Erhebung fand heraus, dass Pestizide, einschließlich der Neonicotinoide, die Bestäuber weltweit bedrohen, auch wenn der Langzeiteffekt immer noch unklar ist. Eine Pionierstudie im Feldanbau zeigte, dass das geprüfte Neonicotioid einen negativen Effekt auf Wildbienen hatte, doch die Wirkung auf Honigbienen aus Bienenhaltung war weniger eindeutig.

Genetisch veränderte Feldpflanzen, die gegen Unkräuter tolerant sind, werden eher negativ bewertet: Gräser und Wildkräuter, die Nahrung für die Bestäuber bieten, werden wegen ihnen weggespritzt (Ergänzung: statt alternativer Maßnahmen wie mechanische Unkrautbekämpfung, Abflammen, Mischkultur etc.).

Umgekehrt könnten gegen Schädlinge resistente, gentechnisch veränderte Feldpflanzen laut der Studie theoretisch den Druck auf die Bestäuber verringern, wenn dann weniger gespritzt wird. Allerdings weiß man über die subletalen (Wirkungen unterhalb der tödlichen Dosis) und indirekten Auswirkungen auf die Bestäuber wenig.

Die Bestäuber sind auch dadurch gefährdet, dass so viele Praktiken, die auf indigenem oder lokalem Wissen basierten, verloren gehen. Dazu gehören traditionelle Pflanzenbaumethoden, Landschafts- und Gartenpflege und kulturelle Beziehungen.

„Obwohl wir noch nicht alles über Bestäuber wissen, gibt es doch genug Hinweise, dass wir etwas tun müssen“, sagt Prof. Dr. Vera Lucia Imperatriz-Fonseca, ebenfalls Studienleiterin und Senior Professor an der University of São Paulo (Brasilien).

Handlungsempfehlungen zur Förderung der Bestäubervielfalt

Die von der Studie empfohlenen und unten aufgelisteten Maßnahmen lassen sich auch gut im Garten, im Urban Gardening und überall sonst umsetzen.

  • Förderung der nachhaltigen Landwirtschaft, die zu einer Diversifizierung der landwirtschaftlich genutzten Fläche führt und die ökologische Prozesse in die Nahrungsmittelproduktion integriert:
    • Artenvielfalt fördern durch Bewahrung oder Schaffung von entsprechenden Lebensräumen in der landwirtschaftlichen und der städtischen Landschaft,
    • Bewährte Anbaumethoden nutzen (Ergänzung: Hobbygärtner könnte diesbezüglich interessieren: Mischkultur, Gründüngung, Was nach Tomaten anbauen, Pflanzen für Nützlinge im Garten),
    • Austausch und Zusammenwirken von Wissenschaft und einheimischen bzw. lokalen Wissensträgern,
    • Weitergabe und Austausch von Wissen zwischen Anbauern, Wissenschaftlern, Industrie, Gemeinden und Öffentlichkeit,
    • Reduzierung der Pestizide durch bessere Ausbringung (Reduzierung der Abdrift) und Anwendung alternativer Maßnahmen.
  • Verbesserungen bei der Bienenhaltung (frühere und bessere Krankheits- bzw. Befallsdiagnosen und Behandlungen) und Auflagen beim Bienenhandel und der Standortveränderungen von Bienenvölkern.

Weitere Erkenntnisse aus der Bestäuberstudie

Eine stabile Befruchtung ist dann am besten gewährleistet, wenn es viele verschiedene Bestäuberarten gibt – selbst dann, wenn es einen gezielten Einsatz von Imker-Honigbienen gibt, denn die wilden Bestäuber veranlassen die Honigbienen, schneller zum nächsten Baum zu wechseln, wodurch die Bestäubung besonders gut wird.

Für die Ernte am besten ist also Bestäuber-Multikulti: wilde Bestäuberarten und domestizierte Bienen. Übrigens, ist laut Studie global zwar die Zahl der Bienenstöcke in den letzten 50 Jahren gestiegen, aber in Europa und Nordamerika sind sie weniger geworden.

Auch interessant

Global Gardening.
Bioökonomie – neuer Raubbau oder Wirtschaftsform der Zukunft?
*
Christiane Grefe
Verlag Antje Kunstmann
ISBN: 978-3-9561-4060-0

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Was ist die IPBES eigentlich?

Im April 2012 wurde ein unabhängiges internationales Gremium mit Namen Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services (IPBES), zu Deutsch: Internationale Wissenschaft-Strategie-Plattform für Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen, geschaffen, welches den weltweiten Zustand der Biodiversität (Artenvielfalt), der Ökosysteme und die Dienstleistungen, die diese erbringen, feststellen soll – ähnlich wie es das Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC, in Deutschland bekannt als Weltklimarat, für das Klima tut. IPBES ist für alle Mitgliedstaaten der UN offen.

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Weitere Informationen

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Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen. (Buchvorstellung**)

Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen - Buchcover mit Werbelink zu AmazonWer das Saatgut kontrolliert, kontrolliert nicht nur die Züchtungs- und die Anbausysteme, sondern bestimmt auch, was bei den Menschen zum Essen auf den Tisch kommt. Anja Banzhaf beleuchtet in dem beim oekom verlag erschienenen Buch „Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen.“ die Geschichte der Züchtung und die Auswirkungen. Und sie lässt die Menschen zu Wort kommen, die sich gegen die Entmündigung durch die Saatgutzüchtung – sowohl in den Industrieländern, als auch in den sich entwickelnden Ländern – auflehnen. Ein wichtiges Thema  interessant aufbereitet – absolut lesenswert!

Jahrtausende lang wurde das Saatgut von den Anbauern kontrolliert und weitergegeben. In vielen Ländern ist das bis heute so, aber in den Industrieländern wurden vor etwa 200 Jahren immer mehr kommerzielle Saatgutunternehmen gegründet und eine Arbeitsteilung zwischen Züchtung, Saatgutvermehrung und Anbau in Gang gesetzt. Weil man eine standardisierte Landwirtschaft mit großen Anbauflächen wollte, wurde 1934 in Deutschland eine Saatgutbereinigung per Verordnung durchgeführt – mit der Folge, dass 90 % der alten Sorten verschwanden und nur noch zugelassene Sorten von Saatgutunternehmen verkauft werden durften.

Den Sortenschutz, den deutsche Züchter durch Gesetze und Verordnungen des nationalsozialistischen Regimes erhielten, holten sich Züchter in anderen Ländern beispielsweise durch Hybridzüchtung, Gentechnik und/oder Anmeldung von Patenten – sogar auf Sorten, die sie sich über Biopiraterie angeeignet hatten.

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Viele der ursprünglich mal familiären Saatgutzüchter expandierten im Laufe der Jahrzehnte oder wurden von Agrarchemiekonzernen übernommen (Wie praktisch: Sie können nun [gebeiztes] Saatgut gleich im Paket mit Düngern und Pestiziden anbieten. In dieses Geschäftsmodell kann man wohl auch genetisch verändertes Saatgut, das gegen das eigene Unkrautvernichtungsmittel resistent ist, einordnen. Anmerk. d. Redaktion). Auch die Agrarchemiekonzerne bzw. Agrarmischkonzerne fusionier(t)en oder übernahmen und übernehmen sich gegenseitig. Die Folge ist, dass nun einige wenige Konzerne den gesamten Agrarmarkt einschließlich der Züchtung dominieren. Fünf der sechs größten Pflanzenschutzmittelhersteller gehören heute gleichzeitig zu den zehn größten Saatgutkonzernen! Zu den Big Playern am Saatgutmarkt gehören Monsanto, Limagrain, DuPont Pioneer, Syngenta, Winfield, KWS, Dow, Bayer und Sakata. Während Monsanto global führt, liegt das Unternehmen in Europa laut der Quellen von Banzhaf nur auf dem dritten Platz. Man findet  viele interessante Zahlen, Namen und Verbindungen im Buch.

Vom Staat geschützt und mittels Handelsabkommen wird dieses System auch in die sich entwickelnden Länder in Afrika, Südamerika, Asien etc. exportiert, wo dann die Anbauer ebenfalls entmündigt und oft genug kriminalisiert werden. Das ist nicht nur ungerecht und eine neue Art des Kolonialismus, sondern es gehen (genetische) Ressourcen verloren: Regionale bäuerliche Sorten sind oft besser an die örtlichen Gegebenheiten angepasst, gegen die dortigen Risiken widerstandsfähiger und sie haben einen Mehrfachnutzen (Beispiel Reis: die Reiskorn-Ernte zur Ernährung und das Reisstroh für das Hausdach). Die neuen hochentwickelten Sorten aber haben oft einen hohen Nährstoff- und Wasserbedarf und sind vom Saatgut bis zur Ernte in jeder Hinsicht teuerer.

Die vereinheitlichende Agrarindustrie/-politik macht die Taschen weniger Konzerne voll. Wie beim Goldrausch sind es vor allem die Ausstatter, die reich werden. Und nicht nur die Menschen vor Ort, auch die Weltgemeinschaft bezahlt den Preis dafür, beispielsweise durch

  • weniger Kulturpflanzenvielfalt,
  • Verlust genetischer Ressourcen,
  • weniger Anpassungsfähigkeit/höheres Ausfallrisiko durch weniger Vielfalt (weniger Genvielfalt innerhalb einer Sorte, geringere Anzahl der Kulturpflanzenarten und -sorten),
  • Schädigung der Umwelt und Vernichtung von Ökosystemen und Ressourcen durch die Förderung des Monokulturanbaus,
  • den höheren Bedarf an Pestiziden und Düngern, weil nützliche Organismen oberhalb und in der Erde reduziert werden,
  • für den hohen Ressourcen- und Energieeinsatz bzw. deren Vernichtung (zwar hoher Flächenertrag, aber ineffizient hinsichtlich Ressourcen- und Energie-Input/-Output)
  • Klimabelastung

Die Vielfalt bäuerlicher Anbausysteme, die nach Öko- und Nachhaltigkeitskriterien anbaut (Schlagwort „Agrarökologie“), und deren Pflanzenzüchtung würde (wenigstens als gewichtige Ergänzung) das Ganze krisensicherer, gerechter und ökologischer machen. Die Konzerne wollen aber genau das Gegenteil, sie wollen den ganzen Markt für sich und sie schicken ihre Lobbyisten überall hin, wo Gesetze aufkeimen könnten, die ihren Interessen entgegenstehen.

Als Mittel gegen die Abnahme der Kulturpflanzenvielfalt helfen die Genbanken übrigens nur bedingt, weil – wie ich neben vielem anderen durch das Buch gelernt habe – sich die ewig lang gelagerten Samen nicht weiter anpassen können, wie es bei Erhalt in Form des Anbaus lebender Pflanzen der Fall wäre. Außerdem haben selten die Anbauer aus der Ursprungsregion, sondern nur die Biotechnologen der Agrarkonzerne der Industrieländer Zugriff auf die einzelnen Sorten.

Die Saatgutkonzerne benutzen das Argument Ernährungssicherheit, um von oben den anderen ihren Weg aufzuzwingen. Die Bauern der bäuerlichen Landwirtschaft und mitkämpfende Bürger wollen emanzipatorische Ernährungssouveränität von unten nach oben.

Die kleinbäuerliche ökologische Landwirtschaft hat andere Ansprüche an die Sortenentwicklung. Sie braucht beispielsweise Sorten, die

  • gegen bodenbürtige Krankheiten resistent sind,
  • sich gegen Beikräuter selbst durchsetzen können (beispielsweise durch schnelle Bodenbedeckung nach der Aussaat),
  • mit weniger Wasser und Dünger zurechtkommen (nicht die HR-Sorten [Hochreaktionssorten] aus der Agrarindustrie),
  • lokal erprobt sind und
  • mit dem örtlichen Bodenleben in Symbiose den Boden und die Nährstoffe aufschließen,
  • einen breiten Genpool beinhalten und
  • dadurch flexibler sind und die außerdem
  • samenfest sind.

Allerdings steht auch der Ökoanbau immer stärker unter dem Leistungsdruck, vor allem die Gärtner, die über den Großhandel oder ähnliche Verteilungssysteme verkaufen, müssen heute genauso standardisiert liefern und brauchen hohe Erträge, um ein Einkommen zu haben. Im Ökoanbau wird viel diskutiert: Will/muss man tatsächlich den Weg der Intensivierung immer weiter mitgehen?

Von manchen Gemüsearten gibt es heute schon keine samenfesten Sorten mehr. Die Ökoanbauer wollen aber keine CMS-Hybriden, wie sie zunehmend üblich sind (Cytoplasmatic Male Sterility, CMS, steht für zytoplasmatisch-kerngenetische Pollensterilität). Da die Wünsche der Ökobauern den großen Agrarkonzernen egal sind, bleibt denen nichts anderes übrig, als selbst zu züchten. Das ist aber auch eine Frage des Geldes, das dafür investiert werden kann.

So ging es mir beim Lesen:

Ich habe mich zuerst innerlich gegen einige Fakten und Argumente gesträubt, musste deshalb das Buch nach einem Drittel noch einmal ganz von vorne anfangen. An einigen wenigen Stellen fand ich die Aussagen beim ersten Lesen etwas verkürzt bis populistisch, doch lösten sich meine Bedenken beim erneuten Lesen und Weiterlesen auf. Das Buch zeigt viele Argumente auf – auch die der Saatgutzüchterseite.

Ich erinnere mich: Ich habe vor dreißig Jahren kurz nach meinem Gartenbaustudium geglaubt, es sei vor allem eine Arbeitsteilung, wenn die Sortenzüchtung, Saatgutvermehrung und der Anbau von Pflanzen in verschiedenen Händen liegen. Vielleicht war es das zu dem Zeitpunkt auch noch bzw. ist es bei uns auch in manchen Sparten so. Von den Gärtnern, die ich kenne oder kannte, hat kaum einer eine eigene Sortenzüchtung oder Saatgutvermehrung betrieben bzw. nur für einzelne „Familiensorten“, mit denen man sich beim Feinkost-Kunden profilieren konnte. Ich bin zwar der Meinung, dass Arbeit – also auch die Saatgutzüchtung – angemessen bezahlt werden muss, doch ist es richtig, dass der Staat seit der Nazizeit die Geschäftsmodelle der Saatgutzüchter durch sehr strenge Vorgaben schützt? Erst recht, nachdem die Saatgutzüchter immer mehr in die Hände von Chemiegiganten gegangen sind und der Markt von wenigen beherrscht wird?

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Wieso schützen die Industriestaaten diese Unternehmen immer noch in so einem Ausmaß, sichern ihre Geschäftsmodelle ab, obwohl diese auf Kosten der bäuerlichen Landwirtschaft, der Umwelt, der Ernährungspflanzenvielfalt, der Anpassungsfähigkeit an Veränderungen gehen und sie Standardisierung und Monokulturen propagieren? Dabei weiß man doch seit Jahrzehnten, dass das kontraproduktiv ist. Warum fördert man sie sogar durch entsprechende internationale Abkommen und vernichtet jegliche Konkurrenz? Weil sie mit Argumenten aufwarten, die Politiker fachlich oft nicht durchschauen? Weil diese Unternehmen wahnsinnig viel Geld haben, mit denen sie Politiker auf ihrer Linie fördern? Weil ihre Lobbyisten direkten Einfluss bei der Gesetzesgebung haben?

Mich erinnerte dieses Diktat der Sortenbereinigung und der Zertifizierung übrigens an die frühen Zeiten von Flussbegradigungen und Flurbereinigungen, als man alles auf ordentlich trimmte und die wichtigen Funktionen von „Unordentlichkeit“ (Biegungen, die die Geschwindigkeit verringern, und Soll-Überschwemmungsflächen) und „Komplexität“ (wie die Reduzierung der Windgeschwindigkeit durch Hecken, die ökologische Bedeutung von Feldrandbewuchs und ihren Bewohnern) übersah. Bei der Flurbereinigung hat man inzwischen ein bisschen dazugelernt. Wird man es auch beim Sortenschutz- und Saatgutverkehrsgesetz lernen, bevor es zu spät ist?

Die Autorin Anja Banzhaf hat Geografie, Ressourcenökonomik und Botanik studiert und Erfahrungen in einer Samengärtnerei gesammelt. Sie ist Garten- und Saatgutaktivistin und sie setzt sich für eine kleinbäuerliche und solidarische Landwirtschaft ein. Mit dem Buch will sie Denkanstöße geben und aufrütteln, genauer hinzuschauen – vor allem angesichts der aktuellen Überarbeitungen des EU-Saatgutrechts und der eigentlich nicht erlaubten Patentierungsversuche einiger Saatgutzüchter.

In dem Buch geht es um mehr als nur um das Saatgut und Sortenvielfalt.
Es geht um Selbstbestimmung der Menschen und um die Begrenzung der Macht der Agrarindustrie. Die Ernährungssouveränit muss bei den Menschen liegen, sie müssen entscheiden dürfen, welches Essen und welches Pflanzenzüchtungs- und Anbausystem sie möchten. Vielfalt sollte gefördert werden.

Das Buch gliedert sich in drei Hauptkapitel. Die ersten beiden beschreiben überwiegend die Geschichte der Saatgutzüchtung und der Anbausysteme. Das dritte Kapitel lässt Menschen aus allen Teilen der Welt zu Wort kommen und beschreiben, wie sie sich die Ernährungssouveränität nicht wegnehmen lassen oder sie zurückholen wollen.

Die Schwierigkeit bei diesem Thema ist, die ganze Welt unter einen Hut zu bringen. Es gibt Unterschiede zwischen den Ländern der verschiedenen Erdteile, zwischen Industrieländern und sich entwickelnden Ländern, zwischen ehemaligen Kolonien und ehemaligen Kolonialherrschern usw. Tatsächlich gibt es große Unterschiede von Land zu Land selbst innerhalb Europas, was die Geschichte und den heutigen Stand der Unterwerfung unter die Interessen der Agrarindustrie betrifft.

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Eine faire Lösungsmöglichkeit für die Problematik, die auch im Buch vorgestellt wird, könnte sein, neben dem regulierten Saatgutmarkt auch einen unregulierten zuzulassen. Wer zertifiziertes Saatgut kaufen möchte, kann das tun. Alle Sorten, auf denen kein Sortenschutz liegt, dürften aber von jedem vermehrt und auch (als nicht-zertifiziertes Saatgut) verkauft werden – natürlich klar als solches deklariert. Der Käufer (Hobbygärtner oder Erwerbsgärtner) entscheidet selbst, wann und ob er zertifiziertes Saatgut (klar unterscheidbar, einheitlich, stabil über Generationen) kaufen möchte oder eben nicht.

Mein persönliches Fazit:
Das Buch ist sehr empfehlenswert für Anbauer aller Art und alle Menschen, die bei den Themen Saatgut, Agrarindustrie, ökologischer Anbau, Entwicklungszusammenarbeit und angrenzenden Themengebieten mitreden möchten.

Saatgut: Wer die Saat hat, hat das Sagen*
Anja Banzhaf
oekom verlag** 2016
ISBN: 978-3-86581-781-5

* Werbelink zu Amazon
** Rezensionsexemplar vom Verlag erhalten

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Heimische Pflanzen für den Garten (Rezension**)

Cover von Heimische Pflanzen für den Garten mit WerbelinkEndlich hat ein Verlag dieses Trendthema aufgegriffen, denn es liegt vielen Gartenbesitzern und Hobbygärtnern am Herzen. Sie möchten die heimische Flora und Fauna fördern und gleichzeitig einen schönen Garten haben. Gerade in kleinen Gärten ist es aber oft schwierig, eine Vielfalt geeigneter mehrjähriger Pflanzen (Stauden und Gehölze) zustande zu bekommen, weil die heimischen Arten oft einfach zu groß sind. Nun ist beim Ulmer Verlag ein Buch von Elke Schwarzer erschienen, das vielen ein hilfreiches Nachschlagewerk sein wird:

Elke Schwarzer
Heimische Pflanzen für den Garten:
100 Blumen, Sträucher und Bäume für mehr Artenvielfalt
*
Verlag Eugen Ulmer 2016
128 Seiten, broschiert
ISBN 978-3-8001-8455-2

Was mir sehr gut gefällt
Das Buch wird vielen Hobbygärtnern helfen, Stauden und Gehölze für kleine Gärten oder enge Gartenbereiche zu finden, die auch Bienen, Hummeln und Schmetterlingen etwas zu bieten haben.
Man merkt an vielen Stellen deutlich, dass hier jemand eigene Erfahrungen weitergibt. Wie die Autorin in der Einleitung schreibt, kämpft sie selbst seit Jahren mit der Beschränktheit eines kleinen Reihenhausgartens. Mir persönlich gefällt, dass der Ton nicht dogmatisch und die Schreibweise der Autorin auf angenehme Weise unterhaltsam ist.

Kleine Kritikpunkte
Was mir persönlich im Buch ein wenig fehlte, sind

  • Informationen über die Autorin – ich habe aber herausgefunden, dass sie Biologin ist.
  • Mehr Informationen, was mit „heimisch“ normalerweise und hier im Speziellen gemeint ist.
  • Was ist mit Sommerblumen?
  • Da es um geeignete Pflanzen für Bienen, Hummeln, Schmetterlinge usw. geht, wären mehr Informationen hilfreich, wer von diesen im kleinen Garten überhaupt Einzug halten kann und wer von ihnen was genau braucht (je nach Rüssellänge, Futterpflanzen im Larven- und Erwachsenenstadium, wer braucht welche Art Versteck oder Überwinterungsplatz etc.).

Mein Fazit
Das Buch ist auf jeden Fall empfehlenswert. Es ist unterhaltsam geschrieben und enthält eine schöne Auswahl an langlebigen Pflanzenarten und Sortenempfehlungen für kleine Gärten. Es hätte ruhig noch umfangreicher sein können – siehe meine kleinen Kritikpunkte.

* Werbelink
** Der Ulmer-Verlag hat mir auf meinen Wunsch ein kostenloses Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

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Zinnie – erste Blume, die im All blüht

Dass Pflanzen mit der richtigen Technik an jedem Ort auf der Erde kultiviert werden können, zeigen uns manche Ausprägungen des Urban Farmings (urbane Landwirtschaft/Gartenbau), beispielsweise der Anbau in isolierten, umgebauten Frachtcontainern (Containerfarm) oder in fensterlosen Räumen (Pflanzenfabriken) mit künstlichem Licht, in Hydroponik (in wässriger Nährlösung ohne Erde), mit geregelter Temperatur sowie kontrollierter Luft- und Nährlösungszusammensetzung etc.

Zinnie pink

Zinnien gehören zu den Korbblütlern und sind beliebte Zierpflanzen für Gartenbeete und Balkonkästen an sonnig warmen, geschützten Standorten mit gut durchlässigem Boden.

Aber, wie wir in der Schule in Biologie gelernt haben, orientieren sich Pflanzen auch an der Schwerkraft (Gravitation). Auf der Internationalen Raumstation (International Space Station, ISS) wird neben vielem anderen untersucht, was Pflanzen tun, wenn es keine Erdanziehung, sondern nur Mikrogravitation (eine Beinahe-Schwerelosigkeit) gibt – nicht zuletzt, um sehr lang dauernde Expeditionen, beispielsweise zum Mars, sowie eine Besiedelung vorzubereiten bzw. die Möglichkeit zu untersuchen.

Salat und Weizen wurden schon im All auf der ISS angebaut, aber noch nie hat dort eine Blume geblüht. Der amerikanische Astronaut Scott Kelly, der ein Jahr lang auf der ISS sein wird, gab am 16. Januar 2016 auf Twitter bekannt, dass eine orangefarbene Zinnie auf der ISS blüht – im Weltall und ohne Schwerkraft! Hier ist der Tweet samt Bild der ISS-Zinnie zu sehen.

„Die Zinnie ist gegenüber Umweltparametern und Lichtverhältnissen sensibler als Salat“, wird Trent Smith, der Projektmanager der Veggie-Versuchseinrichtung auf der ISS vom Nasa-Blog zitiert. „Die Wachstumsphase dauert 60 bis 80 Tage. Sie ist schwieriger anzubauen und zur Blüte zu bringen, und mit der längeren Wachstumsdauer eignet sie sich als Vorreiter für Tomatenpflanzen.“

Aber die Zinnie hat man nicht nur als Versuchspflanze gewählt, um den Wissenschaftlern neue Erkenntnisse zu ermöglichen, sondern auch, weil Blumen die Stimmung aufhellen können – besonders an isolierten und extremen Orten, wo alles künstlich ist. Einigen Wissenschaftlern gefällt zudem die Beschäftigung mit Pflanzen. Verständlich!

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