Pflanzenschutz – wenn, dann richtig: aus den zugelassenen Mitteln und Wirkstoffen die weniger schädlichen auswählen

Pflanzenschutzmittel sind Mittel, die Haus-, Garten- und Balkonpflanzen sowie von Gärtnern und Landwirten angebaute Pflanzen vor Schäden durch Krankheiten, Schädlingen und anderen „Nahrungskonkurrenten“ bewahren sollen – das können Mittel sein, die auch im Ökologischen Anbau/Bioanbau zugelassen sind, oder solche, die nur im konventionellen Anbau mit Integriertem Pflanzenschutz erlaubt sind. Pflanzenschutzmittel ist ein neutraler Oberbegriff. Manche Wirkstoffe sind chemisch hergestellt, andere aus Pflanzen oder von anderen Lebewesen gewonnen – das sagt nichts über ihre Giftigkeit für Menschen, Tiere oder andere Organismen aus. Manche Pflanzenschutzmittel wirken relativ gezielt gegen einen Schadensverursacher, andere haben ein breites Spektrum, manche sind bienengefährlich, andere gefährden Wasserorganismen – unabhängig davon, ob sie nun chemisch oder biologisch hergestellt wurden. Will man herausfinden, was überhaupt zugelassen ist, will man einen bestimmten Wirkstoff meiden oder will man wissen, was im Ökologischen Anbau zugelassen ist, helfen die Online-Datenbank und weitere Informationen auf der Website vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) weiter.

Grundsätzlich wird man als (Hobby)Gärtner, Urban Gardener oder Selbstversorger versuchen, die Pflanzen in Haus und Garten sowie auf Balkon und Terrasse durch optimale Pflege ohne Pflanzenschutzmittel gesund zu halten – also auf standortgerechte Pflanzenauswahl, geeignete Pflanzenabstände, Bodenpflege (Gründüngung, Kompostkreislauf), fachgerechte Pflanzenpflege (Entblättern, Schnitt, Fallobst beseitigen), Förderung natürlicher Gegenspieler und Ähnliches achten. Auf diese Weise werden Resourcen und Geld gespart, Boden und Pflanzen giftfrei gehalten, die Umwelt entlastet sowie Nützlinge und andere Tiere im Garten geschont.

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Trotzdem können manchmal Krankheiten und Schädlinge auftauchen. Will man also wissen, was gegen eine Krankheit oder Schädling an einer bestimmten Kulturpflanze im Haus- und Kleingarten aktuell zugelassen ist und welche Wirkstoffe, Nebenwirkungen und Auflagen diese Präparate haben, ist die Online-Datenbank vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit eine sehr gute Anlaufstelle. Sie enthält alle zugelassenen Pflanzenschutzmittel, d. h. Mittel, die eine Wirksamkeit bewiesen haben und als Pflanzenschutzmittel zugelassen wurden. Das sind nicht nur die sogenannten „Chemiekeulen“, sondern auch Mittel mit natürlichen oder biologischen Wirkstoffen. Allerdings sollte man sich bewusst sein, dass „natürlich“ nicht gleichbedeutend mit „ungefährlich“ oder „nützlingsschonend“ ist – man denke nur an Nicotin, das zwar ein Insektizid ist, aber wegen der großen Gefährlichkeit für den Anwender seit den 1970er Jahren nicht mehr zugelassen ist.

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Mittel für den Ökologischen Anbau

Wer  wissen möchte, welche Pflanzenschutzmittel im Ökologischen Landbau zugelassen sind, findet auf der Seite Informationen über zugelassene Pflanzenschutzmittel des BVL in der Navigation rechts einen Link Auswahl für den Ökologischen Anbau, der zu einem Dokument mit entsprechenden Listen führt. Will man über die Mittel nähere Informationen, kann man die in der Pflanzenschutz-Online-Datenbank des BVL finden.

So nutzt man die Pflanzenschutz-Online-Datenbank vom Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL)

Beispiel: Sie wollen wissen, welche zugelassenen Mittel es gegen Blattläuse an Paprikapflanzen gibt.

  1. Klicken Sie auf der Eingangsseite der Online-Datenbank des BVL auf Standardsuche
    Pflanzenschutzmittel-Online-Datenbank

    Pflanzenschutzmittel-Online-Datenbank

    Es öffnet sich die Suchmaske der Standardsuche.

    Suchmaske leer

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  2. Füllen Sie ein oder mehrere Felder der Suchmaske aus.
    In unserem Beispiel wählen wir
    bei HuK/alle: Haus- und Kleingarten (Anwendung beim Hobbygärtner),
    bei Einsatzgebiet: Gemüsebau,
    bei Kultur: Fruchtgemüse (weil Paprika nicht zur Auswahl angeboten wird),
    bei Schadorganismus: Blattläuse.
    Die restlichen Felder lassen Sie, wie sie sind.

     

    Suchmaske ausgefüllt

    Suchmaske ausgefüllt

  3. Klicken Sie auf Suchen.
    Es wird eine Tabelle zugelassener Pflanzenschutzmittel für diese Suche, ihre Wirkstoffe und weitere Informationen in alphabetischer Reihenfolge der Handelsnamen angezeigt. Die Tabelle erstreckt sich in diesem Fall über zwei Seiten (in Abbildung nicht sichtbar).

     

    Gesuchte zugelassene Pflanzenschutzmittel

    Gesuchte zugelassene Pflanzenschutzmittel

  4. Schauen Sie auf die Spalte mit den Wirkstoffen
    Beispiel Wirkstoff Azadirachtin (Neem):
    Bayer Garten Bio-Schädlingsfrei Neem, Compo Bio Insekten-frei Neem und Naturen Bio Schädlingsfrei Neem haben Azadirachtin (Neem) als Wirkstoff. Doch so harmlos, wie die Verfechter natürlicher Mittel bei Neem-Präparaten gerne tun, ist der Wirkstoff nicht. Die Gefahrenbezeichnungen und -hinweise sowie die Anwendungsbestimmungen, Auflagen und mehr lassen sich auf einem Produktblatt nachlesen, das sich öffnet, wenn man auf die Handelsbezeichnung, also beispielsweise auf Bayer Garten Bio-Schädlingsfrei Neem klickt.

     

    Pflanzenschutzmittel-Produktblatt

    Pflanzenschutzmittel-Produktblatt

    Der Wirkstoff ist nämlich giftig für Wasserorganismen (langfristige Wirkung) und schädigt Populationen von Marienkäfern, Florfliegen, Schwebfliegen und anderen Nützlingen. Aber wenigstens ist er als bienenungefährlich eingestuft. Und vergleicht man die Hinweise für Neem mit denen von Präparaten auf Basis von Deltamethrin, Pirimicarb oder Thiacloprid, die alle bienengefährlich (!) sind, dann ist das Azadirachtin (Neem) sicher das kleinere Übel.

    Beispiel Wirkstoff Fettsäuren, Kaliumsalze (Kali-Seife)
    Chrysal Blattläuse Stop Pumpspray, Dr. Stähler Blattlausfrei-Spray, Neudosan AF Neu Blattlausfrei und andere haben Kali-Seife als Wirkstoff. Dieser Wirkstoff gegen Insekten und Milben ist laut Produktblatt bei der Konzentration 10,2 g/l Fettsäuren, Kaliumsalze (Kali-Seife) lediglich für Fischnährtiere giftig und sollte daher nicht in Gewässer gelangen. Als Neudosan Neu Blattlausfrei und anderen soll es jedoch auch auf Populationen von Raubmilben (Amblyseius) und Schwebfliegen schädigend wirken. Dieser Wirkstoff ist unter normalen Umständen vergleichsweise harmlos und hat vor allem keine langfristige Giftwirkung, die sich sonst auch auf zuwandernde nützliche Organismen negativ auswirken würde.

    Ähnliches gilt auch für den Wirkstoff Rapsöl, wobei ich persönlich da zunächst einen Verträglichkeitstest an einer Pflanze machen würde, bevor ich einen ganzen Pflanzenbestand mit Rapsöl spritzen würde.

Wenn es nicht anders geht: Das langfristig am wenigsten schädliche Mittel wählen!

Das Mittel meiner Wahl gegen Blattläuse an Chili und Paprika wäre in diesem Fall eines, das Kali-Seife als Wirkstoff enthält, weil es die Blattläuse schädigt, aber auf zuwanderne, zufliegende oder danach eingesetzte Nützlinge nicht mehr schädlich wirkt. Natürlich dürfte das Mittel nicht in ein Gewässer gelangen. Allerdings: Wenn man nur ein paar wenige Pflanzen hat, kann man die Läusenester auch einfach mit den (behandschuhten) Fingern zerdrücken oder mit Wasser abwaschen.

Übrigens sind Kali-Seife, Azadirachtin und auch Rapsöl als Insektizide bei Fruchtgemüse im Öko-Landbau erlaubt!

Der Kauf eines Pflanzenschutzmittels lohnt nur bei einer größeren Anzahl an Pflanzen, bei stacheligen Pflanzen, bei stark verzweigtem Pflanzenaufbau und ähnlichen Problemfällen – und natürlich nur, wenn es keine Alternativen gibt,  und wenn der Zustand der Pflanze überhaupt wichtig ist!

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Apropos giftfreie Alternativen (Beispiele):

gegen tierische Schädlinge
Man sollte vorbeugend Vögel, Igel, Marienkäfer, Florfliegen und andere Nützlinge fördern – die halten Blattläuse und andere Schädlinge in Schach. Gegen Kohl und Möhrenfliegen helfen Insektenschutznetze.  Einzelne Raupen – beispielsweise an Kohl – kann man absammeln,  Raupennester kann man ausschneiden. Besonders im Gewächshaus kann man auch gezielt (gekaufte) Nützlinge einsetzen.

gegen Bakterien- und Pilzkrankheiten
Bodenpflege betreiben (Gründüngung, Kompostausbringung), bedarfsgerecht gießen (nicht zu viel und nicht zu wenig), oberirdische Pflanzenteile trocken halten (hilft beispielsweise gegen Kraut- und Braunfäule bei Tomaten).

gegen „Unkraut“
siehe Unkrautbekämpfung im Gemüsebeet und auf anderen Flächen im Garten

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Tropische Früchte und Fische aus Gewächshaus in Oberfranken

Papayapflanze

Papayapflanze (Melonenbaum)

Dass sich in Deutschland im Gewächshaus auch Papayas, Maracujas, Bananen und Kakao zur Fruchtreife bringen lassen, hat fast jeder an Einzelpflanzen im Botanischen Garten schon beobachten können. Dass sogar größere Erntemengen möglich sind, beweist nun eine Versuchsanlage in Oberfranken.

Dass der Anbau von Tropenpflanzen auch bei uns prinzipiell möglich ist, haben schon viele Gärtner und Hobbygärtner mit Gewächshaus bewiesen. Voraussetzungen: Das Gewächshaus muss hoch genug für die doch relativ hohen Pflanzen sein und die Licht- und Klimabedingungen müssen mittels Technik an die Bedürfnisse der Pflanzen angepasst werden.

Doch jedem Gewächshausbesitzer und Klimaschützer stellen sich beim Gedanken an den Energieverbrauch und die damit verbundenen Energiekosten für den Anbau solch wärmebedürftiger Pflanzen in einem Gewächshaus in unserem Klima die Haare auf.

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Dass Energie kein Problem sein muss, zeigt das Forschungs- und Produktionsgewächshaus in Tettau/Ortsteil Kleintettau in Oberfanken, denn es nutzt die Abwärme der benachbarten Glasfabrik, genauer: die Motorenprozessabwärme des Blockheizkraftwerkes.

Und das ist nicht die einzige Innovation, die in Kleintettau dem gern gesehenen Publikum vorgeführt wird: Der Pflanzenanbau ist mit einer Fischzucht gekoppelt. Durch die Ausscheidungen und Futterreste der Fische reichern sich Nährstoffe im Fischbecken an, dessen Wasser für das Gießen und Düngen der Pflanzen hergenommen wird. Nachgefüllt wird das Fischbecken mit aufgefangenem Regenwasser.

Das Projekt wird mit Mitteln der EU, der Oberfrankenstiftung, des bayerischen Umweltministeriums, der Bayerischen Sparkassenstiftung sowie von HeinzGlas gefördert. Man kann es besuchen (Adresse und Besuchszeiten auf der Homepage) und sich dort informieren und inspirieren lassen.

Pflanzen im Tropenhaus: Annone, Avocado, Banane, Guave, Kaffee, Kakao, Karambole, Litschi, Lulo, Mango, Maracuja, Bergpapaya und Papaya.

Tiere im Tropenhaus: Nilbuntbarsch (Tilapia) – ein wertvoller Speisefisch, Hummeln zur Bestäubung im Gewächshaus

Quellen und weitere Informationen

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Pflanzenzüchtung: Marker gestützte Selektion, genomische Selektion

Die Selektion ist eine alte Züchtungsmethode und von der Natur abgeguckt. Mit neuem Wissen über die genetischen Grundlagen von Eigenschaften kann die Selektionszüchtung verbessert werden. Angewendet werden können dann die Marker gestützte Selektion und die genomische Selektion.

Sonnenblumen sind wichtige Öllieferanten.

Die Sonnenblume ist eine wichtige Nutzpflanze, die im Projekt Sunrise erforscht wird, um die genomische Selektion zu ermöglichen.

Die klassische Pflanzenzüchtung bewertet anhand des Erscheinungsbildes (phänotypische Merkmale) das Vorhandensein von gewünschten Eigenschaften. Die klassische Züchtung kostet viel Zeit, weil man über mehrere Selektionsstufen die Pflanzen bis zur Saatgutreife kommen lassen und sie hinsichtlich gewünschter Eigenschaften in den wichtigen Entwicklungsstadien messen und bewerten muss.

Molekulare Marker sind kurze DNA-Abschnitte, deren Lage man im Genom kennt und von denen man weiß, an welche Eigenschaften sie gekoppelt sind. Das Gen selbst befindet sich in der Nähe des Markers.

Bei der Selektion anhand molekularer Marker genügen kleinste Mengen Blattgewebe eines Keimlings, um zu überprüfen, ob ein gewünschtes Gen bei dieser Pflanze vorhanden ist. Sind die Marker einmal identifiziert, was allerdings sehr aufwendig ist, ist die markergestützte Züchtung einfacher und schneller als die klassische Züchtung. Molekulare Marker helfen außerdem dabei, Sorten zu identifizieren und Abstammungsverhältnisse zu bestimmen. Von den wichtigsten Nutzpflanzen gibt es bereits Gen-Karten, in denen die Kopplungen zwischen Markern und Eigenschaften eingetragen sind.

Komplexe Eigenschaften wie Ertrag, Qualität und Widerstandsfähigkeit sind allerdings nicht nur von einem Gen abhängig und damit an nur einen Marker gekoppelt, sondern von vielen – weshalb man sie polygene Merkmale nennt. Bei diesen sind weitere Studien nötig, beispielsweise eine Assoziationskartierung (Zuordnung phänotypischer und genetischer Merkmale) oder eine Quantitative-Trait-Loci-Kartierung (Identifizierung von Chromosomenabschnitten mit einem Einfluss auf die Ausprägung solcher Merkmale). Die Selektionszüchtung mithilfe dieser Ergebnisse wird genomische Selektion genannt – eine Weiterentwicklung der Marker gestützten Selektion.

Beispiel Sonnenblumenzüchtung

Die Sonnenblume ist ein wichtiger Öllieferant. Das PLANT-2030-Projekt Sunrise untersucht die molekularen und genetischen Grundlagen, um neue Züchtungsmethoden wie die genomische Selektion für Merkmale wie Ertrag und Widerstandsfähigkeit zu ermöglichen.

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Endspiel. Wie wir das Schicksal der tropischen Wälder noch wenden können (Rezension)

Claude Martin, promovierter Biologe und langjähriger Generaldirektor des World Wide Fund For Nature (WWF) International liefert im 34. Bericht an den Club of Rome, „Endspiel. Wie wir das Schicksal der tropischen Wälder noch wenden können“, zusammen mit weiteren Tropenwaldexperten, einen differenzierten Zustandsbericht über die tropischen Regenwälder der Welt: Gehen die tropischen Regenwälder verloren, verlieren wir nicht nur diese einzigartigen Ökosysteme mit ihrem Artenreichtum und ihrer Genvielfalt, sondern auch das Ökoleistungssystem „tropischer Regenwald“ mit seiner Wirkung als Treibhausgas- und Wasserspeicher und damit Klima-Stabilisator. Einerseits beschleunigt der Rückgang der tropischen Regenwälder den Klimawandel, andererseits treibt der Klimawandel den Verlust des tropischen Regenwaldes an. Martin schließt seinen Bericht mit einen Maßnahmenkatalog, mit dem ein weiterer Verlust der Regenwälder und die unkalkulierbaren Folgen für das Klima noch aufzuhalten sein könnten. Absolut lesenswert!

Am 21. Juli 1969 betraten die ersten Menschen den Mond, da sollte man annehmen, dass wir im 20. Jahrhundert auch schon wussten, was bei uns auf der Erde los ist. Doch weit gefehlt. Im 34. Bericht an den Club of Rome „Endspiel. Wie wir das Schicksal der tropischen Wälder noch wenden können“, erschienen dieser Tage im oekom-Verlag, beschreibt Claude Martin, wie schwierig es bis vor kurzem war, überhaupt verlässliche standardisierte Daten zum tropischen Regenwald zu finden, um seine Entwicklung systematisch analysieren zu können. Die betroffenen Länderregierungen waren überfordert oder unwillig und auch die Wissenschaft war noch nicht so weit – es gab beispielsweise keine dauerhafte einheitliche Klassifizierung von Wäldern und tropischen Regenwäldern. Erst mit der Fernerkundung wurde die Situation besser und die Entwicklung messbar. Außerdem gibt es jetzt keine Möglichkeiten der Vertuschung oder für Ausreden mehr.

Abholzung und Nutzung gibt es schon lange durch die indigene Bevölkerung, doch waren die wenigen Menschen nur mit Macheten und Äxten bewaffnet – die kleinen Lücken ihres Wanderfeldbaus konnte der Regenwald aus sich selbst heraus wieder schließen. Was aber jetzt passiert, kann der tropische Regenwald nicht überwinden: die großflächige Abholzung mit Bulldozern und Kettensägen für den Anbau von Palmöl und Soja und für den Abbau von Bodenschätzen. Aber auch die selektive Abholzung der Edelhölzer schadet dem Wald, wenn sie nicht mit den Prinzipien nachhaltiger Forstwirtschaft einhergeht, denn wenn beispielsweise viele Transportstraßen den Wald zerteilen, verliert der seine Regenerationskraft und wird in Folge dann oft genug auch für landwirtschaftliche Zwecke gerodet. So geht Stück um Stück tropischer Regenwald verloren und neue Flächen kommen kaum hinzu.

Der Kampf um die Landnutzung ist ein Kampf verschiedener Interessen: Während sich Umwelt- und Klimaschützer für den Erhalt der tropischen Regenwälder einsetzen, üben Energie-, Bergbau- und Agrarindustrie Druck auf Regierungen wie beispielsweise die in Brasilien aus, die vorbildlich Schutzgebiete ausgewiesen hatte.

Noch haben wir die Chance, die Reste des Regenwaldes zu erhalten, so Martin. Doch reicht es nicht, als Umweltschützer Lärm zu machen und zu hoffen, dass die Food and Agriculture Organization of the United Nations (FAO) es dann schon richten wird – die FAO ist zu langsam und die Findung des kleinsten gemeinsamen Nenners für die engagierteren Teilnehmer zu frustrierend. Besser ist es, auf allen Ebenen aktiv zu werden, beispielsweise Führungspersonen mit Visionen und Durchsetzungsvermögen für den Erhalt des Regenwaldes zu gewinnen, Allianzen zu schließen und Verbraucher aufzuklären. Ökonomen lassen sich mit dem ökonomischen Wert ökologischer Systeme überzeugen, das Thema ernst zu nehmen – auch wenn das nur eine von mehreren wichtigen Perspektiven auf die Dinge und manchem Umweltschützer erst einmal unangenehm ist.

Ansatzpunkte für Regierungen sind verbindliche Landnutzungspläne sowie dafür zu sorgen, dass Waldflächen nicht durch Straßenbau zerteilt werden. Wichtig sind auch die Verfolgung des illegalen Holzabbaus, die Pflicht zur nachhaltigen Forstwirtschaft (FSC-Zertifizierung), der Kampf gegen Korruption, die Schaffung und Anwendung von Strafrechtssystemen, der Schutz der indigenen Territorien vor illegalen Eindringlingen (weil die Ureinwohner ihre Gebiete erfahrungsgemäß ebenso gut erhalten wie als Schutzgebiet ausgewiesene Regionen). Aber auch die internationale Gemeinschaft sollte sich einsetzen, beispielsweise mit Vorschriften für den Palmölanbau.

Es steht nicht gut für die tropischen Regenwälder, manche Errungenschaft der letzten Jahre steht schon wieder auf der Kippe. Aber die Situation ist nicht aussichtslos. Es muss entschlossen gehandelt werden. Jetzt. Global. Und alle sind gefragt, mitzuwirken: die internationale Gemeinschaft, Regierungen, Wissenschaftler, Umweltschützer, Klimaschützer, Unternehmen und Verbraucher.

Über das Buch

Das Buch enthält ein Vorwort von Harald Lesch, Physiker und Wissenschaftsjournalist, sowie ein Geleitwort von Anders Wijkman und Ernst Ulrich von Weizsäcker, Präsidenten des Club of Rome. Der Text des Autors wird ergänzt durch zahlreiche Beiträge von Tropenwaldexperten, Abbildungen, Fotos sowie Expertenmeinungen. Es schließt es mit Handlungsempfehlungen für die Zukunft, einem Schlusswort, Quellen, verschiedenen anderen Anhängen und einem Glossar.

Endspiel: Wie wir das Schicksal der Tropischen Regenwälder noch wenden können*
Claude Martin
oekom verlag, München
Printausgabe: gebundenes Buch
320 Seiten 22.95 Euro (D)
ISBN 3865817084
Auch als E-Book erhältlich.

Mein persönliches Fazit zum Buch: Engagiert, informativ, differenziert. Sehr lesenswert!

Von den Schwierigkeiten überhaupt verlässliche und vergleichbare Daten zu erhalten, um Entwicklungen beobachten und bewerten zu können, bis zum heutigen Zustand der tropischen Regenwälder in Amerika, Asien und Afrika – man lernt viel beim Lesen, vor allem, dass man genau hinschauen muss. Wodurch kommt die Entwaldung zustande, wer sind die Akteure? Was wurde schon versucht, und was hat es gebracht? Die Antworten unterscheiden sich von Erdteil zu Erdteil, von Land zu Land, von Fall zu Fall.

Ein Buch für alle, die mitreden können wollen!

Erläuterungen
Der Club of Rome ist eine gemeinnützige Organisation und setzt sich für eine nachhaltige Zukunft der Menschheit ein. Der 1. Bericht des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“, eine von ihm beauftragte Studie, erschien 1972 und versuchte zum ersten Mal die Zukunft der Welt im Rahmen verschiedener Szenarien vorherzusagen.

Der WWF ist eine der größten Umweltschutzorganisationen der Welt. Er setzt sich ein für Umweltschutz und den Erhalt der biologischen Vielfalt.

* Bild und gekennzeichneter Link sind Werbelinks

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