Urbane Landwirtschaft – was bringt’s?

Weltweit ziehen die Menschen zunehmend vom Land in die Stadt, bis 2050 sollen über 65 Prozent der Menschen in Städten wohnen. Am stärksten ist dieser Trend in den Entwicklungsländern, wobei dort dann besonders viele Menschen in Slums leben.

Salat und Kräuter im Topf

Platz ist auf der kleinsten Scholle: Salat und Kräuter im Topf

Dass für die Ernährung der Menschen in der Stadt die urbane Landwirtschaft (Urban Gardening, Urban Horticulture, Urban Farming etc.) schon jetzt eine wichtige Rolle spielt, zeigen die von der Food and Agriculture Organisation (FAO) der Vereinten Nationen veröffentlichten Zahlen.

Laut FAO sind etwa 800 Millionen Menschen weltweit „städtische Landwirte„. Sie bauen Gemüse, Kräuter, Pilze und Obst an, betreiben Viehzucht, Fischzucht und Ähnliches mehr – ein Viertel davon für den Verkauf. Das Worldwatch Institute gibt an, dass durch sie 15 bis 20 Prozent der Welt-Nahrungsmittel erzeugt werden.

Was nicht für den eigenen Verzehr produziert wird, wird über Wochenmärkte, Gemüseläden, Supermärkte mit einem regionalen Sortiment, direkt an Restaurants oder über Lieferabonnements im Rahmen von Community Supported Agricultere (CSA) verkauft.

Zwar haben Gärtner/Selbstversorger auf kleinem Raum im Vergleich zur industriellen Landwirtschaft einen höheren Arbeitsaufwand und damit Arbeitskosten, aber auch einen höheren Ertrag pro Flächeneinheit, außerdem niedrigere Transport- und Kühlungskosten und sie müssen nichts an Großhändler oder andere Verteilungsstrukturen zum Endverbraucher abgeben. Durch die Nähe zum Konsumenten – beispielsweise bei einem Verkaufsstand auf dem Wochenmarkt – haben sie ihr Ohr nahe am Kunden, können sie Fragen beantworten und Vertrauen schaffen.

Urbane Landwirtschaft kann nicht nur die Versorgung der Stadtbewohner mit frischen Lebensmitteln verbessern, Arbeitsplätze und Einkommen schaffen, Gemeinschaften aufbauen und die zwischenmenschliche Kommunikation verbessern, sondern auch Kindern und Jugendlichen Wichtiges über Ernährung, Anbau, Planung etc. lehren und Werte vermitteln, das Recycling von Materialien und Abfällen ankurbeln, Städte verschönern und das Stadtklima verbessern.

Aus all diesen Gründen verdient das Thema noch mehr Aufmerksamkeit und Förderung durch die Politik – und zwar nicht nur Mega-Technikprojekte wie Pflanzenfabriken, mit denen teure Produkte für Zahlungskräftige produziert werden, sondern durch die Unterstützung von kleinen Einzelpersonen-, Familien- und Gemeinschaftsp rojekten, die auch noch etwas produzieren, wenn mal drei Tage lang der Strom ausfällt.

Hier ein Beispiel, welche Vielfalt und welche Mengen man auf kleinem Raum produzieren kann – da bleibt jede Menge für den Verkauf und damit für ein Zusatzeinkommen übrig: Urban Agroecoloy: 6,000 lbs of food on 1/10th acre – Urban Homestead – Urban Permaculture (FoodAbundance, YouTube)

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Hydroponik

Beim Anbau im Boden hängt der Erfolg des Gärtners stark von der Qualität seines Bodens ab. Nicht nur die Pflanzen, auch der Boden braucht Pflege und Unterstützung durch die richtige Anbaustrategie (Förderung des Bodenlebens, Einbringung organischer Substanz, Mischkultur, Fruchtwechsel, Gründüngung und so weiter), damit er die Pflanzen gut versorgt und fruchtbar bleibt. Nicht so bei Hydroponik – da spielt der Boden keine Rolle. Was ist Hydroponik und wie nachhaltig ist das?

Hydroponik und Hydrokultur sind Pflanzenanbauverfahren ohne Boden und auch ohne Pflanzenerde (bzw. Mischungen aus Torf, Grüngutkompost, Rindenkompost und anderen Materialien). Die Pflanzenwurzeln befinden sich bei der Hydroponik/Hydrokultur statt dessen in Steinwolle, Blähton oder ähnlichem unbelebten Material oder sind ganz ohne Substrat. Die Nährstoffe werden von den Wurzeln aus einer Nährlösung bezogen.

Hydroponik und Hydrokultur

Laut Wikipedia sind Hydroponik und Hydrokultur Synonyme, aber meist wird bei der Zimmerpflanzenhaltung ohne Erde von Hydrokultur gesprochen und bei der Kultur von Gemüse ohne Erde, beispielsweise beim Tomatenanbau im großen Stil im Gewächshaus, beim Urban Gardening auf Dächern oder beim Anbausystem Pflanzenfabrik von Hydroponik.

Zimmerpflanze in Hydrokultur mit Kulturtopf, Übertopf und Wasserstandsanzeiger

Zimmerpflanze in Hydrokultur mit Blähton im Kulturtopf, Übertopf und Wasserstandsanzeiger

Bei der Hydrokultur von Zimmerpflanzen finden die Wurzeln in Töpfen mit Blähton Halt – diese Kulturtöpfe wiederum stehen in wasserdichten Übertöpfen (beim Endverbraucher) oder in einem Tischbecken (Verkaufsräume beim Gärtner, Gartencenter, Baumarkt) in wenige Zentimeter hohem Wasser. Ein Wasserstandsanzeiger zeigt an, wann wieder Wasser nachgefüllt werden muss (erst wenn der Zeiger bei Minimum steht) und wie viel. Gedüngt wird mit einem speziellen Hydrokulturdünger, meist ein Ionenaustauscher-Granulat. Auch während der Anzucht beim Gärtner stehen die Zimmerpflanzen mit ihren Kulturtöpfen in einem Tischbecken. Bewässert wird dort meist per Anstaubewässerungsverfahren/Ebbe-Flut-Verfahren: Die Wannen werden mehrmals pro Tag für eine bestimmte Zeit und in bestimmter Höhe – abhängig von der Topfgröße – geflutet, dann wird das Wasser abgelassen, aufgefangen und wieder aufbereitet bis zur nächsten Flut.

Bei Hydroponik befinden sich die Wurzeln von Salat, Tomaten oder anderen Pflanzen in Steinwollwürfeln oder Ähnlichem oder sind nackt ganz ohne Substrat und stehen/hängen in Rinnen mit zirkulierender Nährstofflösung. Die Nährstofflösung besteht aus Wasser, pflanzenverfügbaren, leicht löslichen mineralischen Nährstoffen und Sauerstoff. Damit die Pflanzen optimal wachsen, wird die Nährstofflösung ständig auf ihren Gehalt an Nährstoffen und Sauerstoff geprüft und entsprechend eingestellt. Die häufigst Art der Hydroponik-Rinnenkultur ist die Nährlösungsfilm-Technik (Nutrient Film Technique, NFT), bei der die Nährlösung in niedriger Höhe ständig zirkuliert.

Vorteile von Hydroponik/Hydrokultur

Der Pflanzenanbau in Hydroponik ist unabhängig vom Boden. Das ist hilfreich, wenn kein Boden vorhanden ist (Dächer, Pflanzenfabriken) oder wenn der vorhandene Boden nicht genutzt werden kann (z. B. wegen Krankheiten im Boden, Bodenversalzung und Ähnlichem).

Man kann die Düngung dank mineralischem Dünger und mehr oder weniger hohem Technikaufwand genau regulieren und dem Entwicklungsstadium der Pflanze anpassen (Wachstumphase: stickstoffbetonte Düngung; ab Blüte: mehr Phosphor, Kalium und Magnesium). Die Nährlösung bleibt im Kreislauf („geschlossenes System“), Nährstoffe gelangen nicht in den Boden und somit auch nicht in das Trinkwasser.

Beispiel für einen selbst gebastelten platzsparenden Hydroponik-Turm: DIY Hydroponic Garden Tower (FoodAbundance bei YouTube)

 

Hydroponik/Hydrokultur lässt sich auch mit einer Fischzucht (Fisch-Aquakultur: Tilapia-Buntbarsche, Bachforelle, Regenbogenforelle) kombinieren. Diese Kombination nennt sich Aquaponik. In dem Fall wird die Nährlösung nicht aus Wasser und künstlichem Mineraldünger hergestellt, sondern das Wasser aus dem Fischtank mit den Ausscheidungen der Fische wird als Nährlösung verwendet und Bakterien, die am Blähton oder anderem Substrat sowie auch im Fischtank sitzen, wandeln die Ausscheidungen in pflanzenverfügbaren Dünger um. Dies ist dann im Prinzip eine Form von „organischer-“ Hydroponik (organic hydroponics). An der wird auch in Japan geforscht: Verwendung von organischem Dünger für die Hydroponik unter Zuhilfename von Mikroorganismen, die die organisch-gebundenen Nährstoffe in die pflanzenaufnehmbare Mineralform überführen.

Aquaponics (Purdue University bei YouTube)

 

Nachteile von Hydroponik/Hydrokultur

Gedüngt wird bei der normalen Hydroponik mit teurem, künstlich unter Energieaufwand hergestelltem mineralischen Dünger (Ausnahme Aquaponik bzw. die meines Wissens noch nicht ausgereifte organische Hydroponik). Deshalb gibt es auch kein Biosiegel, denn zum biologischen Anbau gehört laut
EU-Rechtsvorschriften für den ökologischen Landbau (BMEL) der Verzicht auf mineralische Stickstoffdünger.

Auch die Steinwolle für die Steinwollwürfel oder die Trays (Tabletts aus Kunststoff) mit Steinwollwürfeln/Steinwollzylindern werden mit hohem Energieeinsatz erzeugt und nach einmaligem Gebrauch entsorgt.

Bei der normalen Hydroponik/Hydrokultur gibt keinen Stoffkreislauf wie im normalen organischen Anbau, wo Pflanzenabfälle kompostiert und dann als fertiger Kompost (= organischer Dünger und Bodenverbesserungsmittel) zurück in den Pflanzenanbau-Kreislauf gebracht werden.

Da kein Boden da ist, gibt es auch (fast) keinen Puffer, der einen Fehler wie Überdüngung oder Unterdüngung mit einem oder allen Nährstoffen, einen falschen pH-Wert oder eine zu hohe Nährstoffkonzentration ausgleicht.

Nachteilig ist auch der hohe Material- und Technikaufwand: Bewässerungsrinnen, Kontrolle und Automatisierung der Nährlösungszusammensetzung.

 

 

 

Meine Meinung

Wo die Erschließung verbrauchernaher Anbauflächen auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten (Berechnung des CO2-Fussabdrucks der gesamten Wertschöpfungskette von der Rinnen-, Steinwoll- und Düngerproduktion bis zum Produkt beim Verbraucher) sinnvoll ist, finde ich Hydroponik eine gute Sache. Was mir allerdings Magendrücken verursacht, ist die allgemeine Umstellung von Tomaten-, Gurken- und Paprikaanbau in Gewächshäusern – auch auf dem Land – auf Hydroponik: Der Boden, den ich als wertvolles Gut zu achten gelernt habe, wird unter Beton und Planen vergraben, darüber kilometerweit Tomaten in Rinnen mit Nährstofflösung. Ich finde zwar gut, dass in diesen Gewächshäusern meist mit biologischem Pflanzenschutz (Nützlingseinsatz) Schädlinge wie Blattläuse, Weiße Fliege und Spinnmilbe bekämpft werden, aber trotzdem – was ist mit dem Bodenleben und dem Humus als CO2-Speicher? Und wie ist die innere Qualität der geernteten Tomaten (Vitamine, sekundäre Pflanzenstoffe etc.) im Vergleich zu Tomaten, die in einem guten Boden angebaut wurden? Darauf habe ich noch keine zufriedenstellenden Antworten gefunden.

Wie ist Ihre/eure Meinung zu dem Thema Hydroponik? Wer kennt End-to-End-Nachhaltigkeitsberechnungen und Untersuchungen zu den Inhaltsstoffen im Endprodukt im Vergleich zu erdeloser Kultur?

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Ergebnisse der Hobbygärtner-Befragung 2014

Abschluss der Umfrage zu den Einkaufskriterien von Hobbygärtnern und Urban Gardenern.

Im Juli 2014 habe ich eine kleine Online-Umfrage zu Einkaufskriterien und -gewohnheiten unter (Hobby)gärtnern und Urban Gardener gestartet. Ich habe gezögert, die Ergebnisse zu veröffentlichen, weil die Umfrage mit nur 62, ausschließlich Online-Teilnehmern, nicht repräsentativ ist. Aber andererseits sind die Ergebnisse doch recht interessant und die TeilnehmerInnen haben für ihre Mühe auch ein Ergebnis verdient, weshalb ich die Auswertung nicht vorenthalten möchte.

Die Befragung wurde mit Hilfe von Surveymonkey erstellt und ausgewertet.

Hier die Fragen und Antworten:

Wo beziehen Sie die folgenden Gartenbau- und Hilfsprodukte?
(Bitte alles Zutreffende ankreuzen)

Hobbygärtner Einkaufskriterien

(Zur Ansicht aufs Bild klicken.)

Erstaunlich finde ich, dass ein großer Prozentsatz der Teilnehmer Samen nicht nur von Gemüsen und Kräutern, sondern auch von Blumen, Stauden und Zimmerpflanzen selbst gewinnt. Gleichzeitig ist der Gärtner im Internet als Saatgutlieferant sehr wichtig geworden – vermutlich wegen der genauen Sortenvorstellungen, die man heutzutage hat. Gemüsejungpflanzen werden dagegen am liebsten beim regionalen Gärtner gekauft.
Interessant auch, wie viele der Teilnehmer Saatgut, Jungpflanzen, Kräuter und auch Stauden tauschen.

Was ist Ihnen am wichtigsten beim Einkaufen? (Bitte je Zeile maximal 5 Kriterien auswählen – die allerwichtigsten, bei denen Sie nach Möglichkeit keine Abstriche machen)

Hobbygärtner-Einkaufskriterien 2

(Zur Ansicht auf das Bild klicken)

Viele der Teilnehmer haben sehr genaue Vorstellungen, welche Sorten sie möchten, und wollen diesen Wunsch auch erfüllt haben. Ebenfalls sehr wichtig ist vielen, dass Gemüse-/Kräutersamen, Gemüse-Jungpflanzen sowie Kräuter aus ökologischem Anbau stammen. Sie legen außerdem Wert auf samenechte Sorten, wollen keine Hybridsorten. Sehr vielen Teilnehmern ist zudem wichtig, dass ihre Beet- und Balkonblumen sowie ihre Stauden gut für Bienen und Nützlinge sind. Ein möglichst niedriger Preis kann im Vergleich nur wenig punkten.

Welche Pflanz-/Blumenerde kaufen Sie?

Hobbygärtner-Einkaufskriterien 3

(Zur Ansicht auf das Bild klicken)

Beim Kauf von Pflanzerde greifen die meisten auf bewährte Marken zurück, immerhin 34 Prozent gaben an, Pflanzenerde ohne Torf zu bevorzugen. Viele mischen ihre Erde auch selbst. Zertifizierungen von Biolandbau, Bio oder Öko im Namen scheint den meisten nicht so wichtig zu sein.

Die Teilnehmer
79 Prozent der Teilnehmer gaben an weiblich, 17, 4 Prozent männlich zu sein. Die Altersgruppe 40 bis 49 war mit 40,32 Prozent mit Abstand die größte, gefolgt von den 50- bis 59-Jährigen mit 24,19 Prozent und den 20- bis 29-Jährigen bei 11,29 Prozent.

Zu diesen Gruppen ordneten sich die Teilnehmer zu:

Hobbygärtner-Einkaufskriterien Gruppen

(Zur Ansicht auf das Bild klicken)

(Erklärung: Auch jemand vom Fach kann in seiner Freizeit „Hobbygärtner“ sein.)

Wünsche und Kommentare der Teilnehmer

Die Teilnehmer konnten am Ende der Umfrage Kommentare und Wünsche äußern:

„Mehr alte und viele unterschiedliche Gemüsesorten bei regionalen Gärtnern“

„Ich will Sorten, die gut schmecken und gut riechen, Aussehen und Ertrag zweitrangig, Blumen möglichst ungefüllt, keine bunten Mischungen.“

„Nervengiftfreie Regionen überall! No Pesticides!“

„Antworten konnten nicht immer eindeutig zugeordnet werden. Stauden zB kaufe ich fast ausschließlich bei Staudengärtnern, dafür fahre ich auch manchmal eine ganze Strecke ( also nicht regional). Erde beziehe ich zu großen Teilen aus dem hiesigen Kompostwerk. Zählen Rosen zu den Zierghölzen? dann wäre die Antwort per Internet und gewünschte Sorte.“

„Genauere Angaben auf z. B. Samenpackungen über Herkunft, Kreuzungen usw. wären schön. So kann ich nur mutmaßen, dass ich Monsanto-Kram in den Händen halte.“

„Samen kaufe ich auch bei Manufactum (im Laden) oder im Bioladen.“

Ich möchte mich bei allen Teilnehmern herzlich fürs Mitmachen bedanken!

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Machen Pflanzenfabriken Sinn?

Neue Technologien und Industriezweige stellen sich gerne als einzig mögliche Lösung eines Menschheitsproblems dar: Monsanto & Co. wollen uns grüne Gentechnik als Mittel gegen den Hunger in der Welt verkaufen und auch der Hype um Indoor und Vertical Farming gründet sich darauf, dass städtische „Pflanzenfabriken“ in Zukunft wesentlich zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung vor allem der Menschen in den Städten beitragen könnten. Was an den Behauptungen ist wirklich wahr, und wo werden nur Geschäftsmodelle öffentlichkeitswirksam platziert, um Aufmerksamkeit, Forschungsgelder und/oder Auftraggeber zu erhalten?

Indoor Farming/Vertical Farming ist  „in“ – Zeitschriften und Newsletter sind voll davon. Gemeint ist mit Indoor Farming in der Regel die Pflanzenproduktion in Gebäuden – moderne Häuser oder alte, leer stehende Fabriken und Lagerhallen. Die Pflanzen stehen darin in mehrstöckigen Regalen mit Kunstlicht übereinander (vertical farming), ihre Wurzeln werden von Nährlösung umspült, die Luftzusammensetzung, Temperatur und Luftfeuchte werden automatisch geregelt. Um diese „Pflanzenfabriken“ hat sich ein regelrechter Hype entwickelt, aber können sie erfüllen, was die Technikzulieferer versprechen? Leider liest man zwar viel von der Begeisterung über die technische Machbarkeit, aber wenig über die ökologische und ökonomische Bewertung solcher Projekte.

Michael Hamm, Professor für Nachhaltige Landwirtschaft und Leiter des Zentrums für regionale Ernährungssysteme an der Michigan State University in den USA, schreibt in einem Artikel im The Guardian, dass es zwar äußerst wichtig für die Ernährungssicherheit sei, Städtebewohner in Zukunft stärker nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit mit Lebensmittel zu versorgen, aber dass Zeit, Ressourcen und Geld in anderes als Pflanzenfabriken besser investiert werden könnten.

Seine Kritik unterlegt er mit Zahlen, die Dr. Louis Albright, Professor für Bio- und Umwelttechnologie an der Cornell Universität im Ruhestand, für ein Seminar aufbereitet hatte, und weiteren Überlegungen.

Albright hatte in seinem Seminar bereits gewarnt, dass sich die Behauptungen der neuen Industrie als leere Versprechungen herausstellen könnten und dass die städtischen Pflanzenfabriken mit ihrer auf Kunstlicht basierten Fotosynthese wegen des hohen Energieverbrauchs nicht nur teurer sind als herkömmliche Pflanzenproduktion am Stadtrand, sondern auch einen negativen Einfluss auf die Umwelt haben könnten (hoher CO2-Fussabdruck, unvereinbar mit manchen Formen von erneuerbarer Energie etc.). Er hatte einige Berechnungen für Weizen, Tomaten und Salat stellvertretend für die ganze Bandbreite an Nahrungspflanzen angestellt und sprach von „Des Gartenbaus neue Kleider“ in Anlehnung an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“.
Skyscraper Farms and Abondoned Warehouses, Cornell Horticulture (YouTube)

Würde man den Weizen für den Brotbedarf einer Stadt wie New York City mit einer Bevölkerung von 8,6 Millionen Menschen, von denen jeder im Durchschnitt 24 kg Brot pro Jahr isst, in der Stadt anbauen, bräuchte man dazu alleine schon drei Empire State Buildings. Alleine die Kosten für die künstliche Belichtung würden 11 US-$ pro Brotlaib ausmachen.
Da jeder US-Bürger jährlich etwa 8,2 kg Tomaten verzehrt und die Erzeugung eines Kilogramms Tomaten in der Pflanzenfabrik 8,7 kg CO2 kostet, würde die Tomatenproduktion für die New Yorker Bürger so viel CO2 kosten wie 264.000 durchschnittliche Autos es pro Jahr tun.
Bei Salat käme man auf Kosten alleine für die künstliche Belichtung von 0,10 US-Dollar pro Salatkopf. Laut einer Studie von 2008 verursacht der Transport von Kopfsalat quer durch die USA nach New York zum dortigen Verzehr etwa 0,70 kg CO2 pro kg Kopfsalat. Nach Albright’s Berechnungen verursacht die Salatproduktion bei künstlicher Belichtung 3,95 kg CO2 pro kg Kopfsalat – mehr als fünfmal so viel nur für die Belichtung.

Nachhaltiger und anpassungsfähiger, als es das System Pflanzenfabrik mit künstlichem Licht ist, seien in den Industrieländern Systeme, die die Sonne direkt nutzen und trotzdem möglichst nah oder näher am Verbraucher als Importe sind, so Hamm: unbeheizte Gewächshäuser und Folientunnel zur Ernteverfrühung und –verlängerung, beheizte Gewächshäuser mit Zusatzlicht für die Ganzjahresproduktion – am Stadrand sowie in der Stadt auf ungenutzten Flächen und auf Dächern.

Woher kommt der Hype um die Pflanzenfabriken?
Begonnen hat der aktuelle Hype damit, dass einerseits krisengeplagte japanische Elektronikkonzerne wie Fujitsu, Toshiba, Sharp und Panasonic Wege zum Überleben ihrer Technologien und ihrer Unternehmen brauchten. Sie wandelten ihre brachliegenden Fabriken bzw. deren Reinräume in in jeder Hinsicht kontrollierbare Pflanzenfabriken um – nicht nur in Japan, sondern sie bauten Pflanzenfabriken beispielsweise auch in Singapur oder Dubai.

Andererseits gab es in Japan bei frischem Gemüse und Kräutern Vorbehalte gegen chinesische Importe, dass sie zu stark mit Pestiziden belastet sein könnten.

Ein Katalysator dürfte auf jeden Fall gewesen sein, dass vor allem in den japanischen Präfekturen Fukushima und Ibaraki die Böden nach der schweren Nuklearkatastrophe im März 2011 radioaktiv verseucht waren bzw. noch sind. Mit den Pflanzenfabriken kann man nun zeigen, dass Pflanzenproduktion überall und damit Nahrungsversorgung aus eigenem Anbau möglich ist und schuf so ein exportierbares Pflanzenproduktionsverfahren. Und natürlich sorgen nicht nur die Betreiber und Universitäten, sondern auch die technischen Ausstatter wie die Lichtindustrieunternehmen aus aller Welt dafür, dass das Thema oft in den Medien platziert wird.

Aber die Idee zum Vertical Farming ist schon älter. Als Pionier gilt Othmar Ruthner, ein Wiener Erfinder und Maschinenbau-Ingenieur. Vorangetrieben wurde die Idee unter anderem von Dickson Despommier, Professor für Umweltgesundheit und Mikrobiologie an der Columbia Universität in New York City, Ende des
20. Jahrhunderts.

Schon 2005 berichtet web-japan.org von Reis- und Gemüseanbau mit künstlichem Licht unter einem Gebäude in einem Tokioter Business District sowie von 15 Pflanzenfabriken in Stadtrandgebieten. Inzwischen hat Japan über 170 Pflanzenfabriken, in denen überwiegend niedrige und schnell wachsende Kräuter, Greens und Arzneipflanzen angebaut werden, da bei ihnen die Energiekosten für die künstliche Belichtung weniger ins Gewicht fallen.

Inzwischen gibt es weltweit viele Vertical-Farming-Projekte. Man muss allerdings unterscheiden, ob die jeweiligen Räumlichkeiten völlig ohne natürliches Licht sind (fensterlose Lagerhäuser, Fabriken, Keller, Schächte, Bunker etc.), in denen die Pflanzen alleine mit Kunstlicht belichtet werden müssen, oder ob es sich um Konstruktionen („Turmgewächshäuser“) handelt, die möglichst viel des natürlichen Sonnenlichts nutzen und zusätzliches künstliches Licht die Bedingungen nur verbessert.

Mein persönliches Fazit:
Mehr Technologie ist nicht grundsätzlich falsch, aber sie ist auch nicht grundsätzlich die Lösung – vor allem, wenn sie nicht nachhaltig, klimafreundlich und umweltverträglich ist.

Für manche technische Machbarkeit kann ich mich zwar auch begeistern und Pflanzenfabriken mit ausschließlich künstlichem Fotosyntheselicht haben mancherorts möglicherweise ihren Sinn – für Menschen auf dem Mars, falls man die für sinnvoll hält -, doch einen Hype um Pflanzenfabriken in fensterlosen Räumen als Mittel für eine nachhaltige Versorgung mit frischen Lebensmitteln für Stadtbewohner oder gar als Lösung für den Hunger auf der Welt zu machen, ist meiner Ansicht nach nicht gerechtfertigt. Solche Pflanzenfabriken können bei den aktuellen Gegebenheiten andere Maßnahmen und Systeme im besten Fall punktuell ergänzen – unter Abwägung jeweils des Nutzen auf der einen Seite und der Kosten und Umweltbelastung auf der anderen Seite – unter anderem die Art der Energie, die für die Herstellung der Ausstattung sowie für den Betrieb eingesetzt wird, sowie ob es sich um ein Kreislaufsystem handelt, hat Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit und den CO2-Fußabdruck.

Hunger auf der Welt ist aber meiner Ansicht nach weder eine Frage von gentechnisch veränderten Sorten noch von hochtechnisch ausgestatteten Pflanzenfabriken in fensterlosen Gebäuden. Hunger, Elend und Armut sind eine Folge von Kriegen, Vertreibung, Hass und religiösem Wahn und seinen Folgen, Raubbau, Umweltzerstörung, Naturkatastrophen, falsch gesetzter Anreize für internationale Märkte, Zerstörung vorhandener landwirtschaftlicher Strukturen, Infrastrukturvernachlässigung auf dem Land, falsche oder fehlende Nutzung vorhandenen Agrarlandes, mangelnder Berufsausbildung, fehlendem Gesundheitssystem, Epidemien, fehlender Aufklärung und falscher oder gar keiner Familienpolitik und Familienplanung, fehlender Investitionen in nachhaltige Landwirtschaft, Verteilungsprobleme, Ignoranz und Gleichgültigkeit Nichtbetroffener und vielem mehr. Daran muss geforscht und gearbeitet werden.

Unternehmen versprechen gerne das Blaue vom Himmel, um ihre Produkte zu verkaufen oder von der Politik gefördert zu werden, und Wissenschaftler wollen sich auf ihrem Forschungsgebiet einen Namen machen. Die Politik darf sich von deren Argumenten nicht einlullen lassen, sondern muss kritische Distanz wahren und dafür sorgen, dass (auch) den wahren Ursachen auf den Grund gegangen wird und nachhaltige Lösungen gesucht werden und entsprechend Mittel und Ressourcen in die richtigen Bahnen lenken.

Weiterführende Informationen

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