Machen Pflanzenfabriken Sinn?

Neue Technologien und Industriezweige stellen sich gerne als einzig mögliche Lösung eines Menschheitsproblems dar: Monsanto & Co. wollen uns grüne Gentechnik als Mittel gegen den Hunger in der Welt verkaufen und auch der Hype um Indoor und Vertical Farming gründet sich darauf, dass städtische „Pflanzenfabriken“ in Zukunft wesentlich zur Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung vor allem der Menschen in den Städten beitragen könnten. Was an den Behauptungen ist wirklich wahr, und wo werden nur Geschäftsmodelle öffentlichkeitswirksam platziert, um Aufmerksamkeit, Forschungsgelder und/oder Auftraggeber zu erhalten?

Indoor Farming/Vertical Farming ist  „in“ – Zeitschriften und Newsletter sind voll davon. Gemeint ist mit Indoor Farming in der Regel die Pflanzenproduktion in Gebäuden – moderne Häuser oder alte, leer stehende Fabriken und Lagerhallen. Die Pflanzen stehen darin in mehrstöckigen Regalen mit Kunstlicht übereinander (vertical farming), ihre Wurzeln werden von Nährlösung umspült, die Luftzusammensetzung, Temperatur und Luftfeuchte werden automatisch geregelt. Um diese „Pflanzenfabriken“ hat sich ein regelrechter Hype entwickelt, aber können sie erfüllen, was die Technikzulieferer versprechen? Leider liest man zwar viel von der Begeisterung über die technische Machbarkeit, aber wenig über die ökologische und ökonomische Bewertung solcher Projekte.

Michael Hamm, Professor für Nachhaltige Landwirtschaft und Leiter des Zentrums für regionale Ernährungssysteme an der Michigan State University in den USA, schreibt in einem Artikel im The Guardian, dass es zwar äußerst wichtig für die Ernährungssicherheit sei, Städtebewohner in Zukunft stärker nach Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit mit Lebensmittel zu versorgen, aber dass Zeit, Ressourcen und Geld in anderes als Pflanzenfabriken besser investiert werden könnten.

Seine Kritik unterlegt er mit Zahlen, die Dr. Louis Albright, Professor für Bio- und Umwelttechnologie an der Cornell Universität im Ruhestand, für ein Seminar aufbereitet hatte, und weiteren Überlegungen.

Albright hatte in seinem Seminar bereits gewarnt, dass sich die Behauptungen der neuen Industrie als leere Versprechungen herausstellen könnten und dass die städtischen Pflanzenfabriken mit ihrer auf Kunstlicht basierten Fotosynthese wegen des hohen Energieverbrauchs nicht nur teurer sind als herkömmliche Pflanzenproduktion am Stadtrand, sondern auch einen negativen Einfluss auf die Umwelt haben könnten (hoher CO2-Fussabdruck, unvereinbar mit manchen Formen von erneuerbarer Energie etc.). Er hatte einige Berechnungen für Weizen, Tomaten und Salat stellvertretend für die ganze Bandbreite an Nahrungspflanzen angestellt und sprach von „Des Gartenbaus neue Kleider“ in Anlehnung an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“.
Skyscraper Farms and Abondoned Warehouses, Cornell Horticulture (YouTube)

Würde man den Weizen für den Brotbedarf einer Stadt wie New York City mit einer Bevölkerung von 8,6 Millionen Menschen, von denen jeder im Durchschnitt 24 kg Brot pro Jahr isst, in der Stadt anbauen, bräuchte man dazu alleine schon drei Empire State Buildings. Alleine die Kosten für die künstliche Belichtung würden 11 US-$ pro Brotlaib ausmachen.
Da jeder US-Bürger jährlich etwa 8,2 kg Tomaten verzehrt und die Erzeugung eines Kilogramms Tomaten in der Pflanzenfabrik 8,7 kg CO2 kostet, würde die Tomatenproduktion für die New Yorker Bürger so viel CO2 kosten wie 264.000 durchschnittliche Autos es pro Jahr tun.
Bei Salat käme man auf Kosten alleine für die künstliche Belichtung von 0,10 US-Dollar pro Salatkopf. Laut einer Studie von 2008 verursacht der Transport von Kopfsalat quer durch die USA nach New York zum dortigen Verzehr etwa 0,70 kg CO2 pro kg Kopfsalat. Nach Albright’s Berechnungen verursacht die Salatproduktion bei künstlicher Belichtung 3,95 kg CO2 pro kg Kopfsalat – mehr als fünfmal so viel nur für die Belichtung.

Nachhaltiger und anpassungsfähiger, als es das System Pflanzenfabrik mit künstlichem Licht ist, seien in den Industrieländern Systeme, die die Sonne direkt nutzen und trotzdem möglichst nah oder näher am Verbraucher als Importe sind, so Hamm: unbeheizte Gewächshäuser und Folientunnel zur Ernteverfrühung und –verlängerung, beheizte Gewächshäuser mit Zusatzlicht für die Ganzjahresproduktion – am Stadrand sowie in der Stadt auf ungenutzten Flächen und auf Dächern.

Woher kommt der Hype um die Pflanzenfabriken?
Begonnen hat der aktuelle Hype damit, dass einerseits krisengeplagte japanische Elektronikkonzerne wie Fujitsu, Toshiba, Sharp und Panasonic Wege zum Überleben ihrer Technologien und ihrer Unternehmen brauchten. Sie wandelten ihre brachliegenden Fabriken bzw. deren Reinräume in in jeder Hinsicht kontrollierbare Pflanzenfabriken um – nicht nur in Japan, sondern sie bauten Pflanzenfabriken beispielsweise auch in Singapur oder Dubai.

Andererseits gab es in Japan bei frischem Gemüse und Kräutern Vorbehalte gegen chinesische Importe, dass sie zu stark mit Pestiziden belastet sein könnten.

Ein Katalysator dürfte auf jeden Fall gewesen sein, dass vor allem in den japanischen Präfekturen Fukushima und Ibaraki die Böden nach der schweren Nuklearkatastrophe im März 2011 radioaktiv verseucht waren bzw. noch sind. Mit den Pflanzenfabriken kann man nun zeigen, dass Pflanzenproduktion überall und damit Nahrungsversorgung aus eigenem Anbau möglich ist und schuf so ein exportierbares Pflanzenproduktionsverfahren. Und natürlich sorgen nicht nur die Betreiber und Universitäten, sondern auch die technischen Ausstatter wie die Lichtindustrieunternehmen aus aller Welt dafür, dass das Thema oft in den Medien platziert wird.

Aber die Idee zum Vertical Farming ist schon älter. Als Pionier gilt Othmar Ruthner, ein Wiener Erfinder und Maschinenbau-Ingenieur. Vorangetrieben wurde die Idee unter anderem von Dickson Despommier, Professor für Umweltgesundheit und Mikrobiologie an der Columbia Universität in New York City, Ende des
20. Jahrhunderts.

Schon 2005 berichtet web-japan.org von Reis- und Gemüseanbau mit künstlichem Licht unter einem Gebäude in einem Tokioter Business District sowie von 15 Pflanzenfabriken in Stadtrandgebieten. Inzwischen hat Japan über 170 Pflanzenfabriken, in denen überwiegend niedrige und schnell wachsende Kräuter, Greens und Arzneipflanzen angebaut werden, da bei ihnen die Energiekosten für die künstliche Belichtung weniger ins Gewicht fallen.

Inzwischen gibt es weltweit viele Vertical-Farming-Projekte. Man muss allerdings unterscheiden, ob die jeweiligen Räumlichkeiten völlig ohne natürliches Licht sind (fensterlose Lagerhäuser, Fabriken, Keller, Schächte, Bunker etc.), in denen die Pflanzen alleine mit Kunstlicht belichtet werden müssen, oder ob es sich um Konstruktionen („Turmgewächshäuser“) handelt, die möglichst viel des natürlichen Sonnenlichts nutzen und zusätzliches künstliches Licht die Bedingungen nur verbessert.

Mein persönliches Fazit:
Mehr Technologie ist nicht grundsätzlich falsch, aber sie ist auch nicht grundsätzlich die Lösung – vor allem, wenn sie nicht nachhaltig, klimafreundlich und umweltverträglich ist.

Für manche technische Machbarkeit kann ich mich zwar auch begeistern und Pflanzenfabriken mit ausschließlich künstlichem Fotosyntheselicht haben mancherorts möglicherweise ihren Sinn – für Menschen auf dem Mars, falls man die für sinnvoll hält -, doch einen Hype um Pflanzenfabriken in fensterlosen Räumen als Mittel für eine nachhaltige Versorgung mit frischen Lebensmitteln für Stadtbewohner oder gar als Lösung für den Hunger auf der Welt zu machen, ist meiner Ansicht nach nicht gerechtfertigt. Solche Pflanzenfabriken können bei den aktuellen Gegebenheiten andere Maßnahmen und Systeme im besten Fall punktuell ergänzen – unter Abwägung jeweils des Nutzen auf der einen Seite und der Kosten und Umweltbelastung auf der anderen Seite – unter anderem die Art der Energie, die für die Herstellung der Ausstattung sowie für den Betrieb eingesetzt wird, sowie ob es sich um ein Kreislaufsystem handelt, hat Auswirkungen auf die Nachhaltigkeit und den CO2-Fußabdruck.

Hunger auf der Welt ist aber meiner Ansicht nach weder eine Frage von gentechnisch veränderten Sorten noch von hochtechnisch ausgestatteten Pflanzenfabriken in fensterlosen Gebäuden. Hunger, Elend und Armut sind eine Folge von Kriegen, Vertreibung, Hass und religiösem Wahn und seinen Folgen, Raubbau, Umweltzerstörung, Naturkatastrophen, falsch gesetzter Anreize für internationale Märkte, Zerstörung vorhandener landwirtschaftlicher Strukturen, Infrastrukturvernachlässigung auf dem Land, falsche oder fehlende Nutzung vorhandenen Agrarlandes, mangelnder Berufsausbildung, fehlendem Gesundheitssystem, Epidemien, fehlender Aufklärung und falscher oder gar keiner Familienpolitik und Familienplanung, fehlender Investitionen in nachhaltige Landwirtschaft, Verteilungsprobleme, Ignoranz und Gleichgültigkeit Nichtbetroffener und vielem mehr. Daran muss geforscht und gearbeitet werden.

Unternehmen versprechen gerne das Blaue vom Himmel, um ihre Produkte zu verkaufen oder von der Politik gefördert zu werden, und Wissenschaftler wollen sich auf ihrem Forschungsgebiet einen Namen machen. Die Politik darf sich von deren Argumenten nicht einlullen lassen, sondern muss kritische Distanz wahren und dafür sorgen, dass (auch) den wahren Ursachen auf den Grund gegangen wird und nachhaltige Lösungen gesucht werden und entsprechend Mittel und Ressourcen in die richtigen Bahnen lenken.

Weiterführende Informationen

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Urban Gardener verbinden sich per App

Auf der Suche nach praktischen Lösungen, wie sich Stadtbewohner auch bei kleinem Geldbeutel vielseitig mit gesundem Obst und Gemüse versorgen können, sind viele. Der eigene Balkon, das Gemüsebeet im Kleingarten und die Parzelle im Gemeinschaftsgarten reichen oft nur für wenige Gemüse- und Obstarten. Neue Möglichkeiten eröffnen sich, wenn sich Urban Gardener zusammenschließen, ihren Anbau koordinieren und die Ernte miteinander teilen.

Was, wenn sich Urban Gardener nicht nur über gemeinsame (politische) Anliegen, Erfolge und Misserfolge austauschen – auf Veranstaltungen, über Blogs und in sozialen Netzen -, sondern sich miteinander verbinden und ihre Anbauflächen und andere Ressourcen in eine Art virtuellen Selbstversorger-Gemeinschaftsgarten für Gemüse, Kräuter und Obst stecken? Die durch das Zusammenschließen entstehende gemeinsame Fläche könnte effektiver genutzt und Erntegut ausgetauscht werden, Fruchtwechsel ließe sich einfacher realisieren und vieles mehr.

Urban Gardening Mischkultur

Auch im Urban Gardening: Mischkultur im Gemüsebeet zur besseren Platzausnutzung und Gesunderhaltung der Gemüse

Das dachten sich die Gründer von Sprouthood in St. Louis (US-Bundesstaat Missouri), die gerade eine Anwendung (App) entwickeln, mit deren Hilfe sich Urban Gardener miteinander verbinden, kommunizieren und koordinieren können sollen. Auf diese Weise soll das Potenzial an städtischer/regionaler Selbstversorgung besser nutzbar werden. Immerhin baut laut Angaben der National Garden Association jeder dritte amerikanische Haushalt Lebensmittel selbst an – zuhause oder in einem Gemeinschaftsgarten. Aber auch Menschen ohne Garten sollen bei Sprouthood mitmachen können, indem sie anderes als Gegenleistung für Gemüse und Obst anbieten.

Urban Gardening: Salatanbau im Topf

Urban Gardening auf kleinster Fläche: Salatanbau im Topf.

Man darf gespannt sein, wie gut die App angenommen wird und wie sie sich in der Praxis bewährt – schließlich gibt es einen hohen Kommunikations- und Abstimmungsbedarf.

Wäre eine solche Koordinationsplattform auch bei uns, dem Land mit Dokuserien über Nachbarschaft-Streitigkeiten, sinnvoll? Laut Deutscher Gartenbau-Gesellschaft (DGG) bewirtschaften 15 Millionen Freizeitgärtner in Deutschland eine Fläche von 930.000 ha. Ressourcen sind also da. Man könnte nicht nur die Gemüsearten koordinieren und Erntegut tauschen, sondern auch die gegenseitige „Urlaubsvertretung“ organisieren und vieles mehr.

Daher meine Frage: Könnten Sie/könntet ihr euch vorstellen, mit anderen Hobbygärtnern, urbanen Gärtnern in eurer Nähe zusammenzuarbeiten, euch abzusprechen, wer was anbaut, und eure Ernten miteinander zu teilen?

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Quellen und weiterführende Informationen

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Frühling ist (auch) Wiedersehensfreude im Garten und auf dem Balkon

Nicht nur die Nachbarn sieht man im Frühjahr wieder, wenn auch sie die Sonnenstrahlen draußen genießen und im Beet, Topf- oder Balkongarten werkeln. Auch auf Stauden, von denen man sich im Herbst verabschieden musste, kann man sich freuen: Wenn sie die Herausforderungen des Winters wie Frost, Wühlmäuse, Fäulnis- und Trockenheitsgefahr überstanden haben, drücken sie dieser Tage durch die Erde.

Staudenbeet mit Purpursonnenhut

Wird man seine Lieblinge vom Vorjahr auch heuer wiedersehen? Mancherorts herrscht banges Warten dieser Tage (Staudenbeet mit Purpursonnenhut Echinacea purpurea ‚Magnus‘ auf dem Tiefgaragendach – Bild von 2014)

Tatsächlich ist das Frühjahr für Gärtner und Hobbygärtner eine spannende Zeit – egal ob sie sich im Garten, auf dem Balkon oder in einem Urban-Gardening-Projekt mit Pflanzen beschäftigen: Wird das Saatgut keimen? Werden die Pflanzen nach dem Auspflanzen gut anwachsen? Werden die Blumenzwiebeln, Knollen und neuen Stauden, die man im Herbst gepflanzt hat, so schön, wie im Katalog oder auf der Verpackung abgebildet? Und so weiter.

Zu mehrjährigen Pflanzen hat man aber eine besondere Beziehung und die Spannung ist groß, ob man sie in diesem Jahr wiedersehen wird – egal, ob es um mehrjährige Gewürz- und Heilpflanzen wie Rosmarin und Thymian, mehrjährige Gemüse wie Artischocke, Spargel und Rhabarber oder um Stauden im Blumenbeet geht, die oft sowohl Zierpflanze als auch (historische) Heilpflanze sind.

Wildtulpe und Staudenaustrieb im Kübel

Die kleinen Tulpen – Tulipa humilis ‚Violacea Black Base‘ – wurden im Herbst 2014 als Blumenzwiebeln gepflanzt, die austreibenden Stauden zu ihren Füßen wachsen schon seit 2012 in diesem Kübel – hinten im Kübel treibt eine Echinacea, vorne treibt Liatris.

Manche Stauden sind kleine Diven und lassen uns ganz schön warten. Bei mir ist es vor allem der Purpursonnenhut Echinacea purpurea, der mich alljährlich in bange Aufregung versetzt. Er gehört zu meinen Lieblingspflanzen und die Blüten der Sorte ‚Magnus‘ sind im Hochsommer die Hingucker im Beet und die von ‚Baby Swan‘ im Topfgarten. Und nicht nur ich warte, auch die unauffälligen Jungschnecken sind ganz wild auf ihn. Darauf, dass sie heuer bereits unterwegs sind, weist der stark angefressene Austrieb der Lilien und der Duftnessel Agastache hin – so dass ich schon zur verschärften Schneckenbekämpfung übergehen musste.

Jedenfalls habe ich in den letzten Tagen mehrmals täglich geschaut, wo die neuen Triebe des Purpursonnenhuts bleiben. Dann endlich waren sie da, vorgestern die im Kübel, gestern die im Beet – noch kurz zwar, aber doch recht kräftig.

später Austrieb vom Lampenputzergras Hameln im Kübel

Das Lampenputzergras ‚Hameln‘ brauchte ein paar Tage Wärme mehr und mehrmaliges vorsichtiges Gießen, bevor es endlich austrieb.

Nachtrag am 16.4.2015
Sehr lange auf sich warten ließ auch der Austrieb des Lampenputzergrases ‚Hameln‘ im Kübel. Es wurde 2012 gepflanzt und hatte sich prächtig entwickelt. Aber nach diesem Winter tat sich lange gar nichts und ich hatte schon befürchtet, dass es vertrocknet sei oder es ihm im Kübel einfach zu eng geworden war. Dann nach mehrmaligem Gießen während der schönen warmen Frühlingstage endlich der Durchbruch.

Aufatmen und Freude – wir haben uns alle wieder. Der Sommer kann kommen – alles wird gut!

Und welche Lieblingspflanzen lassen euch/Sie bange warten?

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Stauden-Memory im Frühjahr

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Wie viel Transparenz braucht ein Blog?

Und was gehört eigentlich dazu? Einladung zur Blogparade.

Transparenz bedeutet Durchsichtigkeit im Sinne von Offenlegung und Aufklärung. Bürger fordern Transparenz von der Politik, Verbraucher von Produktherstellern, Leser/Konsumenten fordern Transparenz von Zeitungen, Fernsehen und Radio.

Die meisten Blogleser wünschen sich Transparenz im Sinne von Offenlegung, was durch redaktionelle Arbeit entstandener Content (Text, Audio, Video, Links) und was Werbung ist beziehungsweise was gesponsert wurde. Im Fall der Trennung von Content und Werbung gibt es zum Schutz der Leser sogar gesetzliche Vorschriften (Telemediengesetz), die eingehalten werden müssen. Bei anderen Problemen wie dem des Interessenkonfliktes gibt es den Pressekodex des Deutschen Presserates. Doch muss/soll sich auch ein Blogger an den Pressekodex halten? Manche Situationen sind ungeklärt oder sogar unausgesprochen. Wie stehen Leser und Blogger zur Transparenz und wo liegen für sie jeweils die Grenzen?

Alle sind herzlich eingeladen, sich an der Blogparade zu beteiligen – mitzubloggen und/oder zu kommentieren.

Meine eigenen Gedanken zum Thema Transparenz beim Bloggen

Transparenz kann Vertrauen und Glaubwürdigkeit schaffen, sie scheint mir daher ein wichtiges Merkmal eines Blogs zu sein.

Als Blogleserin möchte ich gerne wissen, wann und von wem ein Blogpost geschrieben wurde. Datum und Name des Verfassers gehören für mich zu jedem Blogpost dazu. Noch mehr (fachliches) Vertrauen schaffen ein paar Hintergrundinformationen, woher der Verfasser seine Kompetenz zum Thema hat. Gehört der Blog zu einem Unternehmen oder einer Organisation, möchte ich auch das wissen – solche Informationen erst nachträglich durch Recherche oder einen Zufall zu erfahren, würde mein Vertrauen erschüttern.

Über Transparenz im Sinne von §6 des Telemediengesetzes, das die Trennung von Werbung und redaktionellem Teil vorsieht (Trennungsgebot) und so Schleichwerbung verhindert, habe ich bereits bei Bezahlte Blogartikel – Sponsor Posts und Sponsored Posts geschrieben. Sie ist für mich ein absolutes Muss.

Problem „Gemeinmachung“
Als JournalistIn soll man sich (eigentlich) nicht gemeinmachen mit denen, über die man schreibt, sondern Distanz wahren. Im Prinzip möchte ich mich auch als BloggerIn weitgehend an journalistische Gepflogenheiten halten, doch die Nicht-Gemeinmachung beim Bloggen bereitet mir Probleme. Schon durch die Auswahl meiner Themen in manchen meiner Blogs mache ich mich beispielsweise gemein mit denen, die sich für Ökologie und Nachhaltigkeit einsetzen – auch wenn ich versuche, kritisch zu bleiben, denn Schwarz-Weiß-Malerei, Manipulation durch Vereinfachung und erst recht Falschinformationen zu verbreiten finde ich auf keiner Meinungsseite tolerierbar.

Ich versuche, die Transparenz dadurch zu wahren, dass ich die journalistische Form jeweils erkennbar mache. Der Leser soll erkennen, was Information und was Meinung ist – im zweiten Fall schreibe ich in der Regel beim Titel oder in der Einleitung „Kommentar“, „Rant“ (schimpfender Monolog) oder Ähnliches hinzu. Und wenn ein Blogartikel weitgehend Nachricht ist, die ich aber in Teilen oder am Ende bewerte, dann kennzeichne ich die Bewertung mit „meiner Meinung nach“. Aber was denken andere: Ist ein Blog grundsätzlich als meinungsgefärbt anzusehen?

Problem „Interessenskonflikt“
Ich blogge auch über Geld und Geldanlage und habe selbst ein kleines Depot mit ein paar wenigen Aktien und Fonds – nur so konnte ich jahrelang Erfahrungen sammeln. Nach den publizistischen Grundsätzen (Pressekodex) des Deutschen Presserates, Richtlinie 7.4, soll man nicht über Wertpapiere schreiben, die man innerhalb der letzten zwei oder der nächsten zwei Wochen gekauft oder verkauft hat beziehungsweise kaufen oder verkaufen wird. Ansonsten seien Interessenkonflikte bei der Erstellung oder Weitergabe von Finanzanalysen in geeigneter Weise offenzulegen. Ich habe mich entschieden, lieber ganz auf Analysen von Wertpapieren zu verzichten, denn bei Offenlegung befürchte ich, dass Leser die Nennung von Unternehmen als Börsenempfehlung missverstehen könnten – und diese Verantwortung will ich nicht übernehmen. Was für mein Minidepot passt, ist für andere in anderen finanziellen Verhältnissen und persönlichen Situationen möglicherweise völlig ungeeignet.

Was mir aber noch leichtes Kopfzerbrechen bereitet, sind Verbraucherthemen, die Unternehmen betreffen, von denen ich eventuell ein paar Aktien habe. Wenn ich in einem Artikel über nachhaltige Banken eine bestimmte Bank, in einem Artikel über Lebensmittelqualität einen Öko-Lebensmittelhänder und in einem Artikel über eine Creme den Hersteller erwähne, überlege ich, ob ich es offenlegen muss, wenn ich von denen zufällig ein paar Aktien im Depot habe. Erwartet der Leser diese Transparenz? Ich befürchte nur, dass er/sie dann völlig falsche Vorstellungen von meinen Vermögensverhältnissen bekommt und dass jemand meine Offenlegung als Kaufempfehlung für bestimmte Wertpapiere missverstehen könnte. Inzwischen habe ich beide Wege – mit und ohne Offenlegung – ausprobiert und habe mich bei Verbraucherthemen dafür entschieden, von der Offenlegung abzusehen, denn meine Bewertung einer Fußcreme wird den Kurs des Herstellers, der Zehntausende von Produkten hat, nicht beeinflussen und niemand kann glauben, dass der Besitz von ein paar wenigen Aktien meine Objektivität bei der Beurteilung einer Creme beeinflussen würde. Oder?

Wo kommen andere Blogger ins Grübeln und für welchen Weg entscheiden sie sich – das würde ich gerne mit meiner Blogparade herausfinden. Und natürlich möchten wir alle gerne wissen, was unsere Leser darüber denken.

Blogparade – Bedingungen

Die Blogparade lief bis zum 1.5.2015.
Herzlichen Dank fürs Mitmachen – sei es mit einem gemeldeten Blogbeitrag, mit Kommentaren in den sozialen Netzen oder einfach fürs Mitdenken.

Gemeldete Blogbeiträge:

Informationen zum Thema

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