Hybridsamen – hui oder pfui?

Hybridsamen - Aussaten

Hybridsamen – Aussaaten

Manche Hobbygärtner verurteilen Hybridsamen (korrekt müsste es heißen: Samen von Hybridsorten) inzwischen genauso wie gentechnisch verändertes Saatgut – dabei ist die Hybridsamen-Erzeugung weder neu noch unnatürlich.

Verstört werden Verbraucher, Selbstversorger, Urban Gardener, Kleingärtner und andere Hobbygärtner durch Meldungen über Aufkäufe von Saatgutunternehmen durch Mega-Agrarkonzerne wie Monsanto, durch Nachrichten über deren Einflussnahme auf Politik/Entwicklungspolitik, durch Informationen über Patente auf klassisch gezüchtete Gemüsesorten sowie durch zahlreiche Lebensmittelskandale. Viele dieser Entwicklungen sind das Ergebnis einer Politik, die die Agrarindustrie und deren Konzentrierung auf wenige Konzerne gefördert hat.

Anzeige

Viele Verbraucher haben nun jegliches Vertrauen in die gesamte Kette der Lebensmittelerzeugung verloren. Ein Teil dieser Kette ist die Pflanzenzüchtung, die die Sorten für den gärtnerischen Anbau und den Anbau beim Hobbygärtner züchten.

Gentechnisch veränderte Sorten sind bei uns sowieso nicht im Handel, aber dafür viele Hybridsamen. Sind die nun empfehlenswert oder sollte man Hybridsamen grundsätzlich ablehnen?

Was sind Hybridsamen?

Hybridsamen sind Samen, die aus einer Kreuzung entstanden sind. Gekreuzt werden bei Gemüse und landwirtschaftlichen Kulturen meist zwei reinerbige Elternlinien der gleichen Art. Bei Zierpflanzen werden häufig verschiedene Arten und sogar verschiedene Gattungen miteinander gekreuzt.

Bei der Hybridsamen-Züchtung aus reinen Linien der gleichen Art werden Vater- und Mutterlinie i. d. R. ganz normal durch Auslese (Selektion) gezüchtet – so wie der Mensch es seit Tausenden von Jahren macht und wie es auch die Evolution macht. Bei der Befruchtung zur Hybridsamen-Erzeugung muss dann dafür gesorgt werden, dass sich die Linien nicht selbst befruchten, sondern tatsächlich der Pollen der reinerbigen Vatersorte auf die Narben der reinerbigen Muttersorte gelangen. Da beide durch die Auslese gute Sorten (reine Elternlinien) sind, entstehen aus dieser Kreuzung Samen – und aus diesen Samen dann Pflanzen -, die bestimmte gute Eigenschaften haben. Solche Eigenschaften können die Wuchskraft, Blattgröße, Blattstellung, Blühfreudigkeit, Blütenfarbe, Blütengröße, Blühdauer, Fruchtform, Fruchtgröße, Geschmack und Inhaltsstoffe der Früchte, Ertrag, Transportfähigkeit, Lagerbarkeit und vieles andere betreffen. Außerdem wird Hybriden aus zwei reinen Linien grundsätzlich eine höhere Leistungsfähigkeit und Vitalität bescheinigt – das wird Heterosiseffekt genannt.

Wie andere Samen auch, sind Hybridsamen, die bei uns im Handel angeboten werden, nicht gentechnisch verändert – sie sind keine „Genetically Modified Organisms“ (GMOs).

Hybridsamen-Tomaten: 'Sungold' F1

Hybrid-Tomatensorte ‚Sungold‘ F1

Der Nachteil der Hybridsamen liegt darin, dass die Samen der nächsten Generation, also die Samen aus den Früchten der Hybridsamen-Pflanzen, ganz verschiedene Erbanlagen in sich haben. Denn bei der Befruchtung der Hybridpflanzenblüten kreuzt sich Hybrid mit Hybrid. Das bedeutet: Alle offenen und versteckten Eigenschaften des Hybridsamen werden auf alle möglichen Weisen miteinander kombiniert – in dem einen Samen so, in dem nächsten Samen anders und im dritten noch einmal anders. Wenn man dann diese Samen aussät, werden daraus ganz unterschiedliche Pflanzen mit ganz unterschiedlichen Eigenschaften. Unerwünschte Eigenschaften der Vorfahren, die im Hybridsamen der ersten Generation unterdrückt wurden, kommen nun bei einem Teil der Hybrid-Nachkommen wieder ans Licht.

Deshalb macht es keinen Sinn, Hybridsamen zu kaufen, wenn man von den Pflanzen aus Hybridsamen wieder Samen für das nächste Jahr ernten möchte in der Hoffnung, die wären dann so wie die Pflanzen aus den gekauften Hybridsamen. Wer aber Spaß am Rumprobieren und eigenen Kreuzungsversuchen hat, der freut sich über dieses Eigenschaftengemisch der Hybridsamen-Kinder, denn da können plötzlich wieder Wildeigenschaften und alle möglichen anderen interessanten Eigenschaften zutage treten.

Hybridsamen - Erzeugung F1 und Aufspaltung in F2

Hybridsamen: Erzeugung der F1-Hybriden und Aufspaltung in der nächsten Generation (F2).

Ein weiterer Nachteil der Hybridsamen ist jedoch für viele, dass die Hybridsamen oft von Tochterunternehmen der in die Kritik geratenen Agrarkonzerne Monsanto (Tochterunternehmen: z. B. De Ruiter Seeds, Seminis, Petoseeds), Bayer Crop Science (Tochterunternehmen: Nunhem), DOW Chemicals (Tochterunternehmen: IFS) u. a. erzeugt werden (Nachtrag: inzwischen wurde Monsanto von Bayer gekauft). Für Gemüsesorten kann man den Züchter über Online-Abfragen in der EU-Datenbank feststellen – kostet nichts und ist für jeden zugänglich, Links siehe unten.

Woran erkennt man Hybridsamen/Hybridsorten

Bei Gemüse erkennt man Hybridsamen an dem Zusatz „F1“ hinter dem Sortennamen, z. B. Tomate ‚Cornabel‘ F1 ist eine Hybridsorte. F1 steht für „erste Filial- oder Nachkommengeneration“. Die nächste Generation, die Kinder der Hybridsamen-Pflanzen sind die F2-Generation.

Arthybriden erkennt man an dem Zusatz „x Hybriden“ nach dem Artnamen, z. B. Calibrachoa x Hybriden ‚Orange‘ (das ist eine Minihängepetunie). Gattungshybriden erkennt man an einem vorangestellten x, z. B. x Orchiaceras spurium (natürliche Orchideenhybride).

Anzeige

Warum sind Hybridsamen teurer?

Hybridsamen sind meist mit besonders viel Aufwand über Jahre gezüchtet worden. Es müssen gute Linien als Kreuzungspartner gefunden werden, die sich optimal ergänzen – so dass die gewünschten Erbanlagen wirksam werden und die anderen nicht. Für die Hybridsamen-Erhaltung müssen die Elternlinien erhalten und zur Samenerzeugung eine kontrollierte Kreuzung durchgeführt werden. Das schlägt sich im Preis nieder.

Da Hybriden nicht so leicht nachgebaut werden können, sind Hybridsorten aber auch eine Möglichkeit für die Unternehmen, ihre Züchtungen vor Nachbau zu schützen – denn Sortenzüchtung ist immer zeit- und arbeitsintensiv und die Kosten dafür müssen wieder reinkommen, will die Firma nicht pleitegehen.

Andererseits würde zu viel Schutz der Unternehmen – wenn beispielsweise der Nachbau alter Sorten und die Züchtung freier Sorten zu stark eingeschränkt würde – dazu führen, dass die Unternehmen einerseits zu viel Macht erhalten und andererseits die Sortenvielfalt weiter schwinden würde, was letztendlich sogar die Ernährungssicherheit gefährden könnte.

Für wen sind Hybridsamen geeignet?

Hybridsorte Calibrachoa x Hybriden 'Orange'

Hybridsorte Calibrachoa x Hybriden ‚Orange‘

Hybridsamen sind i. d. R. „Premiumsorten“, das heißt: Sie sind vergleichsweise teuer, aber oft auch sehr gut. Hybridsamen eignen sich für Gärtner und Hobbygärtner, die ihre Samen nicht selbst aus den Früchten gewinnen wollen/müssen, wenn sie die gleiche Sorte im nächsten Jahr wieder anbauen wollen, sondern die jedes Jahr genug Geld haben, um neues Saatgut oder Pflanzen kaufen können, oder die gerne mit dem Eigenschaftenmix der Hybridsamen-Nachkommen experimentieren wollen. Unsere Wirtschaft in Deutschland ist in fast jedem Bereich arbeitsteilig – warum also nicht auch beim Saatgut. Viele Gärtner greifen daher gerne auf gute Hybridsorten zurück. Wer aber bestimmte Erzeuger vermeiden möchte, kann in der EU-Datenbank recherchieren, von wem die Sorten stammen, und entsprechend auswählen.

Für wen sind Hybridsorten nicht geeignet?

Wer sein Saatgut selbst ernten und im nächsten Jahr aussäen möchte und dabei erwartet, dass die Nachkommen die gleichen Eigenschaften wieder haben, für den sind Hybridsorten ungeeignet. Der oder die sollten samenfeste Sorten kaufen (und aufpassen, dass sie nicht von anderen Sorten befruchtet werden)!

Auch wer sich daran beteiligen möchte, alte Sorten zu erhalten, und entsprechende Initiativen unterstützen möchte, bezieht sein Saatgut lieber bei ökologisch agierenden Züchtern und Initiativen (beispielsweise von der Bingenheimer Saatgut AG, Dreschflegel Bio-Saatgut, Arche Noah und anderen – siehe auch Wo kauft man samenechte Sorten …). Bei der Erzeugung von eigenem Samen muss, wenn eine Sorte erhalten werden soll, dafür gesorgt werden, dass die Pflanzen nicht von anderen Sorten befruchtet werden können.

Fazit: Hybridsamen sind nicht für jeden das Richtige

Hybridsamen haben nichts mit Gentechnik o. Ä. zu tun. Hybridsorten sind oft besonders gute, aber auch teure Sorten. Aus den Samen der Hybridsamen-Pflanzen werden lauter verschiedene Pflanzen, weshalb man Hybridsamen jedes Jahr neu kaufen muss, wenn man wieder die gleichen Pflanzeneigenschaften haben will. Will man bestimmte Züchter meiden, muss man die Herkunft der Hybridsamen recherchieren – das gilt aber auch für Nicht-Hybridsorten.

Mehr Informationen

Anzeige

Veröffentlicht unter Garten und Pflanzen, Öko-/Bio-Themen | Verschlagwortet mit , | 7 Kommentare

Vegetarisches Gulasch – Fleischskandale ade!

Rinderwahn, Antibiotika im Fleisch, Gammelfleisch, falsch deklariertes Rind-/Pferdefleisch – nach dem Fleischskandal ist vor dem Fleischskandal! Wem vergeht da nicht der Appetit auf Fleisch aus der konventionellen Landwirtschaft. Hinzu kommt der negative Einfluss der Massentierhaltung auf das Klima durch die Freisetzung von Treibhausgasen, der Futterimporte, die oft Hintergrund für die Abholzung von Regenwäldern sind, und anderes mehr. Aber kein Problem, man kann ja auch etwas anderes essen, zum Beispiel vegetarisches Gulasch, bei dem das Fleisch durch „Soja-Fleisch“ ersetzt wird.

Aber schmeckt das? Ja, ich kann jedem mit gutem Gewissen empfehlen, es auszuprobieren.

Vegetarisches Gulasch
Vegetarisches Gulasch – wohlschmeckend und sättigend ohne Fleisch

Angeregt durch Claudia Klingers Buch „Unverbissen vegetarisch“ (siehe unten) habe ich kürzlich wieder einige vegane Produkte ausprobiert (beispielsweise Extra Feine Soja-Schnetzel für Sauce Bolognaise, Bio-Hafer-Drink als Tee-„Weißer“), mit denen ich einen Teil meiner Lebensmittel tierischer Herkunft ersetzen möchte. Ich möchte etwas mehr Eiweiß, aber möglichst wenig davon aus tierischer Herkunft in meine Ernährung bringen.

Jetzt habe ich mich an eine besonders große Herausforderung – jedenfalls für mich – gemacht: Ich habe vegetarisches Gulasch – also Gulasch ohne Fleisch – gekocht.

Gulasch ohne Fleisch kochen

Ich bin keine große Fleischköchin und erst recht keine „Soja-Fleisch“-Köchin. Vegetarisches Gulasch habe ich schon in meiner vegetarischen/veganen Phase in den 1990ern ausprobiert und bin damals damit gescheitert – es schmeckte auf Dauer einfach nicht. Doch Claudias Buch und eine Quizsendung vor ein paar Tagen, die mir beim Zappen unterkam und bei der ein eingespielter Film zeigte, dass die Besucher einer Kantine nicht merkten, dass ihnen vegetarisches Gulasch statt Gulasch aus Fleisch untergejubelt wurde, ließen mich neue Hoffnung schöpfen. Wenn andere es schafften, mit „Fleischersatzprodukten“ lecker zu kochen, musste ich das doch auch hinbekommen. Leider weiß ich nicht, wie die Sendung hieß – ein Rezept wurde meines Wissens nicht gezeigt (Maite Kelly war dabei, das ist alles, was ich noch weiß).




Vegetarisches Gulasch (Rezept für Gulasch ohne Fleisch)

Das folgende ist nun mein persönliches Vegetarisches-Gulasch-Schnellrezept. Anregungen dazu haben Claudia Klingers Buch sowie verschiedene Rezepteaustausch-Gemeinschaften für vegetarische/vegane Rezepte geliefert.

Zutaten für vegetarisches Gulasch (2 Personen):

50 – 80 g Grobe Davert Soja-Schnetzel* (Bioqualität)
2 – 3 kleine bis mittlere Zwiebeln oder Schalotten
300 g Tomatenstücke aus dem Tetrapack (oder entsprechende Menge Tomatenmark oder frische Tomaten)
Paprikapulver
250 ml Gemüsebrühe
Salz und Pfeffer nach Geschmack
50-100 ml Rotwein
Prise Kümmelpulver
Prise Muskatnuss
Olivenöl
50 g Butter (Veganer nehmen einfach ein Pflanzenöl)
2 leicht gehäufte EL Mehl (nicht klumpendes Instant-Mehl o. ä.)
Petersilie zum Drüberstreuen und/oder zur Dekoration

Anzeige


Vegetarisches Gulasch – Zubereitung:

  1. Trockene Soja-Schnetzel in einem Glas- oder Porzelangefäß mit heißer Gemüsebrühe übergießen.
  2. In einem Topf mit breitem Boden die geschälten und in Würfel geschnittenen Zwiebeln im Olivenöl glasig werden lassen.
  3. Gequollene Soja-Schnetzel durch ein Sieb gießen, dabei Brühe auffangen.
  4. Paprikapulver zu den Zwiebeln hinzufügen. Bevor das Paprikapulver zu dunkel wird, Soja-Schnetzel hinzugeben und unter Rühren anbraten. Dann auch die Tomatenstücke hinzufügen und alles sehr intensiv verköcheln lassen, bis das Wasser verdampft ist und sich die Sojafleisch-/Tomaten-Masse am Boden etwas ansetzt.
  5. Sojafleisch-Masse in eine Ecke des Topfes schieben und diese Seite des Topfes ein bisschen von der Platte schieben. In der anderen Ecke des Topfes Butter schmelzen und das Mehl darin etwas bräunen lassen.
  6. Schließlich unter Rühren des gesamten Topfinhalts den Wein und die Brühe hinzufügen. Alles mehrfach umrühren und kochen lassen, bis der Alkohol verdampft ist.
  7. Mit Kümmelpulver, Muskatnuss, Salz und Pfeffer würzen und mit Petersilie garnieren.

Zum vegetarischen Gulasch passt alles, was auch zum Gulasch aus Rind- oder Schweinefleisch passt: z. B. Tagliatelle, Spätzle, Reis oder Kartoffeln.

Zubereitungszeit für dieses schnelle vegetarische Gulasch:
Mit dem Kochen der Nudeln und allem Drumherum circa 30 bis 40 Minuten.

Der Geschmack meines vegetarischen Gulaschs tendierte ein wenig in Richtung Geschnetzeltem mit Rotwein-Aroma. Von der Konsistenz her war das Sojafleisch nach dem Kochen etwas weicher als Rind- oder Schweinefleisch. Doch mir hat mein schnelles vegetarisches Gulasch nach obigem Rezept sehr gut geschmeckt und es war auch angenehm sättigend.

Aus Fehlern wird man klug:
Was ich früher beim vegetarischen Gulasch wohl falsch gemacht habe: Ich hatte ein anderes Soja-Produkt, ich habe nicht Brühe, sondern einfach kochendes Wasser zum Einweichen verwendet und ich hatte zu wenig Paprikapulver, zu wenig Gewürze allgemein und keine Tomaten dabei.

Fett-, Eiweiß- und Kalorien-Gehalt der Soja-Schnetzel:
Davert Soja Schnetzel ergeben bei der Zubereitung die 4-fache Menge der unzubereiteten Schnetzel. 100 g unzubereitete Schnetzel enthalten 3 g Fett, 52 g Eiweiß und 347 kcal.

Was ist eigentlich Soja-Fleisch?

„Soja-Fleisch“ heißt korrekt eigentlich „texturiertes Soja“. Für die Herstellung werden Sojabohnen zu Mehl vermahlen und weitgehend entfettet. Mittels Druck wird aus der Sojamehl-Masse strukturiertes Soja hergestellt. Auch die Davert Soja Schnetzel bestehen laut Verpackung aus Sojamehl, teilentfettet und aus kontrolliert biologischem Anbau (EU-Biosiegel). Aus Soja-Fleisch kann man je nach Struktur vegetarische Hackfleischgerichte, vegetarisches Gulasch, vegetarisches Gyros und viele andere „Fleisch-Gerichte“ zubereiten. Der Vorteil gegenüber Fleisch ist – neben dem meist günstigeren Preis – die Lagerbarkeit: Man kann die trockenen Soja Schnetzel aufbewahren wie Nudeln, also ohne Kühlung o. ä. Kompliziertheiten. Da passiert also nichts, wenn man kurzfristig seinen Speiseplan ändert.

Anzeige



* Werbelink: Unverbindlicher Besuch beim Werbepartner. Ich erhalte eine kleine Provision, wenn Sie beim Werbepartner etwas kaufen.

Guten Appetit!

Das könnte Sie auch interessieren



Anzeige


Veröffentlicht unter Gesundheit, Küchenpraxis und Rezepte, Öko-/Bio-Themen | Verschlagwortet mit , , , | 4 Kommentare

P2P-Kredite – ein neuer Trend am Kredite-/Anlagenmarkt

P2P-Kredite

Kreditnehmer und Kreditgeber können im Internet auf speziellen Plattformen für so genannte Peer-to-Peer-Kredite (P2P-Kredite) zusammenfinden.

P2P-Kredite sind ein Spezialfall des Crowdfunding, genannt Crowdlending oder kreditbasiertes Crowdfunding:

Kreditsuchende (Kreditnehmer) haben die Chance, günstiger an einen Kredit zu kommen, als sie es über Banken schaffen, bzw. haben sie die Chance, überhaupt einen Kreditgeber (Investor) zu finden, wenn Banken nicht mehr wollen.

Anlegern bieten die Online-Kredit-Plattformen die Möglichkeit, höhere Zinsen für ihr als Kreditgeber „angelegtes“ Geld zu erzielen, als sie bei einer anderen Geldanlage wie Tagesgeld oder Festgeld in einer Niedrigzinslage erwirtschaften könnten. Doch ist nicht zu vergessen: Höhere Chancen bei der Geldanlage erkauft man sich immer auch mit einem höheren Risiko. Bei einem P2P-Kredit ist auch ein Totalausfall der Kreditforderung möglich, denn hier greifen staatliche/europäische Absicherungssysteme wie die Einlagensicherung nicht.

P2P-Kredite in den USA

In den USA heißt die führende Online-Kreditplattformen „Lending Club“. Dort müssen sich die P2P-Kredit-Plattformen bei der US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) registrieren und Geschäftsberichte einreichen, die Kreditnehmer wiederum müssen den P2P-Kredit-Plattformen gegenüber ihre Kreditwürdigkeit glaubhaft machen, weshalb Lending Club nur 10 % der Antragsteller aufnimmt. Die amerikanischen P2P-Kredit-Plattformen sind nicht vom US-Einlagensicherungsfonds FDIC abgesichert. Lending Club hat lt. Kim Bode/Die ZEIT seit Geschäftsbeginn jedoch weniger als 3 Prozent Ausfall. Lending Club hat inzwischen so viel positives Echo, dass spekuliert wird, dass das Unternehmen an die Börse geht.

P2P-Kredite europaweit

Eine Online-Plattform für die europaweite Kreditvermittlung bietet CrossLend.

P2P-Kredite in Deutschland

Deutsche P2P-Kredit-Plattformen sind beispielsweise „Smava“ (Kreditmarktplatz für Kredite von Kreditbanken und Anlegern an Kreditnehmer) und „Auxmoney“ (Kreditmarktplatz für Kredite von Anlegern an Kreditnehmer), deren Popularität und Wachstum jedoch nicht mit dem amerikanischen Star Lending Club mithalten können. Smava und Auxmoney arbeiten mit zwischengeschalteten Banken zusammen: Smava mit der Fidor Bank AG, Auxmoney mit der SWK-Bank.
Anzeige


Die P2P-Kredit-Plattformen finanzieren sich über Gebühren, die sie sowohl beim Anleger als auch vom Kreditnehmer erheben. Bei der Berechnung der tatsächlich anfallenden Kreditkosten (Kreditnehmer) bzw. der Kapitalverzinsung (Anleger) müssen diese und andere Nebenkosten natürlich auch berücksichtigt werden.

P2P-Kredite für Afrika

Ähnlich wie oben genannte P2P-Kredit-Plattformen funktionieren auch die Mikrokredit-Plattformen für Kleinunternehmer in Entwicklungsländern, wie MyC4 – eine P2P-Kredit-Plattform, die Kredite an afrikanische Kleinunternehmen ermöglicht. MyC4 versteht sich dabei als Internet-Marktplatz, wo man sich auf Augenhöhe begegnet und nicht als Wohltätigkeitsbasar. MYC4 arbeitet bei der Umsetzung mit Partnern in Afrika zusammen, die die Projekte bewerten und eine Auswahl treffen.

Vorsicht – risikoreiche Geldanlage

Wer als Anleger Geld verleihen möchte, sollte – wie immer bei der Geldanlage – an die Risiko-Streuung (Diversifikation) denken und nur einen Teil seines verfügbaren Geldes überhaupt auf diese Art anlegen und diesen Teil dann auf verschiedene Kreditnehmer, deren Projekte man überzeugend findet, verschiedener Plattformen und deren Partnerorganisationen/Banken verteilen. Bei Investitionen in ausländische Währungen sollte man zudem das Währungsrisiko kennen.



Weitere Informationen

  • Kredite aus dem Internet (DIE ZEIT N°15 vom 4. April 2013, S. 30, Kim Bode)
  • Kredite (tinto – Tipps und Themen für Verbraucher)

 

Veröffentlicht unter Geld, Geldanlage, Kredite | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Sparerenteignung auf Zypern – unfassbar

Mit Nachträgen vom 20.3.2013 und 25.3.2013: Warum nicht gleich so?

Da hat man jahrelang daran gearbeitet, Vertrauen in die Eurozone/Europäische Union (EU) und natürlich auch in europäische Banken aufzubauen – sowohl bei europäischen Anlegern als auch im entfernteren Ausland. Man hat eine Einlagensicherung eingerichtet und man hat Banken gerettet. Und dann bei der Zypernkrise so was:

Von Bankeinlagen (Guthaben auf den Konten der Bankkunden) soll Geld weggenommen werden: bei Guthaben unter 100.000 Euro 6,75 % des Guthabens, bei Guthaben von über 100.000 Euro 9,9 % des Guthabens.

Das ist so, als wenn man als Kunde eines Supermarktes oder Handwerkers dessen Schulden bezahlen müsste, wenn er in Schwierigkeiten gerät. Und dann müssten nur die einen Beitrag leisten, die gerade einen Zehner im Portemonnaie haben.

Ich kann gar nicht glauben, dass diese Sparerenteignung in Zypern rein rechtlich mit dem Einlagensicherungssystem der EU in Einklang zu bringen ist! Immerhin sind dadurch Spareinlagen unter 100.000 Euro pro Anleger und pro Bank geschützt.

Die ganze Zeit überlege ich, ob ich irgendwo einen Denkfehler habe, ob ich irgendetwas übersehe, das dieses Szenario irgendwie sinnig machen könnte.

Willkür mitten in Europa

Wie rechtstaatlich und gerecht ist denn das, wenn Guthaben auf einem Bankkonto „besteuert“ werden, anderes Vermögen aber nicht? Da werden die bestraft, die vermeintlich risikoarm ihr Geld in Spareinlagen (Sparbuch, Tagesgeld etc.) anlegen, solche, die ihr Geld gerade auf dem Konto für eine Anschaffung geparkt haben, vielleicht sogar gerade einen Kredit für eine Anschaffung aufgenommen haben. Das hat doch mit Recht und Gerechtigkeit nichts zu tun, wenn nur eine Anlageform, nämlich Sparguthaben und Guthaben auf dem Girokonto, besteuert wird.

Lockte das Geld der reichen Russen?

Es wird so gerne von irgendwelchen russischen Milliardären gemunkelt, die dort in Zypern ihr Schwarzgeld parken. Da tobt der Mob und mancher Politiker lässt sich durch dieses Gemunkel (nichts Genaues weiß man nicht) verleiten, in die Rufe nach Beteiligung (Teil-Enteignung) von „Anlegern“ einzustimmen. Aber erstens: Sollte es stimmen und dort Steuerhinterzieher (die sich in anderen Ländern strafbar gemacht haben) Geld auf Konten liegen haben, so hat man dennoch kein Recht, denen nun Geld pauschal ohne Berücksichtigung der Einlagensicherung wegzunehmen, nachdem man sie vorher angelockt hat und solange man ihnen keine Straftat nachweisen kann – hinterzogenes Geld stände dann wohl auch eher deren Heimatländern zu, welche sie mit ihrer Steuerhinterziehung betrogen haben. Sie sind auch nicht daran Schuld, dass Zypern pleite ist – das müssen sich die Regierung bzw. Politik Zyperns sowie Bürger, die sie gewählt haben, nämlich selbst anlasten. Und zweitens: Selbst wenn es irgendeine Rechtsgrundlage dafür gäbe, ausländische Steuerhinterzieher zu enteignen, kann man dennoch nicht alle einheimischen Sparer und alle nicht-steuerhinterziehenden Kontoinhaber, die man ins Land gelockt hat, mit in Haft zu nehmen. Apropos Schuld: Die beiden Pleitebanken Bank of Cyprus und Laiki Bank hatten die europaweiten Stresstests bestanden (Spiegel vom 28.3.2013).

Ich verstehe das geplante Vorgehen im Fall Zypern nicht. Das widerspricht meiner Meinung nach jedem Recht und Rechtsgefühl. Das ist Willkür. Das ist Bananenrepublik!

Von einem nachhaltigen Konzept keine Spur

Ja, Zypern braucht Geld. An eine Rettungshilfe aus der Eurozone und vom IWF kann man natürlich Auflagen knüpfen. Meiner Meinung nach müssten solche Auflagen derart sein, dass sie das Land langfristig weiterbringen und nicht potenzielle Geschäftspartner/Bankkunden auf ewig verprellen – und nicht nur aus Zypern – und die Sparer/Bürger aller Euroländer aufschrecken. Wer hat sich diese Sparerenteignung ausgedacht? Ist sie eine der Auflagen des Rettungspaketes für Zypern oder ist diese Idee auf zyperneigenem Mist gewachsen? Wer genau hatte diese Idee? Und wer hat sie abgesegnet?
Nachtrag: Bundesfinanzminister Schäuble hatte inzwischen behauptet, die Idee der pauschalen Einlagen-Teilenteignung quer über alle Spareinlagen sei aus Zypern gekommen. Aber wieso hat es dann im zyprischen Parlament keine einzige Stimme dafür gegeben?

Sparerenteignung in Zypern – Schaden für Europa

Meiner Meinung nach würde eine Sparerenteignung in Zypern nicht nur jeden Bankkunden in ganz Euroland/EU, wahrscheinlich sogar ganz Europa, verstören – und Privatanleger möglicherweise zu stark in andere Geldanlage-Möglichkeiten (Wertpapiere, Immobilien etc.) treiben, anstatt dass sie für ausreichende Liquidität (Sicherheitspolster für Notfälle etc.) sorgen -, sie wird auch den Ruf europäischer Banken bzw. Eurolands, der EU und Europas allgemein schädigen – denn wer bringt schon sein Geld dahin, wo man möglicherweise willkürlich enteignet und die Einlagensicherung umgangen wird.

Es ist meiner Meinung nach nicht zu verstehen, dass zuerst die Kunden und Gläubiger eines Unternehmens bzw. maroder Banken in Haft genommen werden und nicht zuerst die Eigentümer selbst. Die könnten sich „Schuldnerberater“ nehmen, welche – in Zwegat-Manier – versuchen mit den Gläubigern Kompromisse auszuarbeiten oder anderweitig das Geld auftreiben. Aber Eigentümer dürfen nicht willkürlich selbst ihren Gläubigern in die Tasche greifen können. Und ich verstehe nicht, dass europäische Finanzminister wie Herr Schäuble das offensichtlich erwarteten, wenn nicht sogar verlangten.

Diese Ankündigung der Sparerenteignung auf Zypern macht meiner Meinung nach alle Anstrengungen der letzten Jahre, die durch Banken- und Staatsrettungen das Vertrauen in die EU/Europa erhalten sollten, zunichte.

Ich wünschte, es wäre nicht so. Bitte sagt mir, dass ich unrecht habe und hier irgendetwas übersehe.

Nachtrag 20.3.2013:
Das Parlament in Zypern hat das Rettungspaket abgelehnt. Es gab keine einzige Stimme dafür. Zypern hat damit sein großes Geldproblem zwar noch nicht gelöst, aber dieser Blödsinnsidee der einseitigen „Besteuerung“ von Bankeinlagen zur Geldbeschaffung unter Umgehung der Einlagensicherung (die nur für eine Pleite der Bank gilt) – zumindest vorläufig – ein Ende bereitet. Hoffentlich findet Zypern bessere Lösungen für sein Problem.
 

Nachtrag 25.3.2013: Warum nicht gleich so?
Zypern und die internationalen Geldgeber haben sich nun auf eine andere Lösung geeinigt, die noch von den Parlamenten der Euroländer abgesegnet werden muss: Von den Pleitebanken in Zypern wird eine zerschlagen und eine andere zurechtgestutzt. Die Spareinlagen bis 100.000 Euro werden nicht angetastet, dafür die Vermögen, die darüber hinausgehen umso stärker (30 bis 50 % verlieren sie). Auch die neue Lösung ist hart, weil viele Zyprer dadurch ihren Arbeitsplatz bei einer Bank verlieren, aber sie erscheint mir besser und fairer, weil

  • am Bankensystem Zyperns was geändert wird und
  • damit die Eigentümer der Banken zuerst in Haft genommen werden und
  • dass Einlagen der Kunden unter 100.000 geschützt sind – mehr wird ja durch die Einlagensicherung nicht garantiert – wer mehr bei einer Bank als Guthaben hat, sollte das Risiko kennen.

Insofern bin ich mit der neuen Lösung ganz zufrieden und frage mich, warum man diesen Weg nicht gleich eingeschlagen hat. Das hätte das Vertrauen in Euroland nicht so geschädigt.
Ein Anlass zum Jubel besteht vor allem für die Zyprer natürlich nicht, denn die Menschen, die gerade ihre Jobs verlieren, haben im Moment auch wenig Perspektiven, denn so viel Möglichkeiten gibt es ja in Zypern nicht.
Anzeige



Veröffentlicht unter Geld, Geldanlage, Mitreden | Verschlagwortet mit , , | 6 Kommentare